"Zu viel kaltes Geld": US-Finanzminister Henry "Hank" Paulson im FORMAT-Interview

Henry "Hank" Paulson, Chef von Goldmann Sachs und künftiger US-Finanzminister, im FORMAT-Interview über das Risiko eines Finanzschocks und die Verteilungsprobleme der Globalisierung.

FORMAT: Mister Paulson, die Weltwirtschaft erlebt einen spektakulären Boom, an den Börsen ist wieder viel Geld zu verdienen, der Dow Jones notiert wieder in der Nähe eines Allzeithochs. Werden die fetten Jahre noch lange dauern?
Paulson: Wir erleben jetzt den stärksten Zyklus der Wirtschaftskonjunktur in meiner gesamten Berufskarriere. Es gibt überall auf der Welt kräftiges Wachstum. Und seit längerer Zeit ist die Welt mit einem Strom von Liquidität überschwemmt, der nach einer ertragreichen Veranlagung sucht. Deshalb bin ich recht optimistisch.

FORMAT: Also alles eitel Sonnenschein?
Paulson: Man sollte die Möglichkeit eines weltweiten Schocks wie 1998 in Betracht ziehen, wenn die Zinssätze signifikant steigen. Ein möglicher Einflussfaktor ist außerdem, dass ein etwaiges Risiko nicht mit einer adäquaten Prämie belohnt wird, was man zum Beispiel an den niedrigen Zinsaufschlägen für High-Yield-Anleihen oder Staatsanleihen von Schwellenländern bemerken kann. Ein weiteres Beispiel ist der aggressive Preiskampf für Hypothekendarlehen - etwa in den USA.

FORMAT: Sie achten also sehr aufmerksam auf Warnsignale?
Paulson: Sicherlich. Einzeln für sich betrachtet, haben die verschiedenen Risikofaktoren wie etwa die geopolitischen Risiken, der Terrorismus, die finanziellen Ungleichgewichte oder die hohen Energiepreise eine eher geringe Wahrscheinlichkeit. Wenn man aber all diese Gefahrenpotenziale aufsummiert, besteht die Möglichkeit, dass wir in den nächsten drei bis fünf Jahren einen neuen Schock erleben könnten. Es ist jetzt acht Jahre her, dass wir den letzten erlebt haben. Von Zeit zu Zeit muss man einfach wieder mit einem möglichen Crash rechnen, auch wenn ich momentan noch zuversichtlich bin.

FORMAT: Und was wird die Ursache für den nächsten Absturz sein?
Paulson: Natürlich würde das jeder gerne wissen. Es ist aber unmöglich, im Vorhinein genau zu sagen, was der Auslöser der nächsten Krise sein wird. Das Einzige, was sicher ist: Wenn wir lange genug warten, wird es sicherlich einen Finanzschock oder eine Korrektur geben.

FORMAT: Was macht Sie so optimistisch, dass wir noch etwas Zeit haben, bis es wieder bergab geht?
Paulson: Mein Optimismus nährt sich aus der bemerkenswerten Stärke der Weltwirtschaft. Wir haben in Asien nicht nur den Boom in China und Indien, sondern auch einen Aufschwung in Japan und Korea. Die USA wachsen mit rund vier Prozent, sogar Brasilien erreicht Handelsbilanzüberschüsse von sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ich spreche mit sehr vielen Kunden über ihre Erwartungen. Das Vertrauen der Unternehmen und das der Investoren ist hoch.

FORMAT: In den Vereinigten Staaten gibt es die Probleme mit den ausufernden Defiziten im Bereich Haushaltsbudget und Außenhandel. Kann das noch lange gut gehen?
Paulson: Diese Zwillingsdefizite sind beunruhigend. Das Budgetdefizit ist zu hoch, aber zu managen, wenn die Ausgaben reduziert werden. Aber die Tatsache, dass das Handelsbilanzdefizit so groß ist, macht mich besorgt. Aber ich bin vorsichtig optimistisch, dass es Veränderungen geben wird, die dieses Problem lösen, wenn die US-Wirtschaft stark bleibt.

