Willkommen im Land des Lächelns

Nach Schüssel und Gusenbauer hält ab 15. 9. in der neuen Politpuppenshow des Rabenhofs Puppenkanzler Werner Faymann Hof. FORMAT traf dessen Schöpfer, Starkarikaturist Gerhard Haderer, zum Interview.

Während Werner Faymann und Josef Pröll im Rabenhof Theater bereits ihre erste Pressekonferenz gegeben haben und Christian Konrad und Maria Fekter traut nebeneinander in der Puppenkiste liegen, wird Laura Rudas noch der Kopf zurechtgerückt – die Vorbereitungen zum dritten Politpuppentheater des Kabarettistentrios maschek laufen auf Hochtouren. Über 25.000 Zuschauer haben die Shows „Bei Schüssels“ und „Beim Gusenbauer“ im Rabenhof Theater verfolgt, über 300.000 haben sich via TV in die Sandkastenrepublik entführen lassen. Am 15. September ist nun „Bei Faymann“ angesagt: Entstanden sind die neuen Karikaturen Österreichs Mächtiger der Polit- und Seitenblickegesellschaft wieder nach den Entwürfen Gerhard Haderers. Umgesetzt hat sie die deutsche Puppenbauerin Brigitte Schneider. Der 58-jährige Starkarikaturist, der zwischen seinen Ateliers in Linz und am Attersee pendelt, verpasst den noch ausstehenden Figuren gerade den letzten Schliff, damit sie sich, so der Cartoonist im Gespräch, auf der Bühne „ordentlich gebärden können“.

Format: Was denken Sie, wird Bundeskanzler Faymann sich zur Premiere wagen?
Haderer: Er muss doch die erste Vorstellung „eröffnen“. Er sollte mit mir gemeinsam zur Premiere gehen. Ich werde mir eine neue Friseur zulegen, dass ich genauso fesch wegkomme wie er. Man muss ihm halt nur sagen, wann das Stück aus ist, damit er nicht weiterspielt …

Format: Die besten Geschichten schreibt derzeit wohl wirklich die Politik …
Haderer: Selbstverständlich. Aus der Politik beziehe ich meine wichtigsten und stabilsten Mitarbeiter. Nicht alles, was sie liefern, ist witzig, aber vieles ist brauchbar. Ein Hohelied auf meine Mitarbeiter!

Format: Das Politkasperlspiel „Bei Faymann“ ist nun die dritte Auflage der Puppenshow: Schüssel war auf die große Schweigenummer abonniert, Gusenbauer der lebende Kompromiss, was erwartet uns nun „Bei Faymann“?
Haderer: „Bei Faymann“ hat uns vor allem ein kongeniales Komikerduo zu erwarten, das in Anklängen an Stummfilmzeiten erinnert: ein unterhaltsamer Entertainer und sein recht massiver Partner, Kanzler und Vizekanzler. Da ist der Knüller aufgelegt. Schüssel und Gusenbauer waren nur die Einleitung, jetzt steuern wir dem unübertrefflichen Höhepunkt entgegen!

"Dezenter könnt ich’s nicht sagen!"
Format: Worauf konzentriert sich der Blick des Karikaturisten bei Politikern?
Haderer: Es gibt einfach Lieblingsfiguren, die für ihre Gesichter auch verantwortlich sind. Wenn zum Beispiel eine Frau Innenminister Fekter sagt, sie lässt sich von Rehleinaugen nicht beeindrucken, dann achtet der Karikaturist natürlich besonders darauf, wenn er ihre Augen zeichnet.

Format: Schlittenhundaugen …
Haderer: Dezenter könnt ich’s nicht sagen! Und dazu diese Schlupflider, das sind Angebote, an denen ein Karikaturist nicht vorbeikann. Ich beschäftige mich nämlich nicht nur mit den sogenannten Rampensäuen, sondern sehr gerne mit der anderen Klientel, wie eben der unglaublich unwiderstehlichen und für mich sehr charmanten Innenministerin. Die ist mein absoluter Knüller. Aber es kommen diesmal auch der Papst und ein Filou namens Sarkozy ins Spiel, die zeichnen sich von selber. Und nicht zu vergessen: der österreichische Star aller Seitenblicke, Christian Konrad, dafür müssen wir aber das Bühnenformat auf 16:9--Breitbild ändern.

Format: Kann man sich Wut vom Leib zeichnen? Oder anders gefragt: Ist der Job therapeutisch wertvoll?
Haderer: Das ist eine Art von permanenter Eigentherapie. die ich mittlerweile seit 30 Jahren veranstalte. Ich weiß nicht, in welcher Lebenssituation ich wäre, wenn ich dieses Ventil nicht hätte. Aber es ist ja nicht nur negative Energie wie Wut oder Zorn, die einen beflügelt, es kann auch Liebe sein. In jedem Fall geht es um Emotion.

