Erdgasauto: Renaissance einer kostengünstigen Antriebstechnologie

Erdgasauto: Renaissance einer kostengünstigen Antriebstechnologie

Volltanken um 20 Euro? Mit Erdgas als Treibstoff kein Problem. Angesichts explodierender Benzin- und Dieselpreise könnte die kostengünstige Antriebstechnologie eine unerwartete Renaissance erleben.

Das 3-Liter-Auto ist tot. Es lebe das 3-Kilo-Auto. Wenn es nach Volkswagen-Boss Martin Winterkorn geht, könnte eine fast schon in Vergessenheit geratene Technologie wieder im Rückspiegel auftauchen: Autofahren mit Erdgas, das an der Tankstelle nach Kilogramm abgerechnet wird. So kritisch der deutsche Automanager dem Hype bei Elektroautos als alternativer Antriebstechnologie gegenübersteht, so optimistisch ist er beim Erdgas. "Wir sollten diesem Thema mehr Augenmerk schenken“, ließ er sich vor wenigen Wochen zu einer viel beachteten Absichtserklärung hinreißen.

Die Ansage war aber keineswegs ein Zufall: Eben erst hat VW seinen neuen Kleinwagen Up! in einer Variante mit Erdgasmotor (EcoUp!) präsentiert, Ende 2013 wird die VW-Konzernmarke Audi den mit Erdgas betankten A3 Sportback TCNG vorstellen. Und 2014 soll auch der neue Golf mit einer erdgasoptimierten Motorversion erhältlich sein.

Wie das? Erdgasautos waren lange Zeit Stiefkinder der Branche. Die ersten Modelle mit umgerüsteten Ottomotoren fuhren sich langsamer als pomali, es fehlten Tankstellen in ausreichender Anzahl, und Treibstoffkosten spielten im Verhältnis zu den Anschaffungskosten eines Pkws noch eine unbedeutende Rolle. Mittlerweile ist alles anders. An Geschwindigkeit mangelt es jedenfalls nicht mehr: So schaffte etwa Rallye-Ass Manfred Stohl in der vergangenen Rennsaison mit seinem Erdgas-Mitsubishi (Bild) Stockerlplätze in Serie und den dritten Gesamtrang insgesamt. Die passende Versorgungslogistik wurde mittlerweile brav aufgestockt. Und vor allem: Die Tankkosten nehmen eine immer gewichtigere Rolle in der Kostenkalkulation beim Autofahren ein - und da ist Erdgas derzeit unschlagbar.

Als Faustregel gilt: Die Belastung fürs Geldbörsl lässt sich um mehr als die Hälfte reduzieren. Leicht möglich, dass die Österreicher alleine schon deswegen ihre bislang gehegte Zurückhaltung gegenüber Erdgas als Treibstoff aufgeben. Immerhin bestätigen auch Motorenexperten wie Hans-Peter Lenz, TU-Universitätsprofessor und Organisator des Internationalen Motorensymposions in Wien, die vielen Vorteile des Systems: "Ich verstehe den mangelnden Erfolg der Erdgasautos bisher auch nicht so wirklich. Die Technologie ist ausgereift und im Vergleich zum Elektroauto die weitaus realistischere Mobilitätsalternative.“

Erdgas oder CNG (compressed natural gas, Methan) kostet laut amtlichem Spritpreisrechner derzeit zwischen 80 und 90 Cent je Kilogramm. Gleichzeitig aber weist ein Kilogramm Erdgas rund die eineinhalbfache Energiedichte im Vergleich zu Benzin auf (oder die 1,2-fache von Diesel) - man fährt mit der gleichen Menge an Treibstoff also deutlich weiter. In der Modellrechnung sieht das so aus: Zehn Euro, in herkömmliches Super-95-Benzin investiert, bringen beim neuen VW Up! eine rechnerische Reichweite von 158,8 Kilometern. Das gleiche Auto mit Erdgas betankt wird zur Sparbüchse: Es kommt um den gleichen Geldbetrag beinahe 400 Kilometer weit (siehe Vergleich ).

Ähnlich ist das Verhältnis auch bei allen anderen Erdgasmodellen, die die Hersteller derzeit verstärkt in die Auslage rücken. Bei 15.000 Kilometer jährlicher Fahrleistung amortisiert sich der mittlerweile sehr geringe Preisaufschlag bei den Anschaffungskosten für ein Erdgasmodell daher bereits nach gut einem Jahr, bei 25.000 Kilometern schafft man das schon nach rund einem halben Jahr.

Tanke, Vater Staat

Grund für den Kostenvorteil sind nicht nur die Rohstoffmärkte, die - dank neuer Fördertechnologien - seit Kurzem eine Entkopplung der Erdgaspreise von den unaufhaltsam steigenden Rohölpreisen beobachten lassen. Auch eine Reihe von öffentlich finanzierten Boni wirkt sich preisdämpfend aus. So profitieren Erdgasautos bei der Anschaffung von geringeren NoVA-Sätzen. Einzelne Bundesländer geben noch Förderungen zwischen 600 und 1000 Euro dazu. Und für Erdgas kassiert der Staat auch klarerweise keine Mineralölsteuer.