FORMAT: Sie meinen damit, dass der Dollar, der schon seit einigen Wochen schwächelt, noch weiter fallen wird?
Paulson: Die Sichtweise von Goldman Sachs ist, dass der Dollar weiter unter Druck bleiben wird, aber ich erwarte keinen dramatischen Absturz.

FORMAT: In der vergangenen Woche hat US-Notenbankchef Ben Bernanke erneut die Leitzinsen auf aktuell fünf Prozent erhöht. Wie beurteilen Sie die ersten Monate seiner Amtszeit?
Paulson: Er hatte einen guten Start, die Märkte haben Vertrauen in ihn. Und erinnern Sie sich: Die Zinserhöhungen waren durchaus erwartet worden.

FORMAT: Goldman Sachs ist ein Motor der Globalisierung - sind Sie mit dem Erfolg zufrieden?
Paulson: Das Wachstum in China und Indien hat nicht nur geholfen, in diesen Ländern Hunderte Millionen Menschen aus der Armut zu befreien, sondern gibt auch Impulse für die ganze Welt. Tatsache ist, dass alle Länder, die sich dem globalen Wettbewerb geöffnet haben, profitiert haben, während die Länder, die nicht daran teilgenommen haben, zurückgeblieben sind. Allerdings sind die Erträge der Globalisierung nicht gleichmäßig verteilt, es gibt Gewinner und Verlierer. In fast jedem Land hat sich der Abstand zwischen Arm und Reich ausgeweitet. Das ist ganz klar der Fall in China, in Brasilien und Mexiko, aber auch in den USA. Dass es insgesamt Vorteile aus der Globalisierung gibt, reicht nicht aus. Wir müssen die Herausforderungen, die im Zusammenhang mit der Globalisierung entstehen, klar aufzeigen und entsprechende Akzente setzen.

FORMAT: Was muss zusätzlich geschehen?
Paulson: Wir brauchen neue Wege, um besser mit den Menschen umzugehen, die wir zurücklassen. Wir müssen alle mehr Kreativität bei der Entwicklung effizienter Lösungen zeigen, um mit den negativen Effekten besser umzugehen.

FORMAT: Welchen Beitrag leistet eine Investmentbank wie Goldman Sachs, um die Probleme zu bekämpfen?
Paulson: Das Wichtigste ist, für liberale, offene und effiziente Märkte zu kämpfen, weil nur robuste Kapitalmärkte den Regierungen und den Menschen die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen können, um Wachstum und Innovation voranzutreiben und Jobs zu schaffen. Und wir kooperieren mit Regierungen, um die Probleme durch die gestiegenen Anforderungen an die soziale Sicherheit und die Pensionssysteme anzusprechen. Außerdem sollten die wichtigsten negativen Effekte der Globalisierung, die zunehmenden Umweltprobleme, nicht vergessen werden. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein, dass eine gesunde Volkswirtschaft und eine gesunde Umwelt die beiden Seiten einer Münze für eine nachhaltige Entwicklung sind.

FORMAT: Was unternimmt Goldman Sachs konkret?
Paulson: Wir glauben eindeutig an marktbasierte Lösungen, bemerken aber, dass der private Sektor diese Probleme allein nicht meistern kann. Regierungen spielen hier eine zentrale Rolle. Goldman Sachs will zum Beispiel führend beim Handel mit Emissionszertifikaten sein, und wir haben uns verpflichtet, eine Menge Geld für Alternativenergie zur Verfügung zu stellen. Im November haben wir uns verpflichtet, dort eine Milliarde Dollar zu investieren, den Betrag haben wir bereits jetzt überschritten. Und in meiner Freizeit habe eine Umweltschutzorganisation in China ins Leben gerufen. Mein Eindruck ist, dass man dort sehr empfänglich für Lösungsvorschläge ist.

