Luca di Montezemolo: "Wer seine Steuern nicht bezahlt, ist ein Dieb"

Der Meister empfängt in seinem Büro. Eleganter Maßanzug, Krawatte, handgenähte Schuhe. Wie immer ist er ein bisschen aufgeregt. Und wie immer hat er wenig Zeit. Sagt er jedenfalls. Am Ende spricht Luca di Montezemolo, 64, zwei Stunden. Die italienische Politik liegt ihm in diesen Tagen am Herzen - mehr noch als seine Autos. Er redet lange über den Zustand eines Landes, das nach der Herrschaft des Silvio Berlusconi am Boden liegt und das so dringend einen Neuanfang braucht. Was als Einführungsstatement gedacht war, endet als Manifest für ein neues Italien. Montezemolos Manifest.

Format: Signor Presidente, Italien hat eine neue Regierung, und eine der ersten Amtshandlungen der Regierung Monti war es, mit der Jagd auf Steuerhinterzieher Ernst zu machen - auch mit spektakulären Straßenkontrollen, bei denen Eigentümer von Luxusautos gefilzt wurden. Was sagt der Ferrari-Chef dazu?

Montezemolo: Bei Steuerhinterziehung kenne ich kein Pardon. Wer seine Steuern nicht bezahlt, ist ein Dieb - egal, welches Auto er fährt. Wir dürfen aber auch nicht in billigen Populismus verfallen. Nach dem Motto: Reich sein ist gleich Steuerhinterzieher sein.

Ihre Kunden, die Ferraristi, sind reiche Menschen. Schließlich kostet einer Ihrer Sportwagen mindestens 200.000 Euro. Machen Sie sich Sorgen um das Image Ihrer Kunden und Ihrer Marken?

Nein, wir müssen nur aufpassen, dass das Ganze nicht in Demagogie abdriftet. Wenn das vermieden wird, dann halte ich die Aktionen gegen Steuersünder für nützlich.

Sind Sie denn mit Mario Monti sonst zufrieden?

Natürlich! Der Kampf gegen die Steuerhinterziehung gehört neben der Rentenreform und dem Wiederherstellen unserer Glaubwürdigkeit zu den wichtigsten Dingen, die die Regierung Monti gemacht hat. Sie ist von den Italienern mit offenen Armen empfangen worden. Die Menschen wollten den Wandel, und das zu Recht!

Es sind doch nicht die Italiener, die Montis Vorgänger Silvio Berlusconi weggejagt haben. Er musste gehen, weil der Druck der Finanzmärkte auf Italien zu groß wurde.

Am Ende kamen viele Dinge zusammen. Die Finanzmärkte, und natürlich Europa. Aber nicht nur. Ich habe vor ein paar Jahren einen Think Tank gegründet, Italia Futura. Und wir haben schon im August 2010 Dinge gesagt, die hier in Italien für viel Ärger gesorgt haben. Es war die Zeit, in der alle nur über die Privatangelegenheiten einzelner Politiker gesprochen hatten und nicht über den Zustand unseres Landes. Da war uns klar, dass wir am Ende einer politischen Epoche angekommen waren.

Und wie geht es nun weiter mit Italien?

Wir müssen bei den Wahlen 2013 eine neue Ära einläuten, in der wir das Verhältnis von Bürger und Staat neu regeln. Der Staat muss einen Schritt zurücktreten und sich um das kümmern, was sein Kerngeschäft ist. Sicherheit, Schule, Forschung, Justiz, Gesundheit. Wir brauchen mehr Kinderbetreuung, damit die Italienerinnen arbeiten können, wenn sie es wollen. Aber je mehr sich unser Staat in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen, desto anfälliger wird er für Korruption und kriminelle Machenschaften. Der Staat kann keine Opfer verlangen, ohne bei sich selbst anzufangen. Das heißt: kürzen, schließen, verkaufen, Privilegien abschaffen. Und er muss transparent sein. Ich will endlich mal wissen, was der Staat mit meinen Steuern tut.

Wer soll das alles machen?

Eine neue, vom Volk gewählte Regierung.

