Weißes Gold

Hoffen auf den großen Schnee: Was ein kalter Winter der österreichischen Wirtschaft bringt und wer neben Tourismus und Gastronomie noch davon profitiert. Plus: der FORMAT-Kitzbühel-Report.

Bier und Spritzer statt Punsch und Glühwein. An den meisten Punschständen in Wien waren im vergangenen Winter statt Heißgetränken kalte Erfrischungen gefragt. Schließlich war der November 2006 mit 7,5 Grad Durchschnitt in Ostösterreich der wärmste seit 1926. Die Kassen der Standler wollten nicht recht klingeln. Auriel Berger, Gastronom in Wien mit Punschständen im Alten AKH und am Maria-Theresien-Platz, berichtet von 20 Prozent Umsatzminus gegenüber Jahren mit einem Winter, wie er sich gehört. Auch in den Skigebieten war die Stimmung verregnet: Die um die Welt gehenden Bilder vom grünen Kitzbühel motivierten nicht zum Buchen eines Skiurlaubs. Statt in Liftanlagen investierten die Tourismusbetreiber in Wellnesseinrichtungen.

Heuer herrscht in der Wirtschaft – zumindest vorläufig – Winterlust statt Regenfrust. Früher Schnee, ein weißer Ski-Weltcup-Auftakt in Sölden (der im vergangenen Jahr wegen Schneemangels abgesagt werden musste) und die frühzeitige Eröffnung der Skigebiete (Mitte statt Ende November) schürt jetzt die Hoffnung auf üppige Winterumsätze, was die Wetterprognosen bestätigen (siehe Kasten Seite 44). Auswirkungen davon konstatiert etwa Sepp Schellhorn, Gastronom und Präsident der Österreichischen Hoteliervereinigung, bereits: „Jetzt passt das Umfeld. Die Leute entscheiden sich sehr oft kurzfristig, und es sind meist reine Bauchentscheidungen.“

„Es gibt für potenzielle Skiurlauber nichts Motivierenderes als Bilder von Schneelandschaften im Fernsehen“, bringt es der Hotelier und Tourismus-vordenker Günther Aloys auf den Punkt. „Derzeit werden überall weiße Berge und Hänge gezeigt. Besser kann es gar nicht laufen“ (siehe Interview Seite 44).

Nicht nur der Tourismus dankt Frau Holle. Von den Skiherstellern über den Sportfachhandel bis zu Autozubehörketten, den Salinen (Streusalz) und dem Modehandel profitieren zahlreiche Branchen, wenn sich die Quecksilbersäule des Außenthermometers der Null-Grad-Grenze nähert oder sogar darunter fällt.

Paradoxerweise jubeln sogar die Hersteller von Schneekanonen über die weiße Pracht, die, statt aus vollen Rohren zu schießen, vom Himmel fällt. „Wenn die Lifthersteller gut verdienen, investieren sie in unsere Produkte“, erklärt Anders Rydelius, Geschäftsführer von Sufag-Schneekanonen. Dass die Beschneiungsanlagen angesichts des unaufhaltsamen Klimawandels wieder gebraucht werden, ist den Liftbetreibern trotz aller Flockeneuphorie klar. „Sie nützen jetzt die Gelegenheit, sich von den Launen des Wetters unabhängig zu machen“, sagt Rydelius.

Einer der größten Schneeprofiteure ist der Sportartikelhandel. Ernst Aichinger, Gremialvorstand in der Wirtschaftskammer, kann den Schneeeffekt auch schon in Zahlen ausdrücken. Schon bis Jahresende rechnet er mit fünf Prozent Umsatzplus. Bleibt der Winter so kalt, würde sich das seiner Einschätzung nach in den ersten drei Monaten 2008 in gleicher Höhe auf die Bilanzen niederschlagen – was für die Branche 660 Millionen Euro Quartalsumsatz bedeuten würde.

