Wie Sie von der Weltmacht EURO profitieren:
Symbolisches Rekordhoch der Weltwährung

Das Rekordhoch des Euro ist nur ein Symbol für den Aufstieg einer neuen Weltwährung. FORMAT analysiert, wie die Entwicklung weitergeht und wie Sie als Anleger profitieren können.

Neulich an der Schengen-Grenze: Flüchtlinge, die auf ihrem Weg via Slowakei nach Europa in der Ukraine festsitzen, beklagen sich neuerdings über mangelnde Vorbereitung ihrer Reise. Sie fuhren mit Dollarnoten in den Socken und Hosenbünden von zu­hause los – und bisher konnten sie damit auch die Schlepper über die slowakische Grenze zahlen: Hundert Dollar war der Tarif für die nächtliche Waldwanderung. Heute ist der Preis höher – und die Dollar-Lappen brin­gen nichts mehr: Die Schlepper wollen 200 Euro sehen. „Dollar nix mehr wert“, beklagt sich ein Pakistani mit Deutschkenntnissen: „Nur mehr Euro ist gut.“

Auch harte Fakten sprechen für den Aufstieg des Euro zur Supermacht. So durchbrach der Euro kürzlich die Schallmauer von 1,50 Dollar und notierte am Mittwoch dieser Woche bereits bei 1,53 Dollar. Das bedeutet gegenüber dem Startkurs des Euro als Buchgeld im ­Jänner von 1,18 einen Kursanstieg von 30 Prozent. Gemessen am historischen Tiefkurs von 0,82 im Herbst 2000, ist der Euro sogar 87 Prozent in die Höhe geschnellt (siehe Grafik).
Beim Bargeldvolumen ist der Euro längst die unangefochtene Nummer eins. Weltweit zirkulierten im Jänner 2008 Euro­noten und -münzen im Wert von 669,6 Milliarden. Zum Vergleich: Der Dollar ist mit umgerechnet 539,8 Milliarden Euro bereits deutlich zurückgefallen.

Der Euro entwickelt sich dement­sprechend zum weltweit gern gesehenen Zahlungsmittel. Das liegt nicht zuletzt an den reisefreudigen Europäern. So ist zum Beispiel beim New Yorker Antiquitätenhändler William Leroy der Kunde König, wenn er mit Euros wedelt. Auch im ­internationalen Tourismusgeschäft wird der Euro immer populärer. TUI-Austria-Sprecher Josef Peterleithner: „In ganz Europa mit Ausnahme der Schweiz und Englands werden unsere Hotelbuchungen bereits auf Eurobasis abgeschlossen. Das Gleiche gilt für Kuba, Mauritius und Kenia. Jetzt wollen auch viele Inseln
der Malediven auf Euro umstellen.“ Ob die Reisen dadurch günstiger werden,
ist noch nicht klar. Derzeit läuft gerade der Preispoker für die Wintersaison.
Auch Exporte nach Osteuropa, noch vor kurzem eine Dollar-Domäne, werden heute überwiegend auf Eurobasis abgewickelt. In Russland wird zwar noch in Dollar oder Rubel fakturiert, allerdings hat dieser seine frühere Dollaranbindung aufgegeben. Martin Grüll, Finanzvorstand von Raiffeisen International: „Der Rubel orientiert sich an einem Währungskorb, der auch aus Euro besteht. Das Gewicht des Euro hat im Vorjahr von 40 auf 45 ­Pro­zent zugelegt.“ „Wir sehen einen klaren Trend zum Euro“, meint Johannes Attems, Vorstand der Oesterreichischen Kontrollbank. „In der Türkei wird mittlerweile in Euro fakturiert, in Russland – vor kurzem noch Dollarraum – ist es egal, ob man Dollar oder Euro bringt, und in einigen Märkten wie dem Iran ist der Euro unangefochten.“ Laut Werner Becker, Analyst der Deutschen Bank, orientieren sich bereits 40 Pro­zent aller Staaten der Welt am Euro, 60 Prozent sind mehr oder weniger fix an den Dollar gekoppelt. Noch. In den Golfstaaten wird bereits heftig diskutiert, wann man die fixe Bindung an den Dollar aufgeben soll. Schließlich sind die Scheichs alles andere als glücklich, wenn ihre Petrodol­lars beim Einkauf in Paris immer mehr an Wert verlieren. Außerdem treiben die steigenden Preise von Euroimporten die In­flation am Golf in zweistellige Regionen. Kuwait zog als Erster die Konsequenzen und hat 2007 seine Währung teilweise an den Euro gebunden. Selbst eine Notierung des Ölpreises in Euro ist kein Tabuthema mehr. Graham French, Manager des erfolgreichen rohstoffaktienlastigen Aktienfonds M & G Global Basics: „Es ist sehr gut möglich, dass Öl in Zu­kunft in Euro notiert, was natürlich das nächste Problem für den Dollar wäre.“