"Dieser Nationalratspräsident ist eine Schande"
Format: Gibt es Themen oder Personen, an die Sie keinen Strich verschwenden? Es gibt zum Beispiel keine Strache-Puppe …
Haderer: Es reicht, so eine Figur solange es geht, künstlerisch zu ignorieren. Aber sein Umfeld und der Mief, in dem er sich aufhält, ist ja ständig Thema meiner Zeichnungen. Martin Graf zum Beispiel habe ich schon einen Cartoon gewidmet. Dieser Nationalratspräsident ist eine Schande für unser Land. Dazu muss man sich äußern.

Format: Ist es nun eine Ehre, gezeichnet zu werden, oder eher bedenklich, wenn man zu einer Politpuppe wird?
Haderer: Die Frage der Kontraproduktivität stellt sich da natürlich. Es gibt eine große Klientel, die sich mir aufdrängt und sogar bittet, sie zu zeichnen. Mittlerweile ist es aber schwierig, zu erkennen, ob man nicht jemanden, den man sich vorknöpfen will, mit einem Cartoon wider Willen hilft.

Format: Sie teilen die Betroffenen gerne in zwei Gruppen …
Haderer: Die einen versuchen mich zu klagen, die Klugen laden mich zum Essen ein.

Format: Was sagen denn die jeweiligen Reaktionen über das Selbstbild aus? Gusenbauer hat es angeblich bis heute nicht einmal ertragen, sich die DVD der Show anzuschauen, Schüssel hat
die Familie in die Vorstellung geschickt, Häupl ist in Dialog mit seiner Puppe getreten, und Christian Konrad will gar eine Vorstellung kaufen.

Haderer: Natürlich sagen die Reaktionen der Betroffenen viel über ihren Charakter und ihr Selbstverständnis aus. Die eleganteste Reaktion kam bisher von Michael Häupl, der sich einfach in der Vorstellung über sich selber köstlich amüsiert hat. Man soll sich ja nicht tödlich verletzt fühlen, das ist doch eine unterhaltende Veranstaltung! Es gibt Menschen, die zu sich selber eine ironische Distanz haben, und dann gibt es die Bitzler: Die sehen die Satire als Majestätsbeleidigung.

"Das letzte Make-up kommt von mir"
Format: Hat Gerhard Haderer eine Mission?
Haderer: Nein, weil ich ja keine definierten Botschaften habe. Natürlich bin ich einst angetreten, um die Welt zu verbessern, aber ich habe meine Positionen immer wieder verändert. Man lernt schnell, dass man zwar sich selber sauber halten kann, dass man aber bei der Wirkung nach außen äußerste Bescheidenheit ansetzen muss.

Format: Was unterscheidet die Skizzen für die Puppen von anderen Cartoons?
Haderer: Die technische Frage ist eine völlig andere, und es ist Teamverhalten gefragt. Denn am Ende geht meine Skizze ja an unsere geniale neue Puppenbauerin. Die schickt mir 3-D-Skulpturen, die ich wieder um überarbeite. Das letzte Make-up kommt dann von mir.

Format: maschek erzählen, sie selber würden bei den Proben schon längst nicht mehr mit den Puppenspielern reden, sondern mit den Puppen.
Haderer: Das ist das schönste Kompliment, das man der Puppe machen kann. Meine Absicht für diese Staffel war ja, keine Puppen, sondern kleine Menschen zu -gestalten. Das ist schwierig, weil die Körper müssen sich den Puppenspielern unterwerfen, brauchen aber auch einen ganz persönlichen Körperausdruck. Es ist nun mal ein großer Unterschied zwischen Christian Konrad und Werner Faymann. Im bes-ten Fall hat man dann sogar den Eindruck, die Puppe hat eine -eigene Mimik. Das wiederum hängt mit dem Bühnenlicht, vor allem aber mit der Qualität der Puppenspieler zusammen. Die können jede Interaktion vortäuschen.

Format: Hätten Sie gedacht, dass die Puppenshow so erfolgreich wird?
Haderer: Es war einfach eine atemberaubende Idee, „politisches Kasperlheater“ zu machen: In diesem Ausdruck liegt doch schon die ganze Sprengkraft.

Format: Nach Schauplätzen wie Schüssels Wohnung und dem Kanzleramt spielt „Bei Faymann“ nun in der Empfangshalle der „Kronen Zeitung“ …
Haderer: Es spielt in der logischen Umgebung des jetzigen Bundeskanzlers. Aber die „Krone“-Redaktion, so wie ich sie sehe, wird etwas „Staatstragendes“ haben.

