„Wandel durch Annäherung“ gilt auch für China. Gerade während dieser Spiele.

„China will endlich sehen, dass seine ­unglaubliche Entwicklung in der Welt an­erkannt wird.“

Wir haben aus jüngster Zeit so unsere Erfahrungen mit großen Sportevents: Die Fußball-EURO ’08 im Juni war ein großes Spektakel, weltweit von insgesamt 2 Milliarden Menschen verfolgt, sportlich hervorragend, überwiegend friedlich und höchst profitabel – vor allem für den Veranstalter, die UEFA: Dem gnadenlos abcashenden europäischen Fußballverband bleibt ein Reingewinn von 250 Millionen Euro. Weniger Freude konnte die heimische Wirtschaft empfinden: Die Einnahmen der Hotellerie und Gastronomie, der Werber und Medienmacher blieben unter den Erwartungen. Nur die Touristiker können auf die Zukunft hoffen: Jeder Austragungsort war im Durchschnitt weltweit sieben Stunden im Bild, das entspricht einem Werbewert von etwa 90 Millionen Euro.

Nach dem drittgrößten globalen Sportereignis steigt nun das allergrößte. Die Olympischen Sommerspiele in Peking, bei denen 11.000 Sportler von mehr als 200 Sportverbänden um Medaillen in mehr als 300 Disziplinen kämpfen, werden alle Aufmerksamkeits- und Einnahmenrekorde brechen. Vier Milliarden Zuseher werden vor den TV-Schirmen sitzen, das Internationale Olympische Komitee (IOC) darf allein aus den Fernseh- und Marketingrechten für die Spiele in dem teilweise „un­entdeckten“ Markt mit seinen 1,3 Milliarden Konsumenten noch mit Einnahmen in der Höhe von drei Milliarden Euro rechnen. Auch wenn der Löwenanteil davon an die nationalen olympischen Komitees geht, dürfen sich die „gierigen Greise in Genf“ (die „Welt“) wohl auf ein kräftiges Körberlgeld freuen. Vor allem auch deshalb, weil der größte Teil der Kosten für die Spiele – alles außer den Administrationskosten für den IOC und die Aufenthaltskosten der nationalen Teams – vom Veranstalterland getragen wird.

Und China lässt sie sich einiges kosten. Für die Sicherheitsmaßnahmen werden 400 Millionen Euro ausgegeben, allein in Peking wurden 19 moderne Sportstätten gebaut, darunter das gigantische Stadion, in dem am Freitag die Spiele eröffnet werden. Schon diese Zahlen dokumentieren den Stellenwert dieser Olympischen Spiele für China. Natürlich haben diese stets auch eine politische Implikation besessen. Das reicht von der Nutzung der Berliner Spiele von 1936 durch das NS-Regime über das Massaker vor Beginn der Spiele in Mexiko 1968 bis zum westlichen Boykott der Moskauer Veranstaltung 1980 wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan und dem gegnerischen „östlichen“ der Spiele in Los Angeles 1984.

Aber noch nie dürfte ein Land, eine Gesellschaft so brennend an einem positiven Verlauf einer solchen Großveranstaltung interessiert gewesen sein wie das heutige China. Bereits vor zwei Jahren war bei einem Besuch in Shanghai der riesige Stellenwert zu spüren, den nicht nur Offizielle den künftigen zwei Großereignissen einräumten, welche ihr Land abwickeln sollte: eben die Spiele in Peking 2008 und – eingedenk der besonderen Rivalität zwischen den beiden Städten – der Weltausstellung EXPO 2010. Ein „reformerischer“ Universitätsprofessor erklärte mir ein Motiv dafür: „Unsere städtische Jugend ist kulturell völlig westlich eingestellt, interessiert sich kaum für Ideologie und Politik, genießt den wirtschaftlichen Aufschwung und will endlich sehen, dass Chinas unglaubliche Entwicklung in der Welt anerkannt wird.“

Genau dasselbe Ziel verfolgt die chinesische Führung, panisch ob der Gefahr eines nationalistischen Auseinanderbrechens und des islamischen Terrors, trotz ihrer diktatorischen Abgehobenheit in diesem Punkt wohl eines Sinnes mit der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung. Die feiernden Massen am Tiananmenplatz erinnern an das grauenvolle Massaker an selber Stätte knapp zwanzig Jahre zuvor – und symbolisieren zugleich den immensen Fortschritt, den das Land seither wirtschaftlich, politisch, selbst in Menschenrechtsfragen (immer wieder von Rückschlägen begleitet) genommen hat. Auch der österreichische Menschenrechtsexperte Manfred Nowak, ein scharfer Kritiker der Tibet-Politik und der massenhaft verhängten Todesstrafen, sieht – freilich auch immer wieder gebremste – Ansätze der „Entwicklung einer Zivilgesellschaft“.

Das alles macht aus dem System wahrlich keine Demokratie, dafür gibt es in China auch überhaupt keine Tradition, wie China-Kenner Helmut Schmidt im letzten FORMAT erinnert hat. Dass es sich in den nächsten Jahren ein Stück weiter in diese Richtung entwickeln könnte, auch dabei können möglichst friedliche, möglichst begeisternde, möglichst prächtige Spiele eine Rolle spielen. „Wandel durch Annäherung“ hieß eine letztlich erfolgreiche Parole westlicher „Ostpolitik“. Sie hat nichts an Wahrheit verloren.

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