Das Erstarken des Euro liegt nicht nur am schwachen Dollar, sondern auch am Aufstieg der EU zum Global Player neben den USA. Europa hat in den ­letzten Jahren eine Reihe von Schritten gesetzt, die das Vertrauen in die Währung stärken: Die Erweiterung macht die EU zum größten Binnenmarkt der Welt, der kürzlich unterzeichnete Reformvertrag si­chert die politische Handlungsfähigkeit, und die Außenhandelspolitik ist schon seit Jahren Gemeinschaftssache. „Die Welt vertraut Europas Zugang zur Weltpolitik mittlerweile mehr als den USA mit ihrem Cowboy-Auftreten“, meint der US-Politikwissenschaftler Jeremy Rifkin. Was noch fehlt, ist eine echte gemein­same Außenpolitik. „Aber mit dem Vertrag von Lissabon bekommt die europäische Außenpolitik nun ein einheitliches Gesicht – den Außenminister. Das wird den Euro stärken“, meint Ex-EU-Kommissar Franz Fischler.

Unter Notenbankern ist der Umtausch von Dollar in Euro bereits in vollem Gange. Es besteht kein Zweifel, dass der Euro auf dem besten Weg zur zweiten Reservewährung der Welt ist. Stieg doch der Anteil des Euro an den weltweiten Fremdwährungsreserven in den vergangenen neun Jahren von 18 auf 26 Prozent. Besonders Schwellenländer zeigen sich vom Euro begeistert. Dort liegt der Euroanteil der Reserven bereits bei 29 Prozent (siehe Grafik Seite 79). Rainer Singer, Währungsexperte der Erste Bank: „Immer mehr Länder ent­schlie­ßen sich dazu, ihre Devisen breiter zu diversifizieren. Neue Reserven werden verstärkt in Euro angesammelt.“ Trotzdem wird es noch einige Zeit dauern, bis sich der Euro auf Augenhöhe zum Dollar positioniert. IHS-Chef Bernhard Felderer: „Der Euro ist eine Erfolgsgeschichte. Die internationalen Notenbanken gehen aber auf Nummer sicher und beobachten immer noch genau, wie der Euro reagiert“. Wenn es irgendwann zu einem Gleichstand kommt, sind die Konsequenzen geringer als erwartet. WU-Professor Fritz Breuss hat in einer noch unveröffentlichten Studie kalkuliert, was es bedeutet, wenn Dollar und Euro je 45 Prozent der Weltwährungsreserven ausmachen werden. Breuss: „Wenn die Entwicklung über 15 Jahre verläuft, wertet der Euro dadurch nur insgesamt drei Prozent auf. Das Wirtschaftswachstum würde in dieser Zeit nach einer anfänglichen Bremsung um 0,2 Prozent pro Jahr stärker ausfallen, während das US-Wachstum um 0,15 Prozent gebremst würde.“

Derzeit macht der starke Euro Unternehmen aber vor allem Sorgen. Christian Helmenstein, Chefökonom der Indus­triel­lenvereinigung: „Für Exporte in den Dollarraum wird es immer schwieriger. Schon zehn Prozent Aufwertung des Euro kosten 0,3 Prozent Wirtschaftswachstum.“ Wer sich als Exporteur gegen Wäh­rungsverluste schützen will, zahlt derzeit sehr hohe Optionsprämien. Ein Ausweg ist ein kostenloses Modell der RLB NÖ-Wien.

Auch Anleger mit Positionen im Dol­larraum haben zuletzt auf der Währungsseite kräftig verloren. Eine Möglichkeit, Kursschwankungen zu neutralisieren, sind währungsgesicherte Fonds (siehe Kas­ten Seite 80). Allerdings verpasst man mit solchen Produkten einen durchaus möglichen Wiederanstieg des Dollar. So rechnet zum Beispiel Tim Geissler, oberster Geld­manager der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, mit einer Entwicklung des Dollar in der zweiten Jahreshälfte in Richtung 1,43. Für Stefan Keitel, Chefstratege der Credit Suisse Deutschland, ist jetzt ir­gend­wann eine Gegenbewegung fällig: „Der Euro wird in den nächsten zwei Jahren nicht die stärkste Währung sein, auch nicht zum Dollar.“ Das wäre für Anleger eigentlich die beste aller denkbaren Welten. Keitel: „Euroanleger sind jetzt in ei­ner charmanten Situation. Investments in Euro sind ohnehin währungsstabil. Und außerhalb gibt es jetzt mehr Chancen als Risiken. Temporär kann man jetzt auch versuchen, ausländische Währungen als Anlageklassen zu nutzen. Wir propagieren besonders Schwellenlandwährungen und Gold.“

In jüngster Zeit erwiesen sich Goldminenfonds wie der Merrill Lynch World Gold schon als Ertragsretter. Während der Durchschnitt sämtlicher Fonds heuer um 7,8 Prozent im Minus liegt, glänzt der Goldfonds mit 15,6 Prozent Plus. Auch die Langfristbilanz kann sich sehen ­lassen: In den vergangenen drei Jahren waren mit dem World Gold im Schnitt 32,3 Prozent per annum zu holen. Vielleicht erkennen auch Schlepper ihre Chance und akzeptieren künftig ne­ben Euro auch Goldmünzen.

Ingrid Krawarik, Martin Kwauka, Corinna Milborn, Anneliese Proissl

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