Ein Vorteil, der allerdings nicht in Stein gemeißelt sein muss. Noch ist die Technologie mit rund 7000 angemeldeten Fahrzeugen in Österreich (inklusive Nutzfahrzeugen) eher ein Nischenprogramm - anders als in Italien, wo bereits eine halbe Million Erdgasautos unterwegs sind. Doch sollte sich der Trend auch hier verstärken, könnte das Finanzministerium durchaus erfinderisch werden. In Deutschland haben die Autobauer allerdings schon eine Zusicherung der Bundesregierung, dass der Steuervorteil für Erdgasautos bis zum Jahr 2018 nicht verändert wird. Eine Verlängerung dieser Vereinbarung ist dort durchaus denkbar.

Volkswagen ist mit seinem Vorstoß übrigens nicht alleine. Ähnliche Aktivitäten sind plötzlich auch bei anderen Fahrzeugherstellern zu bemerken. Sowohl der Pionier in Sachen Erdgasauto, Opel, als auch Fiat und Mercedes wollen ihre Palette an tauglichen Modellen sukzessive erweitern. Ihre Motivation liegt auch in den strenger werdenden Abgasnormen der EU: Ab 2015 soll der Ausstoß der verkauften Neuwagen (Flottenverbrauch der jeweiligen Hersteller) schrittweise von derzeit rund 160 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer auf 120 Gramm gesenkt werden. Da könnten Erdgasautos einen Teil dazu beitragen, denn ihr CO2-Ausstoß liegt rund 20 Prozent unter dem von Benzinfahrzeugen. Das Reduktionspotenzial für andere Schadstoffe wie Feinstaub oder Stickoxid ist noch weit höher.

Das größte Plus der Erdgastechnologie ist aus Sicht der bisherigen großen Marktteilnehmer allerdings ein anderes: Sie ist - ganz anders als bei Elektroautos - in die bestehenden Mobilitätssysteme direkt integrierbar. So ist etwa die notwendige Erdgaslogistik bereits vorhanden; immerhin wird sie auch für die weit verbreiteten Heizsysteme gebraucht. Und die verwendeten Motoren sind mit Ausnahme von kleineren Ventileinstellungen exakt die gleichen wie für Benzin.

Und selbst die Integration von Ökotreibstoffen gelingt bei der Erdgastechnologie problemlos: Mittels überschüssigen Windstroms lässt sich etwa aus Wasserstoff und CO2 synthetisches Erdgas (Methan) erzeugen. Dieses kann entweder direkt getankt oder ins Erdgasnetz eingespeist werden. Audi etwa wird mit seinem Ende 2013 auf den Markt kommenden Erdgas-A3-Sportback gleichzeitig auch eine Tankkarte für so genanntes "e-gas“ mitliefern. Wer damit tankt, ist rein rechnerisch CO2-frei unterwegs: Audi sorgt nämlich dafür, dass die gleiche Menge Gas, die getankt wird, ökologisch hergestellt und ins Erdgasnetz eingespeist wird. Dafür investierte der Autobauer eigens in drei Windkraftwerke.

Sicher ist sicher

Trotz dieser vielen Vorteile ist aber nicht zu erwarten, dass die Gasautos schon bald den Benzin- und Dieselkarossen davonfahren werden. Das liegt zum einen an tief sitzenden Sicherheitsbedenken gegenüber gasförmigen Treibstoffen. Diesen lässt sich rational nur schwer begegnen, zumindest solange alle Modellzeichnungen für Erdgasautos bomben- oder raketenförmige Tanks unter den Rücksitzen zeigen. Da nützen auch Brennexperimente wie solche der Salzburg AG nichts: Der Landesstrom- und -gasversorger bewies, dass die Explosionsgefahr sogar geringer ist als bei benzinbetriebenen Fahrzeugen. Wenig hilfreich sind auch die in älteren Tiefgaragen geltenden Parkverbote für gasbetriebene Fahrzeuge, denn sie betreffen eigentlich nur mit Flüssiggas betriebene Autos. Dieses ist schwerer als Luft und schlicht ein anderes Produkt (Butan/Propan) als das flüchtige und damit weit weniger gefährliche Erdgas (Methan).

Außerdem ist auch die trotz allen Ausbauten nach wie vor bescheidene Dichte an geeigneten Tankstellen nicht gerade förderlich für den Absatz der Erdgasautos. Mit rund 190 Stationen in Österreich ist sie zwar groß genug, um auch ohne allzu aufwändige Schnitzeljagd zur nächsten Zapfsäule zu gelangen. Dies gilt vor allem auch deswegen, weil jedes derzeit erhältliche Erdgasauto für den so genannten "bivalenten Betrieb“ ausgelegt ist: Es weist einen zusätzlichen Benzintank auf, der meist automatisch zugeschaltet wird, wenn der Gasvorrat zur Neige geht, und sorgt auf diese Weise für ausreichende Reichweiten. Dennoch sind die Österreicher mit rund 2500 herkömmlichen Tankstellen an eine ganz andere Frequenz gewöhnt.

Freilich, dieses Henne-Ei-Problem teilt die Erdgaslobby mit den Elektroautoverfechtern: Ohne stärkeres Engagement der Autohersteller wollen die Tankstellenbetreiber nicht in die passende Infrastruktur investieren, seien es Steckdosen oder Gaskompressoren. Und umgekehrt lamentieren die Hersteller: Erst wenn die Tankstellenbetreiber ihr Versorgungsnetz dicht genug ausgebaut hätten, würden sie die steigende Nachfrage mit attraktiven Modellen auch gerne befriedigen. Aber vielleicht sind ja auch nur die Spritpreise noch immer nicht hoch genug, damit Erdgasautos fast 20 Jahre nach Einführung der ersten Serienfahrzeuge als ernst zu nehmende Alternative wahrgenommen werden.

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