Die neue Klassengesellschaft

Schillernder könnten die zunehmenden Gegensätze zwischen Arm und Reich in Europa gar nicht dargestellt werden als durch den aktuellen Zustand der Autohersteller. Denn Produzenten kleinerer Autos wie PSA Peugeot-Citroën, Renault oder Fiat, deren Hauptabsatzmärkte im Süden Europas liegen, darben. Die Luxusklasse mit Mercedes, BMW und Audi mit Kunden aus dem reicheren Norden boomt. Einzig der VW-Konzern steht über allen Dingen und legt in Europa quer durch all seine Marken zu. Doch insgesamt könnten sich die Gegensätze in Zukunft noch verschärfen, sollten Gegenmaßnahmen der gebeutelten Massenhersteller nicht fruchten.

Vorfahrt für die Luxusklasse: Auch weltweit setzen sich die deutschen Luxusautohersteller gegenüber den italienischen und französischen Konkurrenten immer stärker durch. Audi etwa steigerte mit Nobelmodellen wie dem A5 oder dem A6 in den ersten drei Quartalen des Vorjahres den Absatz um 17,4 Prozent auf 829.281 Stück. Das operative Ergebnis kletterte in derselben Zeit gar um 74 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro. Mercedes setzte mit 1,3 Millionen Einheiten um acht Prozent mehr Autos ab als 2010. Unterm Strich verdienten die Stuttgarter sechs Milliarden Euro, nach 4,6 Milliarden Euro ein Jahr zuvor. Und im neuen Jahr haben viele Premiumhersteller schon wieder neue Rekordmarken im Visier.

Peugeot-Citroën, Fiat, Opel und Renault dagegen kämpfen mit schwinden-den Marktanteilen und roten Zahlen. Die Automobilsparte von PSA machte 2011 einen Verlust von 92 Millionen Euro, bei Fiat sind es 500 Millionen Euro, und die GM-Tochter Opel steht mit 550 Millionen Euro in den Miesen. Kein Wunder: Im Süden Europas bleibt kein Stein auf dem anderen. In Italien ist der Autoabsatz im Vorjahr um 10,9 Prozent eingebro-chen, in Spanien etwa um 17,7 Prozent. Auch 2012 werden diese Hersteller Mühe haben, über die Runden zu kommen, denn für den europäischen Automarkt wird zum fünften Mal in Folge ein Rückgang erwartet.

Die Europalastigkeit von Fiat oder Peugeot ist auch einer der Hauptgründe für das divergierende Bild unter den europäischen Herstellern (siehe Grafik). Denn VW, Daimler und BMW profitieren von den Auto-Boomregionen USA und Asien. 2011 haben die drei auf dem bedeutenden amerikanischen Markt erstmals mehr als eine Million Autos verkauft. Wie man es macht, zeigt auch der VW-Konzern, der im Vorjahr in Asien um 16,6 Prozent mehr Autos ausgeliefert hat. Auch BMW wartet mit Topsellern auf. So war der 7er BMW mit 33.500 Stück das meistverkaufte Luxusautos in China. Der Absatz stieg 2011 um knapp 200 Prozent. Laut Prognosen soll der weltweite Automarkt bis 2014 um rund elf Prozent zulegen - auch wenn die Zuwächse vornehmlich außerhalb Europas stattfinden.

Heilmittel Allianzen

Um aus dem wachstumsschwachen Europa auszubrechen, versuchen Fiat & Co ihr Heil in neuen Produktionsstätten im Ausland oder in Fusionen. Der jüngste Versuch, das Ruder durch einen Zusammenschluss herumzureißen, stammt von Peugeot-Citroën. So hat General Motors am Mittwoch eine Allianz mit dem angeschlagenen französischen Rivalen verkündet.

Ziel ist es offenbar, in Europa gemeinsam mit GM-Tochter Opel stärker aufzutreten, vor allem gegenüber VW. Aber auch andernorts wollen die Franzosen, die derzeit 39 Prozent ihrer Autos außerhalb Europas verkaufen, wachsen. Bis 2015 soll der Anteil auf die Hälfte des Absatzes steigen.

Fiat versucht, die Probleme in Europa durch einen engagierteren Markteintritt als bisher in China zu lindern. Bislang wurden drei Modelle angeboten, doch die Nachfrage blieb marginal.

Im Vorjahr kündigten die Italiener dann an, in China bis Ende 2011 eine Produktion aufzuziehen und schon in diesem Jahr 140.000 Autos verkaufen zu wollen - aber ein Produktionsstart ist noch nicht in Sicht. Ein zweites Werk in Brasilien soll die produzierten Stückzahlen vor Ort bis 2014 auf 1,2 Millionen hinaufschrauben.

Jüngsten Gerüchten zufolge soll das Fiat-Chrysler-Imperium auch einer Allianz mit einem asiatischen Partner nicht abgeneigt sein. Insider tippen auf Mazda. Die Kriegskasse ist mit 19 Milliarden Euro jedenfalls gut gefüllt.

Auch der Druck der Konkurrenz aus Asien nimmt zu. Hyundai und Kia bauen ihre Kapazitäten in Tschechien und der Slowakei aus und überschwemmen den Markt mit preisgünstigen Modellen. Selbst die Chinesen wollen jetzt von Bulgarien aus den europäischen Markt mit billigen Mittelklasse-Autos aufrollen.

Als Hemmschuh gilt deshalb auch die Modellpolitik der maroden Hersteller. "Weder Renault noch Fiat oder Peugeot haben in der Oberklasse Modelle, die mit jenen der Deutschen ernsthaft konkurrieren können“, urteilt Jürgen Pieper, Autoexperte beim Bankhaus Metzler. Selbst beim Image kann den Deutschen keiner der anderen europäischen Konkurrenten das Wasser reichen. "Die deutschen Hersteller haben ihr gutes Image über Jahre aufgebaut“, so Frank Schwope, Autoanalyst der NordLB. "VW etwa trifft derzeit in allen Segmenten den Geschmack und die Qualitätsansprüche der Kunden.“

Am besten steht unter den angeschlagenen Herstellern noch Renault da. Die Franzosen sind in Emerging Markets wie Russland und China vergleichsweise gut aufgestellt. Dennoch: "Den Rückgang in Südeuropa müssen wir kompensieren“, erklärte kürzlich ein Renault-Manager.

So spiegelt der Automarkt derzeit die Situation auf dem Weltmarkt wider. Die Superreichen heben ab, der Mittelstand gerät unter Druck - und Europas Kleine verlieren den Anschluss.

Anneliese Proissl

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