"Mit dem Golf kann sich jeder sehen lassen"

Von dem Bestseller in siebter Generation hängt nicht nur ab, ob Volkswagen im populären Kompaktsegment die immer zahlreicher werdende Konkurrenz auf Distanz halten kann. Für den Konzern hat der Golf auch eine hohe Symbolkraft, denn nach ihm wurde eine eigene Autoklasse benannt.

"Mit dem Golf kann sich jeder sehen lassen"

Wenn der Golf schwächelt, schwächelt auch VW, heißt es in der Branche. "In der Kompaktklasse entscheidet sich, ob Volkswagen seine ehrgeizigen Ziele erreichen kann", ist Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer überzeugt. VW selbst spricht vorsichtig vom "vielleicht wichtigsten Fahrzeug der Marke".

Mindestens ebenso bedeutsam wie ein guter Verkaufsstart ist für VW auf dem Weg an die Weltmarktspitze, dass sich mit dem Hoffnungsträger auch ein neues Produktionssystem beweisen muss. Nach dem Audi A3 nutzt der Golf als meistverkauftes Volumenmodell des Konzerns den neuen Baukasten, auf dem in einigen Jahren weltweit mindestens 40 Kompakt- und Mittelklassewagen sowie kleinere Modelle der Marken VW, Audi, Skoda und Seat basieren sollen, deren Motoren quer zur Fahrtrichtung eingebaut sind. 3,5 Millionen Fahrzeuge jährlich sollen sich in Zukunft Komponenten teilen. Der Fahrzeugboden, die Achsen oder die Einheit aus Motor und Getriebe sind so ausgelegt, das sie nicht nur für einen Autotyp passen, sondern gleich für mehrere Modelle und über die Grenzen der Marken hinweg verwendet werden können. VW verspricht sich von dieser Weiterentwicklung des Modulsystems noch mehr Flexibilität und will die Kosten dadurch um mindestens ein Fünftel senken.

Leitwolf im Rampenlicht

Wie wichtig der Golf für VW ist, zeigt schon die Tatsache, dass von dem Modell allein im vergangenen Jahr 914.000 Einheiten in den verschiedenen Versionen vom Band liefen. In Europa ist der Golf unbestritten Klassenbester; mehr als 568.000 Einheiten kamen davon nach Daten des Essener Marktforschungsinstituts Polk im vergangenen Jahr in den 27 EU-Staaten und den drei Efta-Ländern neu auf die Straßen. Erst mit einigem Abstand folgte der Opel Astra, von dem 295.000 Exemplare verkauft wurden, dicht gefolgt vom Ford Focus mit 281.500 Einheiten.

Immer mehr Konkurrenten tummeln sich in dem von VW vor knapp vier Jahrzehnten gegründeten Segment und versuchen das Erfolgsrezept des "klassenlosen Fahrzeugs" zu kopieren. "Mit dem Golf kann sich jeder sehen lassen, vom Facharbeiter bis hin zum Vorstand", beschreibt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach das Erfolgsgeheimnis. Der Name diente sogar zur Beschreibung des Lebensgefühls einer ganzen Generation, die in den 1980ern in der Bundesrepublik aufwuchs und am Steuer des VW-Bestsellers fahren lernte: der Generation Golf. VW wagt deshalb kaum größere Änderungen am Design. "Man soll fast unbesehen einen Golf kaufen können und wissen, die Qualität stimmt. Eine solche Vertrauensbasis hat sonst keiner", beschreibt Wolfgang Meinig von der Bamberger Forschungsstelle Automobilwirtschaft den Wettbewerbsvorteil von VW.

Seit 1974 der erste seiner Art auf die Straßen kam, wurden mehr als 29 Millionen Golf gebaut - vom klassischen Schrägheck über die später folgende Hochdachversion Golf plus bis zu Kombi und Cabriolet. Zum Vergleich: Der legendäre VW-Käfer schaffte es in 50 Jahren auf 21,5 Millionen - allerdings war zu dessen Hochzeit die Motorisierung noch nicht so weit fortgeschritten. Lediglich der Corolla/Auris von Toyota kann da mithalten. Von dem wurden bisher fast 40 Millionen Stück produziert.

Soweit hat es die Konkurrenz von Opel, Ford (Focus) über Renault (Megane) und Peugeot (308) bis zu Nissan (Qashqai) noch nicht gebracht. Aber sie holen auf, der Leitwolf auf Wolfsburg spürt längst den Atem der Meute im Nacken. Waren es bislang vor allem Massenhersteller, so tummeln sich inzwischen auch immer mehr Premiumhersteller in dem begehrten Segment. Auch sie wollen junge Kunden locken, denen sie später die größeren, teureren Limousinen verkaufen können. BMW ist mit dem 1er ein ernstzunehmender Rivale geworden, mit dem der Golf um die betuchtere Kundschaft konkurriert. Noch enger dürfte es für den Primus werden, wenn im September die neue A-Klasse von Mercedes auf den Markt kommt, mit der Daimler das bisherige Image seines Kompaktwagens als Seniorenauto endgültig abstreifen will.

Der mit dem Golf tanzt

Auch die Koreaner feiern mit attraktivem Design Verkaufserfolge und schnappen dem Golf Marktanteile weg. Wie ernst VW die Konkurrenz von Hyundai und Kia nimmt, zeigt ein Video, das sich auf Youtube großer Beliebtheit erfreut. Es zeigt VW-Chef Martin Winterkorn auf der letzten IAA in Frankfurt, wie er mit finsterer Miene die Qualität des Golf-Rivalen Hyundai i30 inspiziert. Der Ausspruch "Da scheppert nix", den Winterkorn im Beisein von Golf-Designer Klaus Bischoff macht, wenn er die Lenkradverstellung auf und zuschnappen lässt, hat in der Autoindustrie Kultstatus erlangt, wenn es um die Qualitätsfortschritte der koreanischen Marken geht. Für Hyundai wirkte das von einem unbekannten Messebesucher auf die Videoplattform gestellte Filmchen wie Werbung.

Alle schauen nun auf Wolfsburg. "Es wäre ein schwerer Schlag für die Bemühungen von VW, Toyota in den nächsten Jahren als Weltmarktführer abzulösen, wenn der Golf nicht läuft", sagt Bratzel. Wegen der großen Bedeutung eines gelungenen Produktionsstarts nutzt VW die Werksferien. Nur jeder zehnte Golf, der derzeit vom Band läuft, ist in der Anfangszeit ein Modell der neuen Generation. Damit bleibt die Stückzahl vorerst übersichtlich, um mögliche Fehler zu erkennen und rechtzeitig vor dem Verkaufsstart auszumerzen. Nichts soll dem Zufall überlassen werden. Schließlich hat man einen guten Ruf zu verteidigen.

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