Der Conchita-Effekt: Ist "Schwul sein" in Österreich jetzt Wurst?

Der Conchita-Effekt: Ist "Schwul sein" in Österreich jetzt Wurst?

Der Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest, der bevorstehende Life Ball und eine Werbekampagne für Akzeptanz von Homosexualität lassen meinen, Österreich sei was Sexualität betrifft ein extrem liberales Land. In der Wirtschaft ist "Schwul sein" aber immer noch ein weit verbreitetes Tabu-Thema.

Songcontest-Diva Conchita Wurst, das Alter Ego des österreichischen Künstlers Tom Neuwirth, hat geschafft, was in Österreich bislang kaum jemand gelungen ist: Homosexualität als etwas völlig Normales zu zeigen und damit in der breiten Masse akzeptiert zu werden. Am 31. Mai findet in Wien der Life Ball statt, der sich für Toleranz gegenüber Homosexuelle stark macht und in Österreichs Radios laufen Werbespots, in denen „Schwul sein“ als etwas völlig Normales erklärt wird: „Geschätzte 800.000 Österreicher sind schwul, heißt es darin. Das ist jeder Zehnte. Der Nachbar, der Arbeitskollege, die Klassenkameradin, der eigene Sohn…“

Ist Österreich tatsächlich so liberal, dass „Schwul sein“ plötzlich breit akzeptiert ist? Oder überstrahlt der Erfolg von Conchita Wurst bloß eine abseits von Kunst, Glamour und Life Ball Schick vorherrschende homophobe Grundstimmung im Land?

In der Wirtschaft ist man jedenfalls – so wie im Sport noch weit davon entfernt, „Schwul sein“ als etwas völlig Normales zu sehen. Das Thema wird verklemmt behandelt. Nach schwulen Handwerkern, Managern und Führungskräften muss man gezielt suchen - und wird nur wenige finden. Coming-outs sind selten. Leistung, Härte und Ausdauer – Eigenschaften, die in Führungspostionen gefragt sind, und Homosexualität – das schient für viele einfach nicht zusammen zu passen.

Homosexualität unbekannt

In börsenotierten Unternehmen scheint es Homosexualität überhaupt nicht zu geben. Was selbstredend ein Quatsch ist, aber das bisher erste und einzige Coming-out eines Managers eines im Deutschen DAX notierten Konzerns gab es vor über zehn Jahren. In Österreich ist noch kein einziger Manager eines im ATX notierten Unternehmens dazu bekannt. Auch aus den Führungsebenen anderer heimischer Unternehmen sind nur wenige Menschen bekannt, die ihre gleichgeschlechtlichen Partnerschaften offiziell gemacht haben. Offen lesbisch lebende Managerinnen oder bisexuelle Führungskräfte gibt es demnach in Österreich so gut wie gar nicht.

"Homosexualität ist noch ein gewisses Tabu, auch wenn sich das langsam ändert“, sagt Markus Knopp. Der Unternehmensberater ist Präsident der Agpro, der "Austrian Gay Professionals“, einem Netzwerk, das sich für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung Homosexueller stark macht und Vorbilder abseits der Regenbogenparade bieten will. "Wir sind noch nicht so weit, dass homosexuelle Menschen in der Arbeit genauso über ihre Familie oder Partner reden können wie heterosexuelle“, urteilt Knopp. Natürlich können Unternehmen sagen: Die sexuelle Orientierung der Mitarbeiter geht niemanden etwas an und braucht daher nicht besprochen zu werden. Doch es ist nachgewiesen, dass ein Arbeitsklima voller Ressentiments weder Kreativität noch Produktivität steigert: Bis zu 20 Prozent ihrer Arbeitskraft sollen Schwule und Lesben Studien zufolge dafür verwenden, ihre Neigung zu verschleiern.


Bernd Schlachner / Bild: © News/ Vukovits Martin

Auch auf der Führungsebene werden Scheinwelten aufgebaut. Für öffentliche Veranstaltungen wird eine Begleitung organisiert, um Gerüchten vorzubeugen. Oder Berufliches und Privates wird total getrennt. "Dabei sollte das alles kein Thema sein, und wenn man selbst mit sich klar kommt, dann tut es auch die Gesellschaft“, sagt Bernd Schlacher. Beginnend mit dem Restaurant Motto hat er in Wien ein Gastronomie-Imperium aufgebaut und seine Homosexualität dabei nie verschwiegen.

