Protzen statt kleckern auf der IAA – mitten in der Auto-Krise

Zwar kann Europas Absatzkrise nicht ausgeblendet werden, im Glanz der Scheinwerfer leuchten an den Messeständen aber die Hoffnungsträger von morgen: PS-starke Sportwagen von Porsche oder Ferrari, der Opel-Konzeptwagen Monza als Sinnbild des ersehnten künftigen Erfolgs, und vor allem viele Hybride und E-Autos.

Protzen statt kleckern auf der IAA – mitten in der Auto-Krise

BMW betritt mit dem Elektro-Kleinwagen i3 mit Carbon-Karosserie Neuland, auch Branchenreise VW springt auf den Zug auf und bringt den Kleinwagen Up und den Bestseller Golf mit Elektroantrieb. "Elektromobilität ist keine Vision mehr, die E-Autos kommen jetzt auf die Straße", sagt der Präsident des Automobilverbands VDA, Matthias Wissmann.

Ob der Batterie die Zukunft gehört, sich die Brennstoffzelle durchsetzt, oder ob doch Hybride die Nase vorne haben werden, weiß freilich noch niemand. Doch der Markt ist hart umkämpft, alle Hersteller wollen sich für jeden Fall in Position bringen. "Die große Begeisterung sehe ich bei den deutschen Autobauern nicht, aber die Angst, bei neuen Technologien den Anschluss zu verlieren", sagt Experte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management.

Um den Imageverlust zu vermeiden, nehmen die Autobauer viel Geld in die Hand. Zumal die EU immer striktere CO2-Grenzen vorschreibt. Das zwingt die mit dicken Oberklassewagen erfolgreichen Deutschen, Alternativen zu schmutzigen Kraftstoffen zu finden. "Der hohe Preis für die Forschung und Entwicklung ist ein Problem für die Autoindustrie in den kommenden Jahren", sagt Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Er traut den Autobauern in naher Zukunft deshalb auch nur mickrige Gewinne zu, wenn überhaupt.

"Das schlechteste Autojahr der letzten 30 Jahre"

Mut und Investitionen sind gefragt, auch wenn die Lage in Europa noch schwierig ist. "Das Jahr 2013 wird das schlechteste Autojahr der letzten 30 Jahre in West-Europa, und in Deutschland werden so wenige Neuwagen verkauft wie seit 1989 nicht mehr", prognostiziert Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center Automotive Research.

Immerhin brachte der Juli etwas Licht ans Ende des Tunnels: Der Absatz in der EU lag knapp fünf Prozent über Vorjahr, das nährt die Hoffnung auf eine Trendwende. "Die Neuzulassungen in Europa sind seit mehr als fünf Jahren rückläufig. 2012 wurden 3,5 Millionen Fahrzeuge weniger zugelassen als in 2007. 2013 markiert wahrscheinlich den Tiefpunkt", urteilen Experten der Beratungsgesellschaft PwC. Da kommt die IAA gerade recht, um für frischen Schwung zu sorgen.

Zwar habe es zuletzt selbst im Europa-Geschäft der Sorgenkinder Ford und Opel Hoffnungsschimmer gegeben. Dennoch tritt Experte Pieper auf die Euphoriebremse: Anstelle einer kräftigen Erholung erwartet er eine Stabilisierung, mehr als zwei bis drei Prozent Plus in Europa seien nicht drin.

Peugeot und Fiat im Eck

Wirtschaftlich haben die meisten deutschen Hersteller die Autokrise allerdings locker gemeistert, im Gegensatz zu Peugeot oder Fiat. Volkswagen, Daimler oder BMW fuhren in den ersten sechs Monaten Milliardengewinne ein. Dabei haben die guten Geschäfte in Übersee die Schwäche in der Heimat überdeckt. Seit längerem gilt die Faustregel: Wer das schwache Europageschäft nicht in den Autoboom-Regionen China und USA ausgleichen kann, hat ein Problem.

Doch wie lange geht das gut? Nach einer Studie von Ernst & Young verkauften die deutschen Autobauer im zweiten Quartal zwar sechs Prozent mehr Fahrzeuge als vor einem Jahr, der Umsatz stieg aber nur um fünf Prozent - und der Gewinn sank sogar um fünf Prozent. Die deutschen Konzerne leiden unter der Absatzschwäche auf dem europäischen Heimatmarkt, dem massiven Preisdruck und dem starken Euro, begründet EY die Entwicklung: "Zudem müssen hohe Investitionen in moderne Antriebstechnologien und die Vernetzung der Fahrzeuge getätigt werden, die ebenfalls die Margen belasten."

CAR-IT und der Traum vom vollautomatischen Fahren

Denn auch wenn Google mit seinem bereits erprobten Roboter-Wagen nicht auf der IAA vertreten ist: Das Thema Car-IT ist einer der großen Schwerpunkte bei der Internationalen Automobil-Ausstellung (12.-22.9.). Wissmann erwartet, dass der Traum vom vollautomatischen Fahren in 10 bis 15 Jahren Realität ist: Das Auto steuert - der Fahrer liest, checkt E-Mails oder schläft.

"Zusammen mit der E-Mobilität verändert das vernetzte Auto die mehr als hundertjährige Tradition des Autos", sagt Bratzel und spricht von einer "völlig neuen Qualität des Fahrens": "Das wird die Autoindustrie in ihren Grundfesten erschüttern." Denn es sei angesichts neuer Wettbewerber wie Google noch völlig unklar, welcher Hersteller diese Revolution überleben wird.

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