Das gläserne Auto

Das gläserne Auto

Wenn die europäischen Wettbewerbshüter auf den Plan treten, sind gröbere Umwälzungen vorprogrammiert. Diesmal trifft es die Autobranche: Markenwerkstätten müssen künftig ihre kompletten Aufzeichnungen über die gesamte Servicehistorie jedes Fahrzeugs auch freien Werkstätten preisgeben.

Das hat die EU in ihrer soeben erschienenen "Fragen-Antworten-Sammlung zur Anwendung des Kartellrechts“ erstmals festgehalten. "Das ist ein revolutionärer Schritt“, kommentiert Gustav Oberwallner, stellvertretender Obmann des Fahrzeughandels in der Wirtschaftskammer, das EU-Papier. "Eine Verweigerung würde gegen EU-Wettbewerbsrecht verstoßen“, so die Kommission in ihren Ausführungen. Damit erhöhen die Wettbewerbshüter den Druck auf die Markenwerkstätten, die Informationen an freie Werkstätten nicht wie bisher oft nur nach Gutdünken herauszurücken. Das ist ein wichtiger Schritt für Werkstätten ohne Markenbindung. Denn für ein komplettes Service nach Herstellervorgaben ist oft die ganze Fahrzeughistorie notwendig. "Und Markenwerkstätten können in Zukunft keine Monopolstellung mehr einnehmen“, erläutert Oberwallner. Im Idealfall gibt es dann für jedes Auto einen von jeder Werkstatt aus abrufbaren Online-Servicelebenslauf.

Schäden und Mängel transparent?

Doch die Wettbewerbskommission will nicht nur Servicedaten für alle zugänglich machen, sondern überlegt bereits, eine "elektronische Krankenakte“ für jeden Gebrauchtwagen einzuführen. Die Auswirkungen dieser Neuregelung wären noch weitreichender. Dann wären sensible Daten über jedes Auto verfügbar. Oberwallner: "So würde transparent, welche Schäden ein Auto hatte oder welche Modelle bereits innerhalb der Gewährleistungsfrist häufig die gleichen Reparaturen aufweisen.“ Tricksereien, wie den Tachometerstand zurückdrehen, wären aufgrund der genauen Historie jedes Fahrzeugs nur schwer möglich. In den USA gibt es erste Ansätze für das "gläserne Auto“ bereits.

Bis es in Europa so weit ist, sind aber noch etliche Schlaglöcher zu überwinden. Denn alleine die EDV-Standards für das Online-Serviceheft variieren sogar bei Markenorganisationen beträchtlich. Oft ist eine lückenlose Nachverfolgung der Daten online nicht mehr möglich, sobald der Autobesitzer die Werkstatt wechselt, da selbst bei manchen großen Markenbetrieben die IT-Systeme nicht miteinander verbunden sind.

Musterknabe Mazda

Zu den Fahrzeugimporteuren, die dabei am fortschrittlichsten sind, zählt Mazda. Jeder Mazda-Betrieb hat Zugang zu allen Reparaturen, die bei einer Werkstätte dieser Marke durchgeführt wurden. "Freie Werkstätten können sich in diese Datenbank einloggen und ihre Wartungsdaten auf dieser Plattform eintragen“, erklärt Josef Deimel, Sprecher von Mazda Österreich. Bei der Porsche Holding, die die 13 Marken von VW vertreibt, können Betriebe, die diese Autos führen, alle Services und sogar Reparaturen einsehen. "Ein Seat-Händler kann auf Wunsch eines Audi-Besitzers seine Historie abrufen lassen“, erläutert Richard Mieling, Sprecher der Porsche Holding. Markenfremde Werkstätten haben allerdings keinen Zugang zu diesem elektronischen Datenpool. Diese bekommen Daten per Mail oder in gedruckter Form. Eingetragen werden können die Services der Konkurrenten in das Onlinebuch allerdings nicht. Toyota-Betriebe verwenden ebenfalls ein elektronisches Serviceheft. "Wir haben bisher gute Erfahrungen damit gemacht, da wir auf diese Weise unser Service optimieren konnten. Auch das Feedback der Kunden ist positiv“, sagt Friedrich Frey, Chef von Toyota Österreich. Peugeot, Renault und Mercedes verfügen ebenfalls über solche Plattformen.

Guter "Lebenslauf“ wird wichtiger

Der Druck auf Betriebe, die ihre Wartungsarbeiten nicht elektronisch nachweisbar machen können, steigt. Denn nach Mazda-Sprecher Deimel wird es beim Verkauf eines Gebrauchtwagens immer wichtiger, eine lückenlose Wartungshistorie vorweisen zu können. "Je besser der Lebenslauf eines Autos dokumentiert ist, umso höher liegt der Wiederverkaufswert“, erklärt Deimel. Um die nötigen Informationen zu erhalten, genügt die Fahrgestellnummer des Autos. Diskutiert wird noch, ob die Onlineservicedaten nur für den aktuellen Fahrzeugbesitzer oder für den gesamten Lebenszyklus eines Autos offengelegt werden sollen. Deimel: "Bei uns werden alle Informationen, die die Wartung betreffen, von allen Besitzern eines Autos weitergegeben. So kann eine optimale Diagnose gestellt und ein entsprechendes Service gemacht werden.“ Händlervertreter Oberwallner will die Informationen über Instandhaltungsarbeiten aber nur an die aktuellen Autobesitzer weitergeben.

Der schnelle und komplette Zugriff auf Informationen über Wartungsarbeiten ist ein großer Wettbewerbsvorteil für freie Werkstätten. Wenn auch Unternehmen wie ATU oder Fastbox verbesserte Informationszugänge haben und damit auch bessere Leistungen bieten können, stehen die Chancen gut, dass die Kosten für einen Werkstattbesuch sinken.

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