Norwegen: Der irrsinnige E-Auto-Boom

Norwegen: Der irrsinnige E-Auto-Boom

Denn das Königreich Norwegen zählt zu den wenigen Ländern, in denen die sogenannten "Stromer" durchstarten. Immerhin drei Prozent der Neuzulassungen entfielen dort zuletzt schon auf E-Fahrzeuge, davon können China, Deutschland oder die USA nur träumen.

Zwar elektrisiert auch sie der Gedanke an weniger Abgase in den Städten. Doch kamen die Autos ohne Auspuff 2012 auf dem weltgrößten Fahrzeugmarkt USA nur auf einen Marktanteil von 0,1 Prozent. In Deutschland sind unter den zugelassenen 43 Millionen Fahrzeugen gerade einmal 7000 Elektroautos. Das sind keine 0,02 Prozent.

Nichts einfacher also, als Norwegens Rahmenbedingungen abzukupfern, damit dann auch hier mehr E-Autos unterwegs sind? Weit gefehlt. Denn der Blick aufs Detail zeigt, dass das Königreich kein Musterland ist: Elektroautos verkaufen sich in und um Oslo vor allem deshalb gut, weil die Mitte-Links-Regierung um Ministerpräsident Jens Stoltenberg sie mit exorbitanten Vergünstigungen von bis zu 6300 Euro pro Jahr fördert.

"Supertax" zeigt Wirkung

Norwegen kann sich die üppige Förderung im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern vor allem deshalb leisten, weil die Öl-Vorkommen vor seiner Küste gigantische Einnahmen in die Staatskasse spülen. Und weil die Milliarden verlässlich fließen, soll die Förderung der E-Autos auch über 2017 hinaus verlängert werden. Allein schon beim Kauf zeigt sich die Regierung generös: So kostet der Topseller Nissan Leaf mit 32.700 Euro nur knapp 400 Euro mehr als etwa der VW Golf. Das liegt daran, dass "normale" Autos beim Kauf mit einer hohen Steuer - der sogenannten Supertax - belegt werden, der Leaf aber nicht. Das verbilligt den Wagen nach Angaben des Statistikamtes um 8500 Euro oder - auf den Auto-Lebenszyklus heruntergebrochen - 1100 Euro pro Jahr.

Zum Vergleich: In Deutschland wird der Leaf ab 33.990 Euro angeboten, der Golf kostet bei VW mindestens 16.975 Euro, zusätzliche Rabatte nicht eingerechnet. Für den neuen Elektro-Kleinwagen i3 von BMW wird mit einem Preis von rund 40.000 Euro gerechnet. Experten haben die Faustregel, dass ein stromgetriebenes Auto rund 50 Prozent mehr kostet als ein vergleichbarer Benziner. In Großbritannien etwa kostet der Leaf umgerechnet 27.300 Euro, der Golf 18.900. Norweger haben im Vergleich mit ihren europäischen Nachbarn zudem ein sehr hohes Pro-Kopf-Einkommen, wodurch E-Autos für sie noch erschwinglicher werden.

Und mit dem Kauf hört die Förderung in dem skandinavischen Land nicht auf. Die größte Entlastung bringt die Befreiung von Parkgebühren. Sie summieren sich im Schnitt auf rund 3800 Euro im Jahr. Hinzu kommen per annum 1100 Euro aus der Maut-Befreiung.

Norwegen lockt aber nicht nur mit finanziellen Anreizen. E-Autos dürfen auf der Bus-Spur fahren und sind sich damit neidischer Blicke anderer Fahrer sicher, die im morgendlichen Berufsverkehr im Stau stehen. Als ob das noch nicht genug wäre: für das Aufladen der Batterien nimmt der Staat kein Geld. Auf 446 Parkplätzen allein in Oslo gibt es inzwischen Stationen zum kostenlosen Strom tanken, weitere 800 sollen in den kommenden vier Jahren hinzukommen.

Teurer Kampf gegen CO2

Lohnt sich der ganze Aufwand? Der Analyst Bjart Holtsmark vom norwegischen Statistikamt hat einen Toyota Prius Hybrid verglichen mit dem Nissan Leaf und für den Prius dabei einen CO2-Ausstoß von 0,6 Tonnen im Jahr angenommen. Ergebnis: Norwegen zahlt bis zu 10.500 Euro im Jahr zur Vermeidung von einer Tonne Treibhausgas. Zum Vergleich: die europäische Industrie kann das Recht zur Luftverschmutzung an der Börse kaufen. Der Preis liegt dort bei vier Euro pro Tonne.