Also nicht Monti?

Bei allem Respekt: Eine technische Regierung wie die von Monti ist gut für den Übergang. Aber irgendwann muss gewählt werden. Und die nächsten Wahlen in Italien werden sehr wichtig sein. Vergleichbar nur mit den ersten Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg, 1948. Ich höre immer: "Wir müssen die Italiener ändern.“ Nein, zuerst müssen wir den italienischen Staat ändern, dann die Italiener. Es ist wie in der Formel 1: Der beste Rennfahrer nützt Ihnen nichts, wenn er auf einer großen, alten und unbeweglichen Karre sitzt. So wird er nie Weltmeister, egal, was er kann.

Es nützt Ihnen aber nichts, wenn auch die Rennfahrer alt und unbeweglich sind.

Natürlich nicht. Wir hatten ja jahrelang immer dieselben Politiker. Die haben nur die Seiten gewechselt oder die Parteien umbenannt. Das heißt: Die sind alle seit 20, 30 Jahren irgendwie an der Macht gewesen. Italiens Bürger werden das aber nicht mehr akzeptieren. Ab 2013 muss jeder Bürger von den Politikern als ein Aktionär dieses Landes gesehen werden.

Und wer sind die neuen Rennfahrer, die so etwas leisten können?

Leute aus allen Bereichen. Aus der Politik, aber auch aus der Zivilgesellschaft, Professoren, Unternehmer, Ärzte - alle müssen ihren Beitrag leisten. Neue, junge Kräfte. Monti ist gut - in diesem historischen Moment brauchen wir einen glaubwürdigen Mann, der sehr sachbezogen handelt und der auch mal professoral spricht.

Sein Vorgänger Berlusconi sprach von Italien noch als einem "paese di merda“, also von einem "Scheißland“.

Deshalb brauchen wir jetzt eine Politik, die Vertrauen stiftet.

Das klingt so, als wäre Signor Montezemolo schon mitten im Wahlkampf. Eigentlich wollen Sie im nächsten Jahr Ministerpräsident werden, oder?

Diese Frage höre ich siebenmal in der Stunde. Und es freut mich sehr, dass ich immer gefragt werde. Sehen Sie, ich hatte dreimal großes Glück im Leben: Zunächst, weil ich nach dem Krieg geboren wurde, während viele aus meiner Familie im Krieg starben. Zweitens: Ich habe in meinem Leben mehr erreicht, als ich gedacht hätte. Ich war Fiat-Präsident, ich war Präsident des Arbeitgeberverbandes Confindustria, und ich bin seit 20 Jahren Ferrari-Chef. Und drittens: dass ich eine große Leidenschaft für mein Land habe und zugleich exzellente Beziehungen zu Menschen überall in der Welt unterhalte.

In der Ecke steht ein großes Aquarium mit bunten Zierfischen. Leise steigt Wasserdampf auf, die Luft in Montezemolos Büro ist feucht und warm. "Ist Ihnen auch so heiß?“, fragt der Hausherr.

Verstehen wir Sie richtig - Sie gehen in die Politik, halten sich aber noch offen, was Sie genau machen werden?

Gegen Ende meiner Zeit als Industriellenchef bin ich von vielen Seiten gedrängt worden. Und ich habe nein gesagt, weil ich nicht wollte, dass beide Ämter vermengt werden. Und außerdem glaube ich nicht, dass die Politik eine One-Man-Show ist. Es geht hier also nicht nur um mich. Es geht um die vielen jungen Leute, die heute zu meinem Think Tank Italia Futura gehören. Ich baue diese Leute auf, in den nächsten Jahren in die Politik zu gehen.

Versuchen wir es anders: Denken Sie daran, aus Italia Futura eine Partei zu machen?

Aus Italia Futura kann alles werden, auch wenn das momentan nicht im Programm steht. Heute nicht. Wenn Sie in sechs Monaten wiederkommen, kann ich Ihnen vielleicht mehr sagen. Nur so viel: Ich will nicht mehr - wie es in den vergangenen Jahren geschehen ist - immer nur nach hinten schauen. Gestern interessiert mich nicht. Ich will nach vorne sehen.

