Vor der Fußball-EURO ’08: nüchterne Vorfreude statt trunkene Euphorie

„In Deutsch-land gab es vor der WM 2006 eine ähnliche Skepsis – danach profitierte das ganze Land davon.“

In zwei Wochen beginnt also die Fußball-Europameis­terschaft 2008, das größte Sportereignis, das jemals in Österreich stattgefunden hat, Olympische Winterspiele in Innsbruck im Jahr 1964 hin, im Jahr 1976 her. Die prognostizierten Eckdaten sind bekannt: Mindes­tens 1,5 Millionen Touristen werden nach Wien, Salzburg, Innsbruck und Klagenfurt kommen, die meisten davon in die Bundeshauptstadt. Sie werden hier zwischen 150 („Normalo“-Fans) und 300 Euro (VIPs) pro Tag ausgeben. Durch die Großveranstaltung im Juni sollen 13.400 kurzfristige Jobs geschaffen werden, die Wertschöpfungs- und Beschäftigungsimpulse 0,21 Prozent der österreichischen Bruttowertschöpfung ausmachen. Der Werbewert für Österreich wird mit etwa 300 Millionen Euro beziffert, was angesichts der Tatsache, dass 66 Prozent der heimischen Exporte in die Teilnehmerländer der EURO gehen, einem Exportvolumen von 80 Mil­liarden Euro entspräche. Und: Der Finanzminis­ter darf sich auf etwa 25 Millionen Euro zusätzlich aus der Umsatzsteuer freuen.

Dazu kommen die Hoffnungen auf längerfristig wirkende Imageimpulse: Etwa 8.000 Journalisten können dokumentieren, dass Österreich nicht nur ein Land des Winter- und Kongresstourismus ist, sondern auch eine – insbesondere für jüngere Besucher attraktive – Vergnügungszone: Landesweit sind 157 Public-Viewing-Zonen geplant, große Unternehmen bitten rund um die Spiele zu feinen gesellschaftlichen Events – sogar ins noble Burgtheater –, kaum ein „Promi“, der derzeit nicht seinen mehr oder weniger gehaltvollen Senf zum sonst oft leicht verächtlich angesehenen Spiel ums runde Leder (stimmt längst nicht mehr, der Fußball ist ein synthetisches Hightechprodukt) absondert.

Und doch will bis jetzt im Lande keine echte Euphorie einsetzen, wie auch die regelmäßig von FORMAT veröffentlichten Umfragedaten der Wirtschaftskammer zeigen: Die Zahl jener, welche sich positive Impulse durch die Euro erwarten, hat in den letzten Wochen eher abgenommen, die Zahl der Skeptiker steigt. Teilweise verständlich: Ein Teil der Bevölkerung, vor allem die Bewohner der vier „host cities“, fürchtet Konflikte mit gewaltbereiten Hooligans – weniger in den teuer ausverkauften Stadien, auch nicht in den speziell eingerichteten Fanzonen, eher an den weniger abgesicherten Rändern. Auch wenn die Veranstalter und die Polizei zu Recht darauf verweisen, dass die größten einschlägigen Probleme bei Spielen von Vereins- und nicht von Nationalmannschaften auftreten – an den Spieltagen wird es große Veränderungen des alltäg­lichen Lebens geben, hoffentlich nicht durch Schläger, jedenfalls aber durch Säufer und Krakeeler. Etliche Unternehmen stöhnen außerdem über die harten Auflagen der veranstaltenden UEFA, welche außer den offiziellen Sponsoren am liebs­ten niemand sonst am Boom mitverdienen lassen würde. Und auch in der Hotellerie ist nicht alles Wonne und Waschtrog: Schließlich machen im Juni außer den Euro-Touristen alle anderen eher einen großen Bogen um die Veranstaltungsorte – im Höchstpreissegment wohl ein Problem.

Dennoch sollte man jetzt nicht in eine österreichische Untugend verfallen, in die der Nörgelei. Okay, für die meisten Nicht-Fans könnte es besser sein, die Spieltage daheim oder gleich außerhalb der Städte zu verbringen, zumindest den Fanzonen groß­räumig auszuweichen. Okay, die Preise werden während der Euro steigen, auch ohne jeden Zusammenhang mit den Spie­len. Okay, es wird große Beeinträchtigungen des Stra­ßenverkehrs und der nächtlichen Ruhe geben. Aber: Das gilt für alle Großereignisse, dieses ist eben das bisher gewaltigs­te. Und: In Deutschland gab es vor der Weltmeisterschaft 2006 eine ähnliche Skepsis. Danach wurden es großartige Spiele, die dem ganzen Land in der Sympathieskala Europas einen positiven Sprung von Rang 5 auf Rang 2 eintrugen. Das könnte, das müsste auch für Österreich drinnen sein. Auch wenn die einheimischen Kicker sicher nicht so gut abschneiden werden wie die deutschen vor zwei Jahren.

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