Für Holtsmark haben die vielen Anreize sogar negative Folgen. Norwegen hat den höchsten Lebensstandard der Welt. Viele Einwohner können es sich deswegen leisten, ein E-Auto als Zweitwagen zu kaufen und nutzen kaum mehr Busse und Bahnen im öffentlichen Nahverkehr. Die Folge sind insgesamt mehr Autos auf den Straßen.

Auch bei der Vermeidung von Abgasen ist Norwegen zwar Spitze, kann aber nicht einfach kopiert werden. Elektroautos blasen dort auch indirekt kaum CO2 in die Luft, denn das Königreich kann fast 100 Prozent seines Stroms umweltfreundlich aus Wasserkraft produzieren. In anderen Ländern geht das nicht, dort sind oft Kraftwerke in Betrieb, vielfach gar besonders klimaschädliche Kohle-Kraftwerke.

Strom aus Kohle

In China etwa könne man sich über jedes Elektroauto weniger auf den Straßen nur freuen, sagen manche Experten. Denn dort gebe es besonders viele Kohle-Kraftwerke mit schlechten Filtern, die auch noch Chemikalien, Säuren und Metalle aus dem Schornstein lassen. Ein E-Auto komme dort deshalb pro Kilometer auf mehr Schadstoffe als ein Benziner.

In Norwegen fühlt sich selbst manch Besitzer eines Stromers mit der Großzügigkeit des Staates nicht ganz wohl: "Die Anreize sind eigentlich zu hoch", sagt Ole Marius Lauritzen. Er wohnt 25 Kilometer außerhalb Oslos und pendelt in die Hauptstadt, wo er in einer Bank arbeitet. Für weitere Strecken mag sich der 44-Jährige aber nicht ans Steuer eines Stromers setzen. Viele E-Autos kommen etwa 160 Kilometer weit, bis sie wieder aufgeladen werden müssen - bei Kälte sind es noch weniger. BMW-Chef Norbert Reithofer argumentiert, die tägliche Fahrstrecke betrage im weltweiten Durchschnitt nur 64 Kilometer. Der Münchner Dax-Konzern setzt anders als die Konkurrenz nicht auf Hybrid-Modelle, sondern reine E-Fahrzeuge.

Trotzdem bleiben viele potenzielle Kunden skeptisch, vor allem in Amerika: In einer US-Erhebung erklärten 70 Prozent der Befragten, sie würden erst ab 300 Meilen (510 Kilometern) einen Kauf erwägen, trotz einmaliger Förderung des Staates von bis zu 7500 Dollar und weiteren regionalen Anreizen.

Sind die Ziele erreichbar?

Die USA sind mit 14.687 verkauften Elektroautos 2012 zwar der Zahl nach der weltgrößte Markt. Bezogen auf den US-Gesamtabsatz von rund 14 Millionen Fahrzeugen ist das aber sehr bescheiden. Die US-Regierung hat sich denn auch von großen Zielen verabschiedet, die Zahl von einer Million Elektro-Fahrzeuge bis 2015 auf US-Straßen nimmt niemand mehr in den Mund. In Deutschland ist die 2010 ausgegebene Millionen-Marke aber noch offizielles Ziel von Kanzlerin Angela Merkel, wenn auch erst bis 2020. Kaufprämien soll es hierzulande nicht geben.

Auch in Europa werden auf dem Papier ehrgeizige Ziele verfolgt. So hat sich die EU bis 2020 mindestens neun Millionen Stromer auf ihre Fahnen geschrieben - derzeit sind es weniger als 100.000. Experten zufolge halten viele Länder an hohen Zielen fest, weil sonst das Vorhaben nicht mehr seriös sei, die Treibhausgase bis 2050 um 80 Prozent zu senken.

In Norwegen indes macht selbst die Großzügigkeit des Staates nicht alle glücklich. Dazu zählt Umweltminister Baard Vegar Solhjell. Er hat mit seiner Frau drei kleine Kinder - und ein Elektro-Auto für eine Familie dieser Größe hat kein Hersteller im Programm. Bei den Solhjells steht deshalb ein Ford Galaxy mit sieben Sitzen vor der Tür - mit klassischem Antrieb.

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