Vorne, da liegt viel Arbeit. Nicht nur, dass Wirtschaft und Politik in Italien neu aufgebaut werden müssen. Auch um das Verhältnis zwischen Italien und Deutschland steht es nicht zum Besten. Als die Costa Concordia havarierte und der Kapitän geflüchtet war, schrieb ein deutsches Medium: Francesco Schettino konnte ja nur ein Italiener sein.

Arrogant und provokativ.

Ja, aber am Tag danach, es war der Holocaust-Gedenktag, titelte eine italienische Zeitung: "Uns Schettino, Euch Auschwitz“. Sind die deutsch-italienischen Beziehungen auf dem Tiefpunkt?

Ein dummes Presseorgan fängt an, andere ziehen nach. Ich würde dem nicht zu viel Bedeutung beimessen. Natürlich sehe ich, wie Deutschland gerade wegen seiner Griechenland-Politik in Italien kritisiert wird. Und wenn ich sehe, was wir hier in Italien gerade leisten, muss ich sagen: Ja, richtig, wir müssen auch den Deutschen sagen: Jeder muss jetzt seinen Teil beitragen. Ich bin ein Team-Mensch. Das habe ich von der Formel 1 gelernt. So müssen wir auch in Europa arbeiten. Deutsche, Franzosen, Italiener. Alle zusammen, sonst geht es nicht. Solange wir in der Umkleidekabine sind, können wir uns alles um die Ohren hauen. Wenn wir dann aber draußen auf dem Spielfeld sind, müssen wir uns gegenseitig den Ball zuspielen.

Warum liegt Ihnen Europa, warum liegen Ihnen die Deutschen so besonders am Herzen?

Als ich geboren wurde, sprach ich besser Deutsch als Italienisch. Meine Mutter sprach fließend Deutsch, und ich hatte ein Kindermädchen, das immer Deutsch mit mir sprach. Heute verstehe ich Deutsch, spreche aber nicht mehr sehr viel. Was mir geblieben ist, sind viele deutsche Freunde - zum Beispiel Joe Ackermann. Ich spreche mit BMW-Chef Norbert Reithofer, mit Dieter Zetsche von Daimler. Ferdinand Piëch von VW ist einmal im Jahr hier bei mir. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe ich mal bei einem Abendessen auf einer wunderbaren Terrasse in Berlin getroffen, und sie hat mich nach Ischia gefragt, wo sie Urlaub machte. Und da ich dort jeden Quadratmeter kenne, habe ich gesagt: Frau Merkel, Sie können mich alles über Ischia fragen, was Sie wollen. Sie war "very impressed“. Gemeinsam werden wir Europa wieder aufbauen.

Vielleicht geht es mit Ihren Industrieprojekten etwas schneller. Sie interessieren sich nicht nur für rote Flitzer, sondern investieren nun auch mit Partnern eine Milliarde Euro in den Schienenverkehr.

Ein hoch riskantes Abenteuer. Mir raubt es den Schlaf, denn da geht es um mein Geld. Wir wollen die Liberalisierung der Hochgeschwindigkeitsnetze nutzen und haben das teuerste und ambitionierteste Privatprojekt in Italien der vergangenen zehn Jahre angestoßen. Wir haben für 650 Millionen Euro 25 Züge von Alstom gekauft. Auch Siemens hatte sich übrigens an der Ausschreibung 2006 beteiligt, aber verloren. Später sagte Siemens-Chef Peter Löscher zu mir: "Wenn ich damals schon bei Siemens gewesen wäre, hätte Alstom den Auftrag nicht bekommen.“ Sehr sympathisch, der Mann.

Und ab wann wollen Sie mit Ihren dunkelroten Hochgeschwindigkeitszügen den italienischen Eisenbahnen Konkurrenz machen?

Jetzt warten wir auf das Okay der italienischen Behörden. Wir hoffen, dass wir nach Ostern auf den Strecken Mailand-Neapel, Neapel-Venedig und Turin-Mailand starten können.

Bleibt es dabei?

