“Gut erhaltene Gebrauchtwagen sind die schärfsten Konkurrenten für Neuwagen”

“Gut erhaltene Gebrauchtwagen sind die schärfsten Konkurrenten für Neuwagen”

In Deutschland lässt der Neuwagenabsatz derzeit deutlich nach. BMW, Daimler und Volkswagen haben als Antwort nun den Gebrauchtwagen neu für sich entdeckt. Junge Gebrauchte teilen das Prestige der Marke mit dem Neuwagen, sind aber für mehr Käufer bezahlbar.

Mit günstigen Leasingofferten sowie schnellen und unkomplizierten Finanzierungsangeboten wird der von Premiumherstellern organisierte Gebrauchtwagenmarkt dabei zur ernstzunehmenden Konkurrenz für Massenhersteller und Importeure.

Für einen gebrauchten Mercedes-Benz könne mittlerweile in seinem Haus über ein “sehr attraktives” Finanzierungsangebot innerhalb von 15 Minuten entschieden werden, sagt der Chef der Mercedes-Benz Bank, Franz Reiner. Gebrauchtwagen öffneten dem Kunden schließlich die Welt von Mercedes-Benz, fügt er an.

Neuwagenmarkt in der Krise

In Deutschland werden im laufenden Jahr voraussichtlich die niedrigsten Absatzzahlen seit der Wiedervereinigung 1990 erreicht, und zugleich wird der Gebrauchtwagenmarkt zur willkommenen Umsatzquelle für die Hersteller. Allein im vergangenen Jahr sind Autokredite und Leasingverträge für Fahrzeuge aus Vorbesitz um zehn Prozent gestiegen und erreichten ein Volumen von acht Milliarden Euro, wie aus Daten des Autoleasingverbands AKA hervor ging. Nahezu 6,9 Millionen Fahrzeuge wechselten 2012 den Besitzer, womit der höchste Wert seit zehn Jahren und nahezu das Doppelte der Neuwagenzulassungen erreicht wurde.

Seit April dieses Jahres hat Volkswagen die Website Leasingbörse frei geschaltet, die gebrauchte Firmenwagen anbietet. Dort lässt sich beispielsweise ein VW Golf Baujahr 2012 mit weniger als 3000 Kilometern Laufleistung für 152 Euro im Monat mit drei Jahren Laufzeit leasen, und zwar ohne Einmalzahlung. Ein Neuwagen würde bei gleichen Konditionen auf 233 Euro kommen. Volkswagen will die Zahl der Gebrauchtwagenfinanzierungen auf diese Weise in Europa in den kommenden drei bis fünf Jahren um 50 Prozent erhöhen, wie Verkaufs- und Marketingchef Lars-Henner Santelmann von der Volkswagen-Finanztochter sagt.

Autokonzerne wollen vom Neuwagengeschäft unabhängiger werden

Die Autokonzerne wollen sich mit Programmen wie diesen unabhängiger vom eher volatilen Neuwagengeschäft machen und sich so neue Umsatzquellen erschließen. Zusätzlich zu den klassischen Zusatzgeschäften wie Fahrzeugversicherungen oder Garantieverlängerungen werden auch neue Geschäftsfelder rund um das Auto erschlossen. Dazu zählen insbesondere neue Carsharing- Offerten wie “Car2go” von Daimler. Dabei werden Kleinstwagen von Typ Smart mit minutengenauer Abrechnung auch zur Einwegmiete angeboten.

Trotz des stagnierenden Neuwagenabsatzes werden die Ausgaben der Deutschen für Transportdienstleistungen wie Busfahrkarten oder Autovermietungen insgesamt weiter zunehmen, wie Peter Fuss von der Unternehmensberatung Ernst & Young in Eschborn sagt. Das neu erwachte Interesse am Gebrauchtwagenmarkt sei dabei ein kluger Schritt, denn es handele sich um einen profitablen Markt.

Autohersteller wollen schmuddeliges Image des Gebrauchtwagenhandels vermeiden

Dabei bemühen sich die Hersteller um die größtmögliche Distanz zum eher schmuddeligen Image des Gebrauchtwagenhandels, der oft mit Ausfallstraßen, grauen Hinterhöfen und fragwürdigen Verkaufspraktiken assoziiert wird. Beispiel Mercedes: In einem runden, voll verglasten und zweistöckigen Gebäude in Frankfurt werden mehr als 100 Fahrzeuge unter dem Motto “Junge Sterne” zum Verkauf angeboten, dabei ist ein kleines Bistro und die Fahrzeuge werden - ebenso wie Neuwagen - mit zwei Jahren Garantie ausgeliefert.

Auch die Mercedes-Benz Bank will die Zahl der Gebrauchtwagenfinanzierungen in den kommenden Jahren deutlich über die 75.000 im vergangenen Jahr steigern, wie Chef Reiner sagte. Dabei setzt der Autohersteller auf verlängerte Garantiezeiten und andere Dienstleistungen, die bislang nur für Neuwagenkunden zur Verfügung standen.

"Gebrauchtwagen ebnen den Weg von einer Massen- zu einer Premiummarke"

Die Logik dahinter erklärt der Chef der BMW- Finanzdienstleistungstochter, Erich Ebner von Eschenbach: Gebrauchtwagen, sagt er, “ebnen den Weg für Kunden, die sich bislang kein Luxusauto leisten konnten und erleichtern den Wechsel von einer Massen- zu einer Premiummarke”.

BMW unterzieht die angebotenen Gebrauchtwagen einer Checkliste mit 72 Punkten und vergibt dann den so genannten Premium Selection Status. Damit erhält der Käufer einen zertifizierte Fahrzeughistorie und das Recht, den Wagen zurückzugeben, falls er nicht den Erwartungen entsprechen sollte. BMW hat in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren den Gebrauchtwagenabsatz über das eigene Händlernetz um 13 Prozent gesteigert auf 259.000 Fahrzeuge im Jahre 2012.

“Gut erhaltene Gebrauchtwagen sind die schärfsten Konkurrenten für Neuwagen”, stellt Autoexperte Thomas Schiller von Deloitte in München fest. Geprüfte Gebrauchte eines deutschen Herstellers kosteten zwar mehr als bei Privatverkäufern. Sie gäben dem Kunden aber das Gefühl, nicht die “Katze im Sack” zu kaufen.

VW-Markenvorstand Herbert Diess stellt die Organisation des Herstellers neu auf die Beine.

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