Am Arbeitsplatz: Nur 23 Prozent outen sich

Offen über eine Beziehung zu einem gleichgeschlechtlichen Partner zu sprechen - das macht man in Österreich eben nicht. Schon gar nicht, wenn es um Job und Karriere geht. "Das Thema ist stark tabuisiert, es wird auch in Bewerbungsgesprächen nicht thematisiert“, beobachtet etwa Gundi Wentner, die bei Deloitte den Bereich Human Capital Consulting leitet.


Gundi Wentner / Bild: © News/ Vukovits Martin

Laut einer Studie der EU-Grundrechtsagentur outen sich in Österreich nur 23 Prozent gegenüber ihren Arbeitskollegen. Rund ein Fünftel gibt an, im Berufsleben mit Ausgrenzung und Diffamierung zu kämpfen. „Das passiert kaum mehr offen - dafür ist der Compliance-Druck im Arbeitsleben zu groß geworden -, sondern subtiler“, sagt der deutsche Unternehmer und Diversity-Forscher Jens Schadendorf. Sein Buch „Der Regenbogen-Faktor. Schwule und Lesben in Wirtschaft und Gesellschaft. Von Außenseitern zu selbstbewussten Leistungsträgern“ erscheint am 6. Juni. Er hat dafür mit vielen Menschen gesprochen, auch in Österreich.

Über die eigene Sexualität zu reden, kann immer noch Nachteile haben. "Viele fürchten, ein Coming-out würde ihnen schaden, weil sie dann von ihren Kollegen und Kolleginnen nicht mehr anerkannt werden und in Folge gemobbt, bei Beförderungen übergangen oder gar entlassen werden“, sagt auch Roswitha Hofmann, die an der Wirtschaftsuniversität Wien zu Gender und Diversität forscht. Die Vorurteile sind auch abseits der Fußballwelt groß: Schwule Männer gelten als schwach, lesbische Frauen nicht als "echte“ Frauen und werden oft auf ihre Sexualität reduziert.

Gesellschaftliche Toleranz steigt

Dabei bricht Österreichs Bild einer Republik mit starker katholisch-konservativer Prägung langsam, auch abseits des Life Balls. Obwohl die traditionelle Familie - Mann, Frau, verheiratet, zwei Kinder - immer noch als Ideal gilt, ist die Akzeptanz für andere Formen ist gestiegen:
"Ich denke, dass in Österreich die Bevölkerung viel weiter und entspannter ist, als die zum Teil sehr hermetische Politik- und Funktionärsebene“, sagt Norbert Kettner, der Chef des Wien Tourismus im Interview . Dennoch scheint die Angst davor, den traditionell denkenden Wähler oder Kollegen vor den Kopf zu stoßen, immer noch so groß zu sein, dass man das mit dem Coming-out lieber lässt.


Korbert Kettner / Bild: © trend/Rene Prohaska

Vorbilder sind selten - auch in der Politik (siehe " Solange es Diskriminierung gibt, ist Homosexualität Thema "). Markus Knopp von der Agpro findet das schade: "Je mehr Menschen sich outen, desto mehr steigt die Akzeptanz, weil die Vorurteile quasi automatisch ausgeschaltet werden,“ hofft er. Allerdings sei jedes Outing eine sehr persönliche Entscheidung.

Besonders schwierig hätten es Nicht-Heterosexuelle abseits der Ballungsräume und in „männlich-ingenieurlastigen“ Branchen wie Maschinen- und Anlagebau. „Es mag daher kein Zufall sein, dass Autohersteller wie VW oder BMW bei der Vermeidung von Diskriminierung oder der aktiven Nutzung der Potentiale von Schwulen und Lesben keine Vorreiterrolle einnehmen“, sagt Schadendorf. Deutlich progressiver sind etwa Töchter US-amerikanischer Konkurrenten, zum Beispiel Ford, oder Unternehmen, die auch am amerikanischen Markt aktiv sind. „Selbst in diesen Firmen gibt es nicht selten Unterschiede im deutsch- und im amerikanischen Raum betrachtet. Noch weniger - bis nichts - geschieht dann aber in Ländern wie Russland oder Saudi-Arabien, wo Homosexualität strafrechtlich verfolgt.“

Ausgehend von den USA gilt bei vielen Unternehmen Vielfalt mittlerweile als Wert, der am Ende zu besseren Ergebnissen führen soll. Um einen möglichst bunten Pool an Talenten zu haben, nimmt sich das "Diversity Management“ gezielt Minderheiten an. Egal ob das die Religion, den kulturellen Hintergrund oder die sexuelle Orientierung betrifft.

