„Zu viele Dünnbrettbohrer“

FORMAT-Gipfeltreffen: Der Unternehmer Hannes Androsch und Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl im Streitgespräch über die wirtschaftliche Lage der Nation und warum nationale Politik immer virtueller wird.

Die Karriere des einen weist einzigartige Tiefen und Höhen auf: jüngster Finanzminister und Vizekanzler unter Bruno Kreisky, Österreichs größtes politisches Talent, dann als Generaldirektor der CA wegen der leidigen Steuersache in Unehren gegangen. Jetzt, mit 66, ist Hannes Androsch Schilling-Milliardär und einer der erfolgreichsten Unternehmer des Landes. Politisch aktiv ist Androsch nicht mehr, wenngleich er den derzeitigen SPÖ-Vorsitzenden Alfred Gusenbauer in wirtschaftspolitischen Angelegenheiten berät.

Der Lebensweg des anderen verlief linearer, doch ähnlich erfolgreich. Claus Raidl, 61, startete als Manager in der Verstaatlichten und fährt mit dem privatisierten Edelstahlkonzern Böhler-Uddeholm ein Rekordergebnis nach dem anderen ein. Raidl ist wirtschaftspolitischer Berater von VP-Kanzler Wolfgang Schüssel.

In einem zweieinhalbstündigen Streitgespräch analysierten die beiden die wirtschaftliche Lage der Nation.

Format: Herr Androsch, wie viele Stunden pro Woche arbeiten Sie?
Androsch: Ich arbeite überhaupt nicht, ich bin nur noch tätig. Der Unterschied ist: Arbeiten muss man, tätig ist man freiwillig.
Format: Herr Raidl?
Raidl: Also, ich muss arbeiten, tue es aber mit Freude. Wie viele Stunden ich arbeite, ist schwer zu sagen. Ich bin auch Sonntagnachmittag im Büro. 60 bis 70 Wochenstunden werden es schon sein.
Format: Derzeit wird die Abschaffung der Feiertage beziehungsweise die Flexibilisierung der Arbeitszeit heiß diskutiert. Sind das tatsächlich die beiden größten Probleme der heimischen Wirtschaft?
Raidl: Was die Verkürzung der Arbeitszeit betrifft, ist eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Die Annahme, wenn ich die Arbeitszeit pro Kopf verkürze, bringe ich mehr Leute in Beschäftigung, ist nicht eingetreten. Was wir unbedingt brauchen, ist eine weitere Flexibilisierung. Wir sind da zwar weiter als die Deutschen, aber wir brauchen eine Verlängerung des Durchrechnungszeitraums auf etwa zwei Jahre und mehr innerbetriebliche Gestaltungsmöglichkeiten. Bei der Abschaffung oder Verlegung von Feiertagen reagiert leider eine unheilige Allianz aus Gewerkschaft und Kirche, die das verhindern möchte.
Format: Würden Sie den Satz von der unheiligen Allianz unterschreiben, Herr Androsch? Auch der von Ihnen nicht sehr geschätzte Finanzminister Grasser will ja Feiertage abschaffen.
Androsch: Vielleicht ist es nützlich, wenn er einmal meiner Meinung ist. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gab es eine Wochenarbeitszeit von 62 Stunden und drei Tage Urlaub im Jahr. Das hat sich aus guten Gründen grundlegend geändert. Aber man kann auch übertreiben. Bei der Feiertags- und Flexibilisierungsdebatte muss man mehr differenzieren. Man kann nicht alles über einen Kamm scheren und die unterschiedlichsten Tätigkeiten gleich bewerten. Für Bauern oder Beschäftigte im Tourismus müssen andere Regeln gelten als für Hochofenarbeiter oder im Krankenbetreuungsbereich. Was ich sagen will: Eine längere Wochenarbeitszeit nützt nichts, wenn man nicht genügend Aufträge hat. Hat man viele Aufträge, braucht jedes Unternehmen ungleich mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Europa hat seit Jahren die am geringsten wachsende Wirtschaft. Wie wollen wir konkurrenzfähig bleiben gegenüber Indien, China oder den neuen EU-Mitgliedsländern? Das geht nur unter Wahrung vernünftiger, angemessener Rechte der Arbeitnehmer, bei ungleich mehr Gestaltungsrechten der Arbeitszeit als bisher. Schert man alles über einen Kamm, kann nur ein Pallawatsch herauskommen.
Raidl: Ich glaube, man muss den Gewerkschaften die Angst nehmen, dass sie überflüssig werden, wenn die Arbeitszeiten mehr als bisher innerbetrieblich geregelt werden. Das ist ja keine Strategie, sie überflüssig werden zu lassen, sondern im Gegenteil, sie als Partner für das Große und Ganze zu gewinnen.
Androsch: Die Gewerkschaften waren entscheidend dafür, dass die Arbeiterklasse zu ihren Rechten gekommen ist. Aber sie haben heute einige Schwierigkeiten damit, ihr Rollenverständnis der geänderten Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts anzupassen. Aber nochmals: Die Situation ist bei uns besser als in Deutschland.
Format: Österreich war im vergangenen Quartal laut EU-Statistik Schlusslicht beim Wachstum. Ist die Wirtschaftspolitik der Regierung gescheitert?
Raidl: Ganz Europa ist schwach, keine Frage. Aber bei einigen Kennzahlen liegen wir gut – Arbeitslosigkeit, Budgetdefizit.
Androsch: Ja, aber nur, weil wir die meisten Frühpensionisten haben. Und zählt man jene hinzu, die sich gerade auf Umschulung befinden, haben wir eine Arbeitslosigkeit um die zehn Prozent, so wie in ganz Europa.
Raidl: Das ist seit zwanzig Jahren so. Was die Arbeitslosigkeit betrifft, liegen wir wirklich nicht so schlecht. Was das Wachstum betrifft, spüren wir die schwache Performance von Deutschland.

Das komplette Gespräch finden Sie im neuen FORMAT

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