Format: Wo Dichand nun doch der Familie Pröll seine Gunst in Aussicht gestellt hat.
Haderer: Der hoffnungsvolle Nachwuchspolitiker Dichand glaubt nun auch noch, er muss täglich neue Personalvorschläge machen und lässt endlich so richtig schön die Sau raus. Vielleicht war ja Kanzler Faymann auch nicht willfährig genug …

Format: Sie haben nach 25 Jahren ihre Tätigkeit als „profil“ Cartoonist beendet, ist der mediale Olymp hierzulande erklommen?
Haderer: Es waren 25 großartige Jahre. Ich konnte mich gut entwickeln mit Seele, Leidenschaft und: ohne Routine. Wir leben aber in einer Wirtschaftskrise, daher ist kein Budget mehr für Cartoons vorhanden, und ich habe von meinem Herzblatt mit viel Herzschmerz Abschied genommen. Mit der österreichischen Medienlandschaft habe ich damit abgeschlossen. Ich arbeite aber weiter aktuell für den „stern“, das Flaggschiff des deutschen Magazinjournalismus.

Format: Erfordert das nicht eher eine deutsche Sicht der Dinge?
Haderer: Eigentlich nicht so sehr. Mein Linz ist überall. Ich habe meine Models vor der Haustür. Es gibt einfach eine Besetzungsklientel, die überregional ist.

Format: Gibt es aus Ihrer Sicht hierzulande überhaupt noch eine funktionierende Medienlandschaft?
Haderer: Die hat es in Österreich schon in den letzten zehn Jahren nicht mehr ge-geben, es gibt Konglomerate, die unsere Printmedien beherrschen, dadurch ent-stehen -Abhängigkeiten und Wechselwirkun-gen, die einen Brei ausmachen, der mir fast unerträglich ist.

Format: Die Grenzen des Humors wurden jüngst bei der Konfrontation zwischen dem Kärntner Landeshauptmann und Stermann/Grissemann wieder zum Thema. Wo ver-läuft Ihre Grenze zur Geschmacklosigkeit?
Haderer: Es gibt eine, aber ich kann das nur schwer definieren. Haderer ist Programm, Manfred Deix ist auch Programm. Jeder hat seinen persönlichen Kodex er-arbeitet. Deix würde nie Katzen verarschen, weil er eine enge Beziehung dazu hat. Mir geht
es mit einigen Menschen genauso.

Format: Sie sind 2005 im Zuge der Veröffentlichung Ihres Buches „Das Leben des Jesus“ in Griechenland wegen -Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft verurteilt und wieder freigesprochen worden. Ist davon etwas zurückgeblieben?
Haderer: Natürlich, so einen Lernprozess darf man nicht oft erleben: Ich habe gelernt, dass gegen ein charmantes und liebenswertes Buch – eine Lockerungsübung für Katholiken – richtige Kreuzzüge inszeniert werden. Und dafür bin ich bis heute der Werbeagentur Schönborn dankbar.

Format: Wie ging Ihnen die Papstfigur von der Hand?
Haderer: Der Papst liest -jedes Manuskript vor, das man ihm in die Hand drückt, und wenn es die italienische Speisekarte ist – der Mann liefert groß-artigen Stoff. Eine tolle Figur und leicht zu zeichnen.

Format: Auch der Bundespräsident ist nun vertreten.
Haderer: Da bin ich nahezu befangen, ich freue mich, einen zu sehen, der Strahlkraft und Freude an seiner Funktion hat. Wenn es also so etwas wie eine positive Zuwendung zu einem realen Politiker gibt, dann hat sie Heinz Fischer von mir verdient.

Format: Auch SPÖ-Nachwuchshoffnung Laura Rudas ist zur Puppe gewor-den …
Haderer: Sie ist mir zumindest noch nicht negativ aufgefallen, sie versucht halt, in der auslaufenden sozialdemokratischen Bewegung noch ein paar Positionen zu verteidigen.

Format: Der titelgebende Hauptdarsteller ist ja längst durch maschek auf einen bestimmten Kicherton fixiert, kann man das zeichnerisch noch toppen?
Haderer: Eigentlich muss ich vor maschek und dem Beitrag mit Faymann als Grüßaugust völlig kapitulieren. Ich habe den Bundeskanzler aber in den letzten -Wochen einige Male richtig emotional erlebt, und da hat er mich erstaunt. Plötzlich wird er richtig präsent. Jetzt, wo sich die Konturen in der Koalition schärfen, könnte sich die Figur noch entwickeln.

Format: Bleibt noch Josef Pröll …
Haderer: Mit dem tue ich mir sehr schwer: Der ist verhaltener und nicht so ein Entertainer wie der Faymann. Aber auch bei Asterix und Obelix war ja nicht, wie geplant, der kleine Asterix der Star, sondern eher der unscheinbare Obelix, der aus der gesicher-ten Defensive punktet. Der Vergleich drängt sich einfach auf, das ist feinstes österreichisches Politkabarett. Besser als live geht sowieso nicht mehr. Das echte Kasperltheater findet doch in der „ZiB 1“ oder „ZiB 2“ statt.

Interview: Michaela Knapp

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