Werner Faymann, der Sonne entgegen

Der vielseitig als Kronprinz gehandelte Werner Faymann ist neuer SPÖ-Chef und avanciert bald zum Kanzlerkandidaten. Der Aufstieg eines ­Politikers ohne klares Profil, aber mit vielen mächtigen Freunden.

Kein Zweifel, der Mann hat einfach ein untrügliches Gespür für mediale Inszenierung. Als Österreichs Fußball-Teamchef Josef Hickersberger Montagabend im Spiel gegen Deutschland auf die Tribüne des Happel-Stadions verbannt wurde, nahm er ausgerechnet in der Reihe hinter dem frisch gebackenen neuen SPÖ-Chef Platz. Und Werner Faymann wäre nicht Werner Faymann, hätte er den aufgelegten Elfmeter nicht instinktsicher verwandelt. Bei jedem der folgenden Kamera­schwenks auf den ÖFB-Teamchef reckte Faymann den Hals und strahlte in die auf Hickersberger gerichteten Kameras. Es sind genau diese Situationen, in denen der Medienprofi und Charmebolzen Fay­mann zur Höchstform aufläuft.

An diesem historischen Montag dürfte es ihm aber auch besonders leicht gefallen sein. Denn Stunden vor dem entscheidenden Spiel der Österreicher gegen Deutschland hatte der Verkehrsminister eine weitere Sprosse seiner persönlichen Karriereleiter erreicht. Im SPÖ-Parteipräsidium am Vormittag war Faymann für alle Beteiligten völlig überraschend von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer als neuer SPÖ-Parteichef vorgeschlagen worden. Faymann akzeptierte, und die von Wiens Bürgermeister Michael Häupl angezettelte Revolte gegen Gusenbauer war damit vorerst gebremst. Gusenbauer bleibt also vorerst Kanzler, und Faymann soll als neuer SPÖ-Parteichef mit einer stärkeren sozialdemokratischen Profi­lierung das Vertrauen bei den Wählern zurückgewinnen. So weit die Theorie.

Dass aber ausgerechnet der konsens­orientierte und weitgehend ideologiefreie Faymann der SPÖ ein kantigeres Profil verpassen kann, glauben nur wenige. Und auch die neue Führungs-Konstella­tion der Sozialdemokraten wird partei­intern äußert kritisch bewertet. Der Chef der Sozialdemokratischen Gewerkschafter (FSG), Wilhelm Haberzettl, lässt etwa offen, ob die Gewerkschaften Faymann am Parteitag am 2. Oktober auch tatsächlich zum Parteichef wählen werden. Die SPÖ habe auch nach dem Montag-Coup noch genug zu verbessern. Haberzettl: „Wir alle haben Änderungsbedarf. Interne Dinge gehören intern besprochen, nach außen müssen alle unsere Erfolge verkaufen.“

Politikbeobachter hingegen sehen andere Schwierigkeiten auf den neuen SPÖ-Chef zukommen. Wolfgang Bachmayer, Chef des Meinungsforschungsinstituts OGM, erwartet, dass es „für Fay­mann schwierig wird, als Pragmatiker und Regierungskoordinator die politischen Konturen der SPÖ zu schärfen“. Und auch der politische Werdegang sowie die Stimmen ehemaliger Weg­begleiter bestätigen den Eindruck: Der 48-jährige Wiener aus einer klassischen Mittelstandsfamilie (der Vater Pharmavertreter, die Mutter Sekretärin in einer Anwaltskanzlei, beide bis heute Wechselwähler) ist auf seinem Weg an die SPÖ-Spitze immer den vorsichtigen Weg des geringsten Widerstandes gegangen.

Faymanns Netzwerk. Selbst aus seiner Zeit als Jungsozialist, in einer Phase der politischen Sozialisierung also, in der der Widerstand vor allem gegen die eigene Parteiobrigkeit gerichtet ist, ist nur ein einziger Faymann’scher Akt der Aufmüpfigkeit überliefert. In Anlehnung an Martin Luthers Thesen schlug Faymann 1985 seine sieben Thesen zur Jugendpolitik an das Tor des Wiener Rathauses. Freilich mit Zustimmung des damals Mächtigen, Bürgermeister Helmut Zilk, heute auf Faymanns Kanzlerkandidatur drängend. Nur drei Jahre später avancierte er als 28-Jähriger zum Landesvorsitzenden der Wiener Mietervereinigung. Und sechs Jahre später übertrug ihm Bürgermeister Michael Häupl das Amt des Wohnbaustadtrats mit einem Werbebudget von einer Million Euro pro Jahr.

In all dieser Zeit baute der ehrgeizige Stadtpolitiker an seinem persönlichen Netzwerk aus Politik, Wirtschaft und Medien, das ihn bis heute vor bösen Schlagzeilen des Boulevards schützt. Zu Faymanns Jugendfreunden zählt neben seinen ehemaligen SJ-Kollegen Josef Cap, Alfred Gusenbauer, Josef Kalina oder Doris Bures auch der Gründer des NEWS-Verlages und der Tageszeitung „Österreich“, Wolfgang Fellner. Speziell die Kontakte in das mächtigs­te Medienhaus des Landes, die „Kronen Zeitung“, sind ausgezeichnet. Mit dem 87-jährigen „Krone“-Herausgeber Hans Dichand verbindet Faymann eine 20-jährige Freundschaft, die von gemein­samen Städtereisen bis zu regelmäßigen Frühstücks-Treffen in Döbling reicht.

In seiner Zeit als Stadtrat hatte Fay­mann in der „Krone“ eine eigene Kolumne unter dem Titel „Der direkte Draht zum Stadtrat“. Heute heißt der Titel über dem Faymann-Foto: „Sie fragen – der Minister antwortet“. Neuwahlen noch 2008? Bei so viel medialem Entgegenkommen wundert es nicht, dass Faymann seit Monaten als Gusenbauers Nachfolger gehandelt wurde. Diesem Ziel ist Faymann fast ungewollt rasch nun ein deutliches Ziel näher gerückt. Denn der Widerstand innerhalb der SPÖ in den Ländern wie auch in der Gewerkschaft gegen die Doppelspitze ist bereits zwei Tage nach ihrer Präsentation so stark, dass sie wohl nur als Übergangslösung bis zum Oktober-Parteitag in Graz, vielleicht nur bis zum nächsten Parteipräsidium am 7. Juli halten wird.

Michael Häupl , bislang der Inbegriff des roten Machtzentrums, bekräftigte am Mittwoch, er sei „dezidiert gegen diese Lösung“, versprach aber Faymann seine Unterstützung. Gusenbauer erwähnte er mit keinem Wort. In schwarzen Regierungskreisen befürchtet man, die SPÖ könnte die Dynamik eines Parteitages nützen und mit einem Kanzlerkandidaten Faymann vorzeitige Neuwahlen ausrufen. Inhaltliche Stolpersteine wie Steuerreform oder Budgetverhandlungen gäbe es genug.

Bleibt die Frage: Spielt Faymann mit und beerbt Gusenbauer nicht nur als SPÖ-Chef, sondern bald auch als Bundeskanzler? Ein langjähriger Kenner Faymanns hält das für unwahrscheinlich: „Faymann will gar nicht Kanzler werden, sondern Wiener Bürgermeister. Das ist der leichtere Job und Faymann nicht blöd.“ Fragt sich nur, ob auch diese Einschätzung ihn nicht unterschätzt.

Von Markus Pühringer, Mitarbeit: N. Stern

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