Vorteil durch Vielfalt

Zu den Vorreitern in Österreich zählt IBM. Schon seit 25 Jahren versuche man Arbeitsbedingungen zu schaffen, die "niemanden wegen seiner sexuellen Orientierung benachteiligen“, sagt die Diversity-Beauftragte Dagmar Gaugl. Offenheit gibt es auf den verschiedensten Ebenen: Initiativen zur Gleichstellung werden unterstützt, im Juni wird die Regenbogenflagge gehisst, bei der Regenbogenparade ist IBM dabei, es gibt firmeninterne LGBT (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender)-Netzwerke, über die neue IBM-Mitarbeiter gleich zu Beginn informiert werden. Dem Unternehmen ist es egal, welches Geschlecht der Partner hat, wenn es um Pflegefreistellung, Zusatzversicherung, Hospizkarenz oder Pensionspläne geht. Führungskräfte werden extra geschult, seit kurzem werden im Unternehmen "Alliierte“ gesucht - Heterosexuelle, die offen für die Gleichbehandlung aller eintreten. Die Resonanz auf diese liberale Haltung sei durchwegs positiv, es gebe auch Top-Manager, die sich geoutet hätten, sagt Gaugl.

Andere Unternehmen gelten ebenfalls als Vorbilder, was die Gleichstellung betrifft, etwa die Versicherung Wiener Städtische oder Baxter. Der Pharmakonzern hat im vergangenen Jahr von den USA ausgehend damit begonnen, die Bedürfnisse von Homosexuellen aktiv zu berücksichtigen. Das wird vom Top-Management unterstützt, Plattformen wurden ins Leben gerufen. "Unser Ziel heuer ist es, das Thema noch stärker in den Vordergrund zu rücken“, sagt Alexandra Hilgers, Personalmanagerin bei Baxter. Geplant sind etwa Netzwerk-Frühstücke, zu denen Betroffene aus allen Abteilungen kommen können und auch Gespräche mit Lieferanten, die ebenfalls zu Offenheit eingeladen werden.

"Schwulsein ist für mich so normal wie Kaugummi-Kauen“, sagt Lukas Haider vom Beratungsunternehmen Boston Consulting Group. Bei BCG gibt es ebenfalls eigene Netzwerke für LGBT, die sowohl regional als auch weltweit organisiert sind. Es wird Wert darauf gelegt, Partner von Mitarbeitern unabhängig vom Geschlecht gleichzustellen - bei den Sommerfesten und Weihnachtsfeiern kommen seit einigen Jahren schon Männer mit ihrem Mann.

Baxter-Manager Albert Lauss, der sich selbst geoutet hat, freut sich, "dass das Baxter Equality Network von der Unternehmensleitung unterstützt wird. Natürlich gibt es auch wirtschaftliche Hintergründe für diese Haltung: Mitarbeiter, die sich wohl fühlen, sind produktiver.“

Auch am Land und in kleinen Unternehmen kann Diversität gut gelebt werden. "Coming-out ist ein Prozess, den man mit sich selbst ausmachen muss“, betont ein 43-jähriger Tiroler, der in einer Kleinstadt einen Handwerksbetrieb führt und lieber anonym bleibt. Er will weiterhin an seiner Leistung gemessen werden und nicht an seiner sexuellen Orientierung, auch wenn die schon lange kein Geheimnis mehr ist. Sein Partner arbeitet mit ihm zusammen, das Geschäft läuft bestens. Wenn man offen damit umgehe, würden auch die Kunden und Mitarbeiter kein Problem damit haben, sagt der Unternehmer, und: "Die Gesellschaft ist da um Jahrzehnte weiter als die Politik.“

Stil

Christoph Joseph Ahlers: "Sex ist wie Beton“

Wirtschaft

Kulinarischer Doppelpass von Do & Co mit Austria Wien

Werbung, Marketing & PR

Romantik und Kapitalismus - ein regelrechtes Traumpaar