Auch Intersport-Chefin Gabriele Fenninger reibt sich genüsslich die kalten Hände. Sie hat den Begriff „Winternachhaltigkeit“ in ihre Bilanzprognostik aufgenommen. „Wenn er nachhaltig ist, erwarten wir fünf Prozent Umsatzplus.“

Noch optimistischer ist Hervis-Chef Alfred Eichblatt. Der gute Saisonstart wird Hervis 25 Prozent an Mehreinnahmen gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres bescheren, schätzt er. Dennoch sorgen auch er und Fenninger für eine wärmere Zukunft vor: „Wir müssen unser Ganzjahressortiment ausbauen, um von Skiern unabhängiger zu werden.“

Auch bei den Skiherstellern Atomic, Head und Fischer verfliegt die schlechte Laune allmählich – obwohl sie ein Problem aus dem Vorjahr mitgenommen haben: Nach dem Rekordwinter 2005 hatten die Sporthändler 2006 üppig geordert, aber nicht verkauft, weshalb die Lager zu Saisonstart noch prall gefüllt waren und neue Ordern ausblieben. Doch die Altlasten sind schon fast abgebaut. Atomic-Chef Michael Schineis hat das Werk umgestellt. Er lässt nicht mehr auf Vorrat, sondern auf Abruf produzieren. „Wenn es so weitergeht, produzieren wir uns heuer an das Spitzenergebnis 2005 heran.“

Fischer-Sprecherin Martina Spieler meint schlicht: „Bei uns ist die Stimmung ausgezeichnet.“ Das Plansoll ist gesichert. Das Unternehmen mit Sitz in Ried (Oberösterreich) wird heuer 120 Millionen Euro erreichen – was allerdings noch immer deutlich weniger ist als 2006. Head-Wintersportchef Klaus Hotter löst sich indessen von einem veritablen Wintertrauma. „Ich möchte gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn auch heuer wieder der Schnee ausgeblieben wäre.“ 487.000 Paar Ski wird Head heuer produzieren – immerhin mehr, als Branchenanalysten zuletzt erwartet hatten.

Der kalte Winter fördert indes auch die Fluchttendenzen der Schneemuffel. So veweist das Verkehrsbüro auf eine gute Buchungslage bei Fernreisen. Trips in warme Gefilde ab Jahresbeginn 2008 liegen schon 17 Prozent über dem Vergleichszeitraum von heuer. Das Plus für November und Dezember 2007 mache auch schon 5 Prozent aus, erklärt Martin Bachlechner, Verkehrsbüro-Touristik-Vorstand. Vor allem Reisen nach Ägypten, Mauritius, Malediven und Kuba boomen.

Neben dem Schneekanonen-Boom trotz Winterpracht hat die Wirtschaft noch ein zweites Paradoxon zu bieten. Schneeräumbetriebe wie Attensam verdienen in Zeiten des Schneegestöbers weniger als in aperen Wintern. Sie nehmen Pauschalen, und wenn es fürs gleiche Geld mehr zu tun gibt, drückt das auf die Rendite. Der heftige Saisonstart war laut Oliver Attensam trotzdem „wichtig und gut fürs Geschäft“: Neuaufträge häufen sich.

Auch beim Autozubehörspezialisten Forstinger erweist sich der bis jetzt kalte Winter als lukrativ. Immerhin werden im letzten Quartal 35 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet. Im Oktober und November dehnte Forstinger aufgrund der großen Nachfrage nach Winterreifen die Öffnungszeiten aus. Im Vorjahr war das Wintergeschäft hingegen schon Mitte November vorbei.

Die Freude des Skilandes Österreich über den schneereichen Winter ist freilich nicht ungetrübt. Die Baubranche muss anders als 2006 wieder eine Winterpause einlegen, was die Arbeitslosigkeit fördert. Außerdem steigen mit der Kälte die Energiekosten. Heuer wird ein durchschnittlicher Wiener Haushalt für Gas und Heizung statt 415 Euro wie im vergangenen Jahr 510 Euro ausgeben.

– R. LOBMEYR, N. STERN

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