Mercedes Benz S500 – Staatsfreund Nr. 1

Mercedes Benz S500 – Staatsfreund Nr. 1

Monatelang schon dieses Trommelfeuer. Mercedes hat Qualitätsprobleme; die A-Klasse hat einen Bildschirm, der aussieht wie vom Lidl; BMW verkauft mehr Autos; Audi verkauft mehr Autos; der CLA ist ein Häusl; Mercedes hat Absatzprobleme in China; der Stern ist verblasst.

Und dann kommt die neue S-Klasse, und alles ist wieder, wie es sein muss. Mercedes ist natürlich vorne, wo die Marke hingehört, zumindest im Segment der großen Luxuslimousinen.

Auch über die S-Klasse haben sie schon gelacht, man denke an die Baureihe 140 in den Neunzigern, die zu groß und zu plump für alles war. Aber der aktuelle "S“ ist nicht plump, er hat gute Maße, harmonische Rundungen, insgesamt das Staats- und Kanzlerformat, das der große Daimler haben soll.

Wer aber losfährt, ohne vorher die gefühlt 4000-seitige Betriebsanleitung zu lesen, und gleich einmal versucht, etwa die Klimaanlage auszuschalten oder den Luftstrom umzuleiten, wird nach ein paar Kilometern und hoffnungslos verirrt im siebten Untermenü vor Wut und Verzweiflung zu weinen anfangen.

Wie jede S-Klasse zuvor ist auch die aktuelle eine Versammlung der automobilen Möglichkeiten der alleraktuellsten Entwicklungsstufe. Ja, weit darüber hinaus auch eine stolze Roadshow deutscher Ingenieurskunst, regelrecht eine nationale Selbstvergewisserung: Niemand sonst auf der großen, weiten Welt kann so ein Auto erschaffen. In unserer Zeit heißt das vor allem: Assistenzsysteme in einer Fülle, dass man sich als Fahrer unwillkürlich fragt, ob man wieder aussteigen soll, weil man eh nur stört.

Wir fuhren die S-Klasse in normaler Länge. Es gibt sie auch als Chauffeurswagen um 13 Zentimeter länger, und vom konstruktionstechnischen Startpunkt aus betrachtet, ist eigentlich das die normale Version - von ihr wurde ausgegangen. Man hat da an China gedacht: mit Executive-Liegesitzen im Fond (samt "Hot-Stone-Massagefunktion") und der Möglichkeit, dass der Fahrer Telefonate von vorn nach hinten durchstellt.

Wozu das Auto uns nicht braucht: Es blickt über unzählige Kameras selbst in die Welt hinaus, erkennt zu jeder Tages- und Nachtzeit Tiere, Menschen, den Querverkehr, bremst, wenn es der andere nicht tut, ja, lenkt sogar. Dieses im Kontext des aktiven Tempomaten - das Auto hält den Abstand zum Vordermann und hilft dem Fahrer im Stautempo auch beim Spurhalten durch selbsttätiges Steuern. Eine Vorstufe zum komplett autonomen Fahren, das die S-Klasse längst beherrschen könnte, bei jedem Tempo und bei jedem Wetter. Der Serienreife stehen nur noch die komplexen Haftungsprobleme im Weg.

Mit unglaublicher Gelassenheit schwebt die große Limousine über die Zumutungen kleinbürgerlichen Straßenbaus. Wer die Nebensächlichkeit von 5900 Euro investiert, genießt Magic Body Control: Das Fahrwerk stellt sich proaktiv auf Unebenheiten ein, die vorweg mit Kameras erfasst, bewertet und danach von der Dämpfungsregelung ungerührt weggebügelt werden. Neben Hitze, Kälte, Schadstoffen und Lärm wird auf diese Weise auch die Wegebeschaffenheit von den Insassen ferngehalten.

Die S-Klasse ist freilich auch ein hochindividualisierbarer, voll WLAN-fähiger Wohnraum. Wellnessorientiert, relaxfähig, kommunikationsunterstützend sowie duft- und lichtpsychologisch fein komponiert: Die Ambientebeleuchtung in Türen, Armaturenbrett und hinter den riesigen Bildschirmen lässt sich in sieben Farben und fünf Dimmstufen einstellen. Ferner sind vier verschiedene Raumdüfte zu wählen - nun ja, da haben sie sich bei Mercedes vielleicht in etwas verrannt. Duftspender gibt’s am Klo.

Gelassen also schwebt das Auto, aber es ist - Überraschung! - immer noch ein Auto, das man fährt: mit Lenken, Bremsen, Gasgeben. Und trotz aller Ausblendung der banalen Außenwelt fährt es sich richtig fein. Nicht behäbig, nicht gewichtig, eher lebendig und beweglich. Außerdem kraftvoll, natürlich, und sozusagen spritzig. Es wäre schade, das einem Chauffeur zu überlassen. In China oder anderswo.

Mercedes-Benz S500

Preis : 118.920 €
Motor : 8-Zylinder-Biturbo, 4663 ccm, 335 kW (455 PS)
Antrieb : Heck, 7-Gang-Automatik
Spitze : 250 km/h
0-100 km/h : in 4,8 sec
CO2-Ausstoß 213 g/km
MVEG 12,8/7,1/9,1 l/100 km

Ausstattung : Ledersitze, Navigation, WLAN, elektr. verst. Sitze

Extras : Kühlfach im Fond € 1525, TV-Tuner € 1499, High-End-Soundsystem € 8751

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