Frieden von Rüsselsheim verlängert Siechtum von Opel

Frieden von Rüsselsheim verlängert Siechtum von Opel

Doch der Erfolg der Sanierung ist damit nicht sicherer geworden: Wenn sich die europäische Autoabsatzkrise verschärft, könnten die von der Gewerkschaft jetzt noch verhinderten tiefen Einschnitte kommen - aber eventuell zu spät.

Die US-Konzernmutter General Motors lebe in der irrigen Vorstellung, sie könne sich wegen ihrer guten Gewinne leisten, Verluste von Opel dauerhaft zu subventionieren, urteilt Helmut Becker vom Münchner Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation. "Was passiert aber, wenn sich der Markt in den USA wieder abkühlt? Dann liegt GM selbst wieder in der Kurve und macht Verluste. Spätestens dann legen die den Schalter bei Opel um", sagt Becker.

Die GM in dem Abkommen von Rüsselsheim abgerungene Zusage, nach dem Ende der Fahrzeugproduktion in Bochum 1200 Mitarbeiter in einem Logistik- und Teilezentrum weiter zu beschäftigen, könnte sich für die Gewerkschaft dann als Pyrrhussieg erweisen. Wenn die erhofften Einsparungen ausbleiben, könnte sich GM zu weiteren Einschnitten gezwungen sehen. Insofern hängt auch für die IG Metall viel davon ab, dass Opel wieder Tritt fasst.

Siechtum geht weiter

Bis das Fahrzeugwerk in Bochum geschlossen werden kann und Opel damit seine Kapazitäten verringert, vergehen knapp vier Jahre. Bis dahin zieht sich vermutlich auch der Widerstand des Bochumer Betriebsrats gegen das Ende der Produktion hin. In dieser Zeit muss die Marke mit dem Blitz hoffen, dass die neuen Modelle vom kleinen Adam über den kompakten Geländewagen Mokka bis hin zum Cabriolet Cascada bei den Kunden einschlagen und alle Nöte vergessen machen.

Doch bisher ist nicht absehbar, wann die Pkw-Nachfrage in Europa überhaupt wieder anzieht. Die Ratingagentur Fitch hält es für wahrscheinlich, dass in Europa erst gegen Ende des Jahrzehnts wieder so viele Autos verkauft werden wie vor der Krise 2008. "Ich sehe keinen Lichtblick für Opel, vor allem wenn der Markt nicht mitzieht", malt Wolfgang Meinig ein düsteres Bild. Der Leiter der Forschungsstelle Automobilwirtschaft in Bamberg befürchtet, dass sich die Talfahrt der GM-Tochter in den nächsten Monaten beschleunigt, falls sich die Eurokrise durch Italien und Frankreich verschlimmert.

Viel Zeit verplempert

Das von GM ausgegebene Ziel, 2015 im Europageschäft schwarze Zahlen zu schreiben, dürfte Opel dann verfehlen. "Das ist ein Traum, das werden die nicht erreichen", ist Meinig überzeugt. Er erwartet ein längeres Siechtum der Marke mit dem Blitz.

Stefan Bratzel räumt der GM-Tochter immerhin eine Chance ein, sich zu berappeln. Voraussetzung sei, dass es Opel gelinge, die Kosten in der Entwicklung und dem Autobau mit einem Baukastensystem nach dem Beispiel von VW zu senken, sagt der Leiter des Center of Automotive Management. Zudem müsse GM der Tochter endlich erlauben, Autos auch außerhalb Europas zu verkaufen. Allerdings sei in den letzten vier Jahren viel Zeit verplempert worden. "Die Entscheidungen, die jetzt getroffen wurden, waren eigentlich schon vor Jahren klar. Es geht heute nicht um einen Standort. Es geht um das Überleben von Opel. Wenn Opel es nicht schafft, Marktanteile zu gewinnen, unterhalten wir uns grundsätzlich über Rüsselsheim und die anderen Standorte."

"Einer muss vom Markt"

Nach Ansicht von Helmut Becker vom Münchner Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation kann Opel kurzfristige auch keine Hilfe von Peugeot erwarten, mit dem die Rüsselsheimer in den nächsten Jahren gemeinsam Fahrzeuge entwickeln wollen. Dem französischen GM-Partner steht selbst das Wasser bis zum Hals. "Wenn PSA ums Überleben kämpft, dann tun sie das mit Kampfpreisen. Dann kommt Opel nie auf einen grünen Zweig." Becker prognostiziert für die GM-Tochter "ein Sterben auf Raten". Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Lage zum Positiven wende, sei angesichts des Verdrängungswettbewerbs in Europa "kleiner denn je". Marktführer Volkswagen werde den darbenden Rivalen nicht zu Hilfe eilen, sondern von deren Niedergang zu profitieren versuchen. VW werde diesen vermutlich durch höhere Rabatte sogar beschleunigen, erwartet Becker: "Einer muss vom Markt."

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