Nein, 90 Prozent des Güterverkehrs in Italien erfolgen immer noch auf der Straße. Das bedeutet: Umweltbelastung, Staus, Ineffizienz.

Erstaunlich, dass ein Automanager so etwas sagt.

Sobald der Regionalverkehr und der Gütertransport auf der Schiene für den Wettbewerb geöffnet werden, bieten wir auch regionale Verbindungen und Cargo-Dienste an. Und mit unseren Hochgeschwindigkeitszügen würden wir natürlich gerne auch aus Italien herausfahren. Von Mailand und Venedig nach München oder nach Wien - das wäre fantastisch. Wir haben das beste italienische Essen an Bord, ein tolles Kino, einen Waggon fürs Relaxen. Solche Züge haben Sie noch nicht gesehen.

Und das alles macht einer, der eigentlich ein Automanager ist.

Autos und Züge passen wunderbar zusammen. Außerdem: Ich liebe Züge. Italien im Zug zu bereisen ist das Höchste. Sie gelangen direkt in die alten Stadtzentren. Schauen aus dem Fenster. Arbeiten. Das ist die Zukunft.

Wie sieht es denn mit der Zukunft von Ferrari aus? 90 Prozent gehören dem Fiat-Konzern, die Familie Ferrari hält nur noch zehn Prozent an dem Unternehmen. Es wird immer wieder spekuliert, Sie würden an die Börse gehen.

Nein, da haben wir nichts im Programm. Und wir planen auch nichts.

Aber wenn es Fiat schlechtgeht und Ihr Eigentümer Geld braucht?

Fiat braucht derzeit kein Geld, denen geht es gut. Wenn Sie mich fragen, was in zehn Jahren sein wird: keine Ahnung. Aber zurzeit ist das kein Thema.

Sie verwenden keine Auto-teile von Fiat, Sie verdienen viel Geld. Ihr Image ist ein anderes. Sie könnten mit Ferrari doch auch wunderbar allein leben.

Theoretisch ja. Praktisch nein. Ich bin seit 20 Jahren hier, und ich bin froh, dass wir unabhängig sind. In einem Ferrari finden Sie nichts von einem Fiat Panda, und das ist auch richtig so. Aber ich bin auch froh, dass wir zusammengehören.

Wie viele Ferraris kann man eigentlich verkaufen, ohne dabei die Exklusivität zu verlieren? Zurzeit liegen Sie bei über 7.000. Und irgendwann wollen Sie 8.000 im Jahr verkaufen.

Das hängt davon ab, wo wir künftig wachsen. Wir haben neue Märkte wie China und Indien. Und wenn die Zahl der Märkte steigt, dann können wir auch etwas mehr verkaufen. Aber nur dann. Wir wollen exklusiv bleiben.

Porsche will seinen Absatz von 100.000 auf 200.000 in den nächsten Jahren verdoppeln.

Da sage ich Ihnen gleich, dass Sie das nicht vergleichen können. Ich habe großen Respekt vor Porsche, aber die machen andere Sachen als wir. Andere Produkte, andere Preise, anderer Markt. Wir sind exklusiver, das ist einfach so. Wir würden auch niemals einen Ferrari-SUV machen.

Also keinen Ferrari Cayenne für die ganze Familie?

Um Gottes willen, nein. Wir haben unseren eigenen, unverwechselbaren Stil. Und solange ich hier bin, bleibt es dabei.

ZUR PERSON: Luca Cordero di Montezemolo, 64, ist seit 1991 der Boss von Ferrari und Mitglied des Verwaltungsrats zahlreicher italienischer Unternehmen. Er gilt als wortmächtiger Kritiker der italienischen Politik und wurde nach dem Rücktritt von Silvio Berlusconi im Herbst 2011 kurz als sein Nachfolger gehandelt. Seine Stiftung "Italia Futura“ forscht an Zukunftsfragen. Er ist an der Privateisenbahn "Italo“ beteiligt, die im April mit einem Hochgeschwindigkeitsnetzwerk startet. Es soll auch bis München und Wien ausgedehnt werden.

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