Werben um Investoren an der Wiener Börse: Neustart am Finanzplatz Wien

An der Wiener Börse fallen die Kurse, die Meinl-Affäre vertreibt die Anleger in Scharen. Ein FORMAT-Lokalaugenschein, wie die Börse darauf reagiert.

Am liebsten würde David Grayson ja alles geheim halten. Diskretion ist hier oberstes Gebot. Doch so einfach ist das nicht. Die Kunden des New Yorker Stockbrokers Auerbach Grayson kommen natürlich nur über die Gänge in die Zimmer zu ihren Gesprächen mit den österreichischen Vorständen. Meist unerkannt, aber nicht unbemerkt. Und einer verirrt sich sogar in das hinterste Zimmer, dorthin, wo die Journalisten sitzen.

Der elfte Stock des New York Palace Hotels eignet sich perfekt für die fünfte Roadshow von Wiener Börse, Erste Bank und Auerbach Grayson, einem Aktienhändler, der mit 65 Mitarbeitern Aktien von über 100 ausländischen Börsen an US-Investmentfonds und andere Großanleger verkauft.

Auf diesem Stockwerk können sich die Unternehmen ihren Investoren in Ruhe präsentieren. Der tiefe Teppich schluckt jeden Lärm. Und die Investoren brauchen nur von Zimmer zu Zimmer zu gehen, um sich über die nächste der teilnehmenden 15 österreichischen Aktiengesellschaften zu informieren. Von Mayr-Melnhof in Zimmer 1108 zu Kapsch TrafficCom in Zimmer 1109 weiter zu Palfinger in Zimmer 1110. Diese Anhäufung von Managern und Investoren ist für alle praktisch und erspart aufwendige Einzeltermine.

Das Hotelpersonal hat das gesamte Stockwerk zu einem Konferenzzentrum umfunktioniert. Nächtigen kann hier niemand. Die Betten sind großen runden Tischen gewichen. Dort warten die Vorstände und Investor-Relations-Verantwortlichen auf ihre Interessenten. Im Stundentakt, manchmal sogar halbstündlich, geben sich diese die Klinke in die Hand, ziehen leise die Tür zu. In sogenannten One-on-ones fragen sie nach der „Story“. Nach der Strategie und den Herausforderungen des Unternehmens – kurz danach, warum sie die Aktien kaufen oder weiter halten sollten. „Grillen“ nennt man das im Broker-Jargon – weil die Vertreter der Hedgefonds, Pensionskassen und klassischen Investmentfonds den Vorständen häufig knallharte Fragen stellen.

Die österreichischen Firmenvertreter sehen das entspannt. „Ich fürchte mich nicht“, sagt Gerald Grohmann, der Vorstandschef des Zulieferer für Ölbohranlagen Schoeller Bleckmann. „Ich mache einfach das, was ich am liebsten mache: über mein Unternehmen sprechen.“ Grohmann hat – so wie die meisten österreichischen Firmen – leicht reden. SBO ist eine Erfolgsstory. Der Aktienkurs hat sich in den vergangenen drei Jahren versechsfacht. Als Zulieferer für die Bohrindustrie ist SBO in einem absoluten Wachstumssegment tätig. Die fünf großen Kunden, darunter Haliburton und Schlumberger, sind in den USA zuhause. In Houston, Texas, beschäftigt SBO mehr Mitarbeiter als in Österreich. Kein Wunder, dass bei SBO auch viele Amerikaner beteiligt sind.

Die Roadshow kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Krise am US-Immobilienmarkt hat die Kreditmärkte ausgetrocknet und drückt auf die Aktienkurse. Auch Österreich ist davon nicht verschont geblieben. In Wien sind die Kurse sogar stärker gefallen als auf den großen europäischen und amerikanischen Märkten. Der Edelstahl-Produzent Breitenfeld musste seinen Börsengang sogar absagen – obwohl er sich am Rande der Roadshow noch präsentiert hatte. Marktumfeld und Nachfrage sind einfach zu schlecht. Der Skandal um die Meinl Bank und um den Immobilienentwickler Meinl European Land hat das Segment der Immobilienaktien in Verruf gebracht (siehe Artikel ab Seite 104).

Erste Bank und Börse sehen das nicht dramatisch. Die Ostfantasie ist intakt. Viele US-Fondsmanager sehen das offenbar ebenso. 54 Investoren haben sich in 108 Meetings über die Aussichten informiert. Und das, obwohl sie woanders dringender gebraucht würden. Denn über die BlackBerrys wurden auch zu Wochenbeginn wieder Hiobsbotschaften in die Handels- und Konferenzräume geliefert: Bei der HSBC sind weitere Milliardenverluste mit Immobilienderivaten aufgetaucht. Die Citibank muss weitere Leute kündigen. Das Verbrauchervertrauen bricht ein.