FORMAT: Es gibt - auch in den Schwellenländern - sehr viel heißes Geld, mit dem extrem kurzfristig spekuliert wird. Ist eine Tobin-Tax auf solche Finanzströme sinnvoll?
Paulson: Nein, das ist eine ganz schlechte Idee. Um weiterhin Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu sichern, ist der freie Fluss des Kapitals entscheidend. Wenn die Regierungen dagegen intervenieren, kommt sicher nichts Positives dabei heraus. Ich weiß außerdem nicht, wie man in der Praxis definieren will, was heißes Geld und was kaltes Geld ist.

FORMAT: Im von Ihnen bereits erwähnten Krisenjahr 1998 war es aber der Hedgefonds LTCM, der die Weltwirtschaft an den Rand des Absturzes brachte.
Paulson: Hedgefonds sind eine wichtige und stark wachsende Anlagekategorie. Viele sind ganz hervorragende Investoren und bekommen deshalb starke Zuflüsse. Es wäre kontraproduktiv, ihre Arbeit zu behindern. Natürlich werden wir immer wieder erleben, dass Hedgefonds aus dem Geschäft verschwinden, wenn sie die erwarteten Renditen nicht erzielen. Meiner Meinung nach kommen die aktuellen Probleme in Europa aber nicht von Hedgefonds, sondern von zu viel kaltem Geld. Europäische Banken und Versicherungen haben zum Beispiel in den letzten Jahren gerade deshalb Probleme bekommen, weil sie große Aktienpositionen gehalten haben, ohne sich gegen Verluste zu hedgen. Und das hat letztlich enorme Kosten für die gesamte Gesellschaft verursacht.

FORMAT: Sie sind aber stark engagiert bei Unternehmenskäufen. Jetzt gibt es in vielen Ländern politischen Druck, solche Mergers zu verhindern. Haben Sie dafür ein gewisses Verständnis?
Paulson: Gerade jetzt, wo die Weltwirtschaft so floriert, sehen wir in vielen Ländern, auch in den USA, einen wachsenden Protektionismus. Ich sehe das sehr negativ. Wettbewerb ist ein wichtiges Element für den Erfolg von Unternehmen, und Schritte seitens der Regierungen, den Wettbewerb einzuschränken, können gegenteilige soziale Konsequenzen zur Folge haben.

FORMAT: In Österreich beherrscht das Schicksal der Bawag die Diskussion. Goldman Sachs hat den Börsengang von Refco mitorganisiert. Erwarten Sie auch für Goldman Sachs Probleme?
Paulson: Uns ist die unglückliche Situation sehr gut bekannt. Aber da der Refco-Zusammenbruch ein laufendes Verfahren ist, kann ich dazu keinen Kommentar abgeben.

FORMAT: Goldman Sachs zahlt im Durchschnitt jedem Mitarbeiter vom Portier bis zum Boss über eine halbe Million Dollar Jahresgehalt. Ist das noch gesund?
Paulson: Man muss nicht alles glauben, was man über uns liest. Es gibt trotzdem gar keinen Zweifel, dass die Gehälter in einigen Bereichen unserer Branche sehr hoch sein können. Der Vorteil der Kunden aus dem Investmentbanking ist äußerst beträchtlich, und außerdem gibt es in der ganzen Finanzbranche einen intensiven Wettbewerb um gute Leute. Unsere Mitarbeiter haben laufend Angebote, zu wechseln.

FORMAT: Das heißt, Sie finden das Gehaltsniveau letztlich in Ordnung?
Paulson: Fordern Sie mich nicht auf, das Gehaltsniveau im Investmentbanking zu rechtfertigen, etwa gegenüber einem Lehrer. Einem Menschen, der vom Mars käme, könnte man sicher kaum erklären, warum die Gehälter von Lehrern im Vergleich so niedrig sind. Der Markt bestimmt diese Gehälter. Wenn wir nicht bereit sind, entsprechende Gagen zu zahlen, werden wir unsere besten Talente verlieren und damit unser Geschäft nachhaltig ruinieren.

Noch mehr über Henry "Hank" Paulson lesen Sie in FORMAT 20/06!

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