Wolfgang Schüssel: Kleiner Prinz, ganz groß

Porträt. Vom ungeliebten Wendekanzler zum triumphalen Wahlsieger: Wolfgang Schüssel hat das Jahr 2002 geprägt wie kein anderer. FORMAT bat Freunde und Feinde um ihr ganz persönliches Resümee.

Wer heute den Raum, in dem der Kanzler arbeitet und denkt, betritt, stellt fest, daß Wolfgang Schüssel es sich gemütlich gemacht hat. Kühle Eleganz von Stahlmöbeln trifft auf liebevoll arrangierte Erinnerungsstücke, auf dem penibel aufgeräumten Schreibtisch liegen internationale Zeitungen zum Schmökern, und im Kühlschrank der Kanzleramtsküche wartet kaltes helles Bier.

Es ist das Arbeitszimmer eines Mannes, der nicht nur am Beginn seiner zweiten Amtsperiode als Kanzler steht, sondern im Begriff ist, sich den Traum eines jeden Politikers zu erfüllen: Zeitgeschichte zu schreiben und eine Ära zu begründen. Schüssel als schwarzes Gegenstück zum roten Sonnenkönig – das ist jene Version, an der die Hagiographen in der ÖVP-Parteizentrale in der Wiener Lichtenfelsgasse bereits meißeln.

Schüssel als der Mann, der für die ÖVP einen historischen Sieg einfuhr und der den Aufstieg des Rechtspopulisten Jörg Haider endgültig beendete (Stichwort: „Drachentöter“). Schüssel, der eine lange und prosperierende Phase konservativer Vorherrschaft in Österreich einleitete – so oder so ähnlich soll es in den Geschichtsbüchern dereinst wohl nachzulesen sein. Immerhin ist Schüssel zu Beginn seiner zweiten Amtszeit als Kanzler mit 57 Jahren jünger als jener Mann, mit dem er in den letzten Wochen schon oft verglichen wurde: SPÖ-Langzeitkanzler Bruno Kreisky. Dieser war 59, als er erstmals am Ballhausplatz seine Zelte aufschlug.

Fest steht: Schüssel hat in diesem Jahr den ersten wahren Triumph in einem an Enttäuschungen, Rückschlägen und Durchschnittlichkeiten nicht armen Politikerleben eingefahren. Der vielfach belächelte „kleine Prinz“ ist endlich erwachsen geworden.

Wallfahrtsort Kanzleramt
Wie kein anderer Politiker hat der Kanzler seine erste Amtsperiode und das vergangene Jahr geprägt. Er hat sich geschickt aus der Koalition gepokert und einen Kanzlerwahlkampf par excellence geführt. Dessen grundlegende Frage „Wer, wenn nicht er?“, das müssen selbst Kritiker geknickt eingestehen, wurde mit dem historischen Ergebnis von 42,3 Prozent letztlich eindeutig beantwortet.

Selbstbewußt und dominant wie schon lange kein Parteichef vor ihm führt er nun Koalitionsverhandlungen. Eher wie Bittsteller denn wie Partner pilgerten vergangenen Dienstag die Vertreter von SPÖ und Grünen zu den „substantiellen Gesprächen“ (ÖVP-Sprachregelung) ins Kanzleramt. Schüssel nennt Termine, diktiert Fristen. Im Jänner muß sich die SPÖ entscheiden, ob sie will oder nicht, Ende des Monats soll dann die neue Regierung stehen (siehe Interview Seite 31). Kurz: Schüssel gibt in allen innenpolitischen Belangen das Tempo vor.

Es ist eine bemerkenswerte Wandlung: Nicht einmal drei Jahre ist es her, als Schüssel, eisig angelobt, unterirdisch angetreten, mit dem Nimbus des unsympathischen Verlierers ausgestattet, sein Amt bezieht. Er erträgt die internationale Ächtung seines Wendekabinetts mit selbstgeißlerischer Haltung. Koalitionsintern kultiviert er vor allem die Politik des Schweigens. Seine Umfragewerte sind am Tiefpunkt. Nur dreißig Prozent bezeichnen Anfang 2000 Schüssel als ihren Wunschkanzler, die von ihm geführte Koalition aus ÖVP und FPÖ hat kaum mehr Zustimmung als ein Regierungseintritt der KPÖ. Schüssel harrt aus. Als einzige Konzession an die entrüstete Öffentlichkeit legt er sein Mascherl ab – der Vorwurf, ein politischer Hasardeur zu sein, bleibt. Und heute?

Paradoxer Erfolg
Der Geächtete von vor drei Jahren ist beliebt wie nie – und praktisch unumstritten. Seine Partei ist unangefochten die Nummer eins, er als Kanzler bereits Selbstverständlichkeit. Galt der Kanzler zu Beginn seiner Amtsperiode als wenig vertrauenswürdig, eher geduldet als geschätzt, respektieren die Österreicher heute seine Durchhaltekraft, seinen Reformwillen und seine Führungsstärke. Aus dem Machtpolitiker wurde – nicht zuletzt dank ebenso geschickt wie zurückhaltend agierender Imageberater – eine Art Volkskanzler mit Intellekt. Begabt, kreativ, musisch und volksverbunden, dabei nie nach der Seitenblicke-Gesellschaft schielend, und mit einer stillen, aber eigenwilligen Frau an seiner Seite.

Schüssels heutige Beliebtheit wird wohl als Paradoxon in die Geschichte eingehen: Denn inhaltlich läßt sich der Erfolg der Ära Schüssel I kaum untermauern. Seine groß angekündigten Reformschritte im Staats-, Sozial- und Gesundheitswesen? Nicht sichtbar. Die versprochene Steuerreform? In weiter Ferne. Seine Parole von „Weniger Staat, mehr Privat“? Konterkariert durch die höchste Abgabenquote der Zweiten Republik. Sein Dogma Nulldefizit? Heuer um 1,3 Prozent verfehlt, wie selbst der stets sonnig-optimistische Finanzminister Karl-Heinz Grasser eingestehen muß.

Klaus Dutzler, Barbara Tóth

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