„Die Fondsmanager sollten jetzt eigentlich zuhause am Desk sitzen, um die Kursentwicklung zu beobachten“, sagt Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Bank. „In Anbetracht der Marktentwicklung ist die Resonanz super, auch wenn manche Treffen jetzt etwas kürzer sind.“

Und die Meinl-Affäre? Die Skandale am österreichischen Finanzplatz sind kaum ein Thema. „Die US-Investoren interessieren sich für einzelne Firmen und wissen sehr wohl zu unterscheiden“, sagt Börsenvorstand Michael Buhl. „Die Meinl-Affäre ist aber ein großer Rückschlag für unsere langjährigen Bemühungen, die österreichischen Kleinanleger stärker an die Börse heranzuführen (siehe Interview nebenan). „Wir werden daraus auch Konsequenzen ziehen.“

Ein Unternehmen wurde in New York natürlich mit der Meinl-Affäre konfrontiert: die Sparkassen Immobilien AG. „Das Vertrauensdefizit ist nicht zu verleugnen“, sagt Vorstand Holger Schmidtmayer. „Die Investoren fragen uns, ob das bei uns auch passieren kann. Diese Zweifel auszuräumen kostet mich aber nur drei Minuten von den 20, die ich habe.“ Die restliche Zeit bleibt für das Werben um den Einstieg bei seinem Unternehmen.

Schmidtmayer preist dabei das Aufholpotenzial der osteuropäischen Immobilienmärkte im Vergleich zu den gesättigten und gebeutelten Märkten in den meisten Industrieländern. „Die Investoren sind sehr gut vorbereitet“, lobt er. „Ich habe gerade einen getroffen, der hatte den Geschäftsbericht wirklich gelesen und kam mit einer zweiseitigen Liste von Fragen. Das passiert uns in Europa nicht so oft.“ Damit das Interesse auch nachhaltig wird, werden Schmidtmayer und seine IR-Chefin Elke Petra Koch noch die ganze Woche in den USA auf Werbetour gehen.

Wie sich die österreichischen Unternehmen auf dem Grill schlagen? „Sehr gut“ lautet die Eigeneinschätzung. Die Meinung der Investoren dazu bleibt geheim. Man darf ja nicht einmal wissen, wer aller der Einladung der Österreicher gefolgt ist. Allein die Frage nach wenigs-tens ein paar Namen quittiert David Grayson mit einem Stirnrunzeln ob der Impertinenz dieses Ansinnens. Ein Blick in die unbewachte Liste zeigt: Es sind viele Firmen, die man in Europa nicht kennt, die aber in New York durchaus einen Namen haben. Auch ein paar große sind dabei: Lazard Capital Markets und Julius Baer, bestätigt Gabriele Werzer, IR-Verantwortliche bei der Erste Bank.

Nur einen Investor verschlägt es ganz bis ans Ende des Ganges in das Zimmer der Journalisten: Torge Barkholz von Transatlantic Capital Investments ist auf der Suche nach dem Hospitality Desk. Er braucht dringend einen Kaffee. Was er von den österreichischen Unternehmen hält? Nun, er kommt gerade aus seinem Termin mit der Österreichischen Post. Finanzvorstand Rudolf Jettmar und der IR-Verantwortliche Harald Hagenauer haben ihm das Unternehmen erklärt. Die Informationen über die Liberalisierung der Postdienste, das neue Geschäftsfeld der gekühlten Medikamententransporte bei der deutschen Tochter Trans-o-flex und die geplanten Zukäufe am Balkan fand er „sehr interessant“. Aktien der Post besitzt er keine. Ob er jetzt welche kaufen wird? „Ich weiß noch nicht.“

So ist das meistens. Ob die interessierten Fondsmanager Aktionäre sind, wissen die Unternehmen nur, wenn die Investoren das von sich aus sagen oder wenn die Investoren die Meldeschwelle von fünf Prozent überschreiten. Schätzungen zufolge halten britische und amerikanische Investoren etwa die Hälfte des Streubesitzes der großen Unternehmen. „Manchmal kommt nach der Roadshow ein Anruf mit der Bitte um weitere Informationen. Dann wissen wir, dass wir ein Business-Case sind“, sagt Stephan Sweerts-Sporck, IR-Verantwortlicher bei Mayr-Melnhof.

Was das Ganze gebracht hat: mehr Interesse für österreichische Unternehmen und damit potenziell auch ein höheres Handelsvolumen an der Börse. Waren jahrzehntelang die österreichischen Händler und Investoren unter sich, so sind seit dem vergangenen Jahr die – deutlich gestiegenen – Umsätze von internationalen Händlern dominiert.

Davon profitiert hat nicht nur die Börse. Auch die Erste Bank und Auerbach Grayson machen jetzt mehr Geschäft mit österreichischen Aktien. Die Namen der Aktionäre? Das ist ein großes Geheimnis.

– WALTRAUD KASERER, NEW YORK

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