Autosalon in Genf: Glamour trifft auf blanke Not

Steve Girsky will über Erfolge reden. Dafür ist er auf das glamouröse Parkett in Genf gekommen, wo die Autofirmen bis 18. März ihre neuen Modelle vorstellen. Die aus der Not geborene Allianz seines Arbeitgebers General Motors mit Peugeot soll beim Autosalon in der noblen Stadt am See nicht die Hauptrolle spielen. Doch an den auf Hochglanz polierten Messeständen von Aston Martin bis Volkswagen ist sie das große Thema, und Girsky kann sich vor Fragen dazu nicht retten.

Der GM-Strategiechef lässt sich nicht beirren und richtet den Blick zunächst in die Heimat USA: "Der Markt sieht vielversprechend aus", doziert der studierte Mathematiker - wie immer in Hemdsärmeln. Die Stimmung der Verbraucher sei gut. Schnell ist das Thema aber wieder Europa, wo die Schuldenkrise vielen Automanagern Sorgenfalten auf die Stirn treibt: Sie hat GM schließlich dazu gezwungen, die angeschlagene Rüsselsheimer Tochter Opel mit dem ebenfalls schwächelnden französischen Autobauer zu verbünden.

Und während sich Hersteller wie Volkswagen und Daimler mit glamourösen Shows überbieten, um ihre neuen Modelle im gleißenden Scheinwerferlicht bei Champagner und Austern vor Hunderten Journalisten aus aller Welt zu präsentieren, fällt der Pomp bei Opel und Peugeot deutlich sparsamer aus. Passend zur Geschäftslage backen die beiden Firmen auch auf der Messe kleinere Brötchen. "Das Unternehmen hat in der Vergangenheit viel Geld verloren", sagt Girsky über Opel. Wegen der Verluste sollen die Rüsselsheimer den Einkauf mit Peugeot zusammenlegen, Plattformen und Technologien gemeinsam nutzen, das soll Milliarden sparen helfen. Dadurch erhoffen sich die Firmen vor allem in Europa eine Trendwende. Experten gehen davon aus, dass dies nicht allein mit Hilfe der Partnerschaft gelingen kann: Auch Standorte sind von Schließung bedroht.

Von weiterem Personalabbau aber will Girsky, der den Opel-Aufsichtsrat leitet, auf der Messe nicht reden. "Überkapazitäten sind nicht ein Thema von GM allein, sondern der Industrie ingesamt", betont er. Details der Zusammenarbeit mit Peugeot sollen erst in der zweiten Jahreshäfte bekannt gegeben werden, vertröstet der US-Manager. Eine schnelle Trendwende ist aber nicht in Sicht: Erst ab 2016 sind die angekündigten Milliarden-Einsparungen aus der Allianz mit Peugeot möglich.

Werksschließungen stehen an

Da die Regierungen die Stilllegung von Werken nicht kritiklos hinnehmen würden, sind dazu vorbereitende Gespräche nötig. "Wir hatten ein konstruktives Treffen mit der britischen Regierung. Sie haben ihren Standpunkt dargelegt, wir unseren. Wir sind übereingekommen, die Diskussion fortzusetzen", sagt Girsky, ohne dies konkret in den Zusammenhang mit Einsparungen zu stellen. In Großbritannien gilt das Werk in Ellesmere Port als gefährdet, in Deutschland ist es die Fabrik in Bochum.

Mit der deutschen Regierung habe sich Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke unterhalten, sagt der GM-Manager. "Es ging darum, die Regierung darüber auf den Laufenden zu halten, was wir vorhaben", erläuterte Girsky. Opel erwartet bis zum Sommer Vereinbarungen mit den Arbeitnehmern über weitere Einsparungen. "Realistisch gesehen, wird das noch zwei, drei Monate dauern", sagte Stracke. Opel führe derzeit Gespräche mit den Gewerkschaften "an allen Standorten", fügte er hinzu. Stracke vermied es, das Aus für Fabriken kategorisch auszuschließen. "Wir halten uns an die Verträge", bekräftigte er zwar. Andererseits müsse Opel profitabel arbeiten. "Die Eurokrise wird es weisen." Kein Unternehmen könne dauerhaft Verluste schreiben.

Auch wenn die Zusammenarbeit von GM mit Peugeot zum Auftakt der Messe heiß diskutiert wurde und die zahlreichen neuen Automodelle dadurch eher in den Hintergrund rückten - Nachahmer drängen sich zunächst nicht auf: GM-Rivale Ford kündigte an, einen anderen Weg einzuschlagen: "Wir haben keine Pläne für irgendwelche Allianzen", sagte Firmenchef Alan Mulally zur Nachrichtenagentur Reuters. Stattdessen soll die Produktion der "tatsächlichen Nachfrage" in Europa angepasst werden, um das schwächelnde Geschäft aufzufangen. Diese Strategie habe dem Konzern bereits in anderen Regionen geholfen, profitabel zu arbeiten. Ford droht in diesem Jahr in Europa ein Verlust von 500 bis 600 Millionen Dollar.

Gesprächsbereitschaft signalisierte unterdessen Fiat, theoretisch sogar für einen Beitritt zur Allianz von GM und PSA. "Wir sind offen für alles", sagte Sergio Marchionne, der Chef des italienischen Kleinwagen-Herstellers, der auch die US-Marke Chrysler kontrolliert. Das neue Bündnis mache die Lage aber viel komplizierter, räumte er ein. Fiat gilt als nächster Kandidat für eine Notallianz, weil die Italiener in ihrer Heimat stark unter dem Absatzrückgang leiden.

Peugeot bietet neue Aktien zum Schleuderpreis

Wie groß der Druck ist, zeigt ein Blick auf PSA, immerhin die Nummer zwei in Europa. Denn Volkswagen, der Branchenprimus auf dem Kontinent, enteilt den Franzosen und meldete für Februar erneut hohe Zuwachsraten und Rekordwerte. Wie bei den Premium-Herstellern werden die Absatzerfolge primär von Zuwächsen in den USA und China getragen.

PSA stattdessen beginnt die Allianz mit GM mit einet Kapitalspritze von einer Milliarde Euro. Um Investoren dafür zu begeistern, werden die neuen Aktien mit einem satten Nachlass von 42 Prozent zum Schlusskurs vom Montag angeboten. Die Transaktion soll bis zum 21. März über die Bühne gehen. Die Peugeot-Familie und GM - für die Amerikaner ist der große Rabatt von Vorteil - haben sich verpflichtet, jeweils 31 Prozent der neuen Papiere zu zeichnen. GM soll dann künftig mit sieben Prozent an PSA beteiligt sein. Damit folgt das Duo dem Beispiel von Daimler und Renault, die 2010 eine Überkreuzbeteiligung eingegangen sind, um ihre Partnerschaft zu untermauern.

Eine Erfolgsmeldung hat Girsky doch noch im Köcher: Die Auszeichnung des Elektrowagens Opel Ampera als Auto des Jahres 2012, die erstmals auf der Genfer Messe verliehen wurde.

Reuters/hahn

VW-Markenvorstand Herbert Diess stellt die Organisation des Herstellers neu auf die Beine.

Wirtschaft

Kulturwandel: VW krempelt die Fahrzeugentwicklung um

Auto & Motor

Umfrage zu VW: Das Vertrauen ist massiv erschüttert

Slideshow
MercedesAMG

Auto & Motor

Die Schönheiten auf der Wiener Automesse