Wolfgang Schüssel: Weltmeister am Verhandlungstisch

EU-Gipfel/Regierung. Ob Temelin und Transit in Kopenhagen oder Koalitionsgespräche in Wien: Wolfgang Schüssel ist der ungekrönte König der politischen Verhandlungen. FORMAT recherchierte die Methoden, mit denen er seine Gegner austrickst.

Die eigenen Worte sind manchmal die beste Quelle, um einen Politiker zu charakterisieren. „Wir lizitieren nicht“, „Niemand kann sagen, Österreich spiele nicht mit offenen Karten“, „Wenn andere nun jedoch etwas anderes wollen, muß man verhandeln“. So sprach Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, bevor er zum EU-Erweiterungsgipfel nach Dänemark abflog. Lizitieren, mit offenen und weniger offenen Karten spielen, verhandeln – das sind sie, die Schlüsselwörter seiner Karriere.

Pokern in Kopenhagen
Einmal mehr kann der Kanzler diese Woche beweisen, wofür er in erster Linie berühmt und berüchtigt ist: ein Pokerer, ein Machiavelli am grünen Tisch zu sein, ausgestattet mit dem Ruf, derzeit der wohl gewiefteste Verhandler der Republik zu sein.

Den Krieg der Argumente führt Schüssel derzeit gleich an zwei Fronten: in Kopenhagen, wo er beim Erweiterungsgipfel Österreichs Herzthemen Transit und Temelin in letzter Sekunde erledigen mußte, und in Wien, wo es kommende Woche gilt, die Koalitionsverhandlungen mit einer unterwürfigen FPÖ und zwei zögerlichen Partnern (SPÖ und Grüne) weiterzuführen.

Erster Schauplatz: Kopenhagen. Die Taktik gab die „Kronen Zeitung“ vergangenen Mittwochabend vor: „Starke Nerven, Aussitzen, Totreden, Gipfel nicht ohne Lösung abschließen lassen.“ Wolfgang Schüssel gab sich ebenfalls kampfeslustig: „Falls man dort glaubt, Österreich macht Bestemm wie das kleine Dorf in Gallien gegen den großen Cäsar in Rom, dann werde ich das dem EU-Gipfel ganz genau erklären.“

Der Kanzler ist in seinem Element. Immer schon war es der Verhandlungstisch, an dem Schüssel seine Siege errang und seine Niederlagen vergessen machte. Was ihm vor dem 24. November bei Wahlen aufgrund spröder Performance nicht gelang, machte er hinter verschlossenen Türen wieder wett. Das war schon bei den Koalitionsverhandlungen 1995 und 1999 so. Jetzt, endlich mit einem echten Wahlsieg ausgestattet, kann er sein taktisches Geschick im Bewußtsein uneingeschränkter Macht ausspielen.

Paktieren am Ballhausplatz
Schüssel ist erfahren wie kein anderer in den drei Königsdisziplinen der Politik: Paktieren, Verhandeln, Abtauschen. An jenem zweieinhalb mal sieben Meter großen ovalen Tisch im kleinen Ministerratszimmer im Westflügel des Bundeskanzleramts sitzt Schüssel bereits zum sechstenmal in seiner Karriere. Hier, Aug in Aug mit seinen Gegnern, getrennt nur von zwei Armlängen grünen Filzes, spinnt er seine Strategien, zieht die Gesprächspartner – sprichwörtlich – über den Tisch und feiert seine Triumphe. Und hier könnte er, wenn er wollte, auch zwei besonders dicke Kerben einschnitzen – für seine beiden bislang prominentesten politischen Verhandlungsopfer: Viktor Klima (1999) und Franz Vranitzky (1995).

Nicht nur die Geschichte spricht dafür, daß er demnächst eine dritte Rille ritzen wird: für Alfred Gusenbauer (SPÖ), für Herbert Haupt (FPÖ) oder gar für Alexander Van der Bellen (Grüne).

Die Basis dafür hat Schüssel in den vergangenen Tagen längst gelegt – und er verfährt dabei nach seinem ewiggleichen Grundprinzip: Polit-Mikado spielen.

Die Regeln sind relativ einfach: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Wer inhaltliche Schmerzgrenzen definiert, verliert an Verhandlungsspielraum. Diesen jedoch gilt es offenzuhalten bis möglichst ganz zum Schluß, wenn die eigentlichen Entscheidungen anstehen und Verfügungsmasse für die unentbehrlichen Tauschgeschäfte vorhanden sein muß. Schüssels zweite Grundregel lautet: sich Zeit lassen. Verhandeln ist Nervensache, und in dieser Disziplin ist er Weltmeister. Sein langjähriger Mitverhandler, Klubobmann Andreas Khol, erhellt die geheimen Hintergründe: „Wolfgang Schüssel führt ein mönchisches Leben. Er geht früh schlafen, hat ein intaktes Familienleben, einen geregelten Gefühlshaushalt und trinkt kaum Alkohol. Er kann sich auf die Politik konzentrieren. Ein entscheidender Vorteil bei Verhandlungen.“

Klaus Dutzler, Barbara Tóth

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