Von Kopf bis Fuß auf Kanzler eingestellt

Spät, aber doch schaffte Alfred Gusenbauer seinen Imagewandel vom Wählerschreck zum ernstzunehmenden Kanzlerkandidaten. Der Ybbser erwies sich dabei als schwieriger Patient.

Der Anzug: dunkelblau, drei Teile, feinster Zwirn. Die Krawatte: parteirot. Die Schuhe: edel, schwarz, aufpoliert. Die Stimme: dank Emser Lutschpastillen schmeichelweich. Es war kurz nach elf Uhr vormittags, als Alfred Gusenbauer, Parteivorsitzender der SPÖ, am vergangenen Sonntag im Austria Center Vienna die Bühne betrat, um vor dem 37. ordentlichen Parteitag der SPÖ seine programmatische Rede zu halten. Die markanteste Botschaft war sein Schlußsatz: „Ich will.“ Und spätestens da, um kurz vor 12 Uhr mittags, war jedem im Saal klar: „Gusi“, der Moskauer Bodenküsser aus Ybbs an der Donau, der rauhbeinige Kerl mit dem lustigen Irokesenschnitt und der ulkigen roten Tasche, der Nachwuchsintellektuelle mit dem Charme eines Konsumentenschützers, ist ab sofort Zeitgeschichte. Ab jetzt gibt es nur noch ihn: Alfred Gusenbauer, Jahrgang 1960, Doktor der Philosophie, Sozialdemokrat, Kanzlerkandidat.
Gut drei Wochen sind es noch bis zur Nationalratswahl, und nun, so scheint es, ist der SPÖ gelungen, woran viele gezweifelt haben: Ihr Vorsitzender und Spitzenkandidat hat die Kurve gekratzt und im letzten Moment die Metamorphose vom Wählerschreck zum Staatsmann geschafft. In den sogenannten „Human Touch“-Feldern („spricht die Sprache der Menschen“, „versteht die Menschen“) liegt Gusenbauer in den Untersuchungen des SPÖ-nahen Ifes-Instituts deutlich vor Amtsinhaber Wolfgang Schüssel. Selbst die Forscher des ÖVP-nahen Fessel-GfK-Instituts konstatieren mittlerweile, daß es derzeit nur noch 26 Prozent sogenannte Gusenbauer-Distante gibt – also Menschen, die man mit flapsigen Formulierungen à la „Gruselbauer“ erreichen kann.

In der Kanzlerfrage liegt Wolfgang Schüssel zwar noch mit deutlichem Abstand vorn, aber Gusenbauer holt genauso auf wie in den Sympathiewerten, in Wirtschafts- und Umsetzungskompetenz. Und die für das rote Lager wahrscheinlich erfreulichste Nachricht der demoskopischen Woche 45/02: Laut FORMAT-Monitor von OGM trauen mehr als fünfzig Prozent der Österreicher Gusenbauer grundsätzlich das Amt des Bundeskanzlers zu.

Ein Imagewandel
Offensichtlich beginnen die Imagekorrekturen zu greifen, die die Berater des Alfred G. ihrem Frontmann aufgedrückt haben: die klareren, pointierteren Sätze, die Gusenbauer statt seiner inhaltsschwangeren Satzungetüme neuerdings in die TV-Kameras spricht; das zurückhaltende Lächeln statt des Austin-Powers-Grinsens der frühen Jahre; das selbstsichere Auftreten eines Parteivorsitzenden, der nicht mehr um seine Nominierung als Spitzenkandidat bangen muß – und nicht zuletzt die staatstragend-dunklen Dreiteiler, die Gusenbauer nun durch die Medienlandschaft trägt. „Neuerdings lächelt er manchmal ein wenig selbstironisch, er spielt mit seinem eigenen Image“, stellt der Körpersprachenexperte Samy Molcho verblüfft fest. Es war alles andere als eine leichte Operation, denn anders als sein Vorgänger an der Parteispitze besteht Gusenbauer aus schwer formbarem Material. „Er ist zwar nicht so beratungsresistent, wie manche glauben“, erzählt ein Mitarbeiter, „aber man muß schon sehr gut argumentieren, um ihn von irgendeiner Umstellung zu überzeugen.“

Und: „Man darf nie insistieren“, sagt Josef Broukal, offizieller Schattenminister und inoffizieller Medienberater Gusenbauers, „Anregungen läßt man am besten einfach en passant fallen.“ Ein anderer aus Gusenbauers Umfeld ergänzt: „Er hat ziemlich lange gebraucht, um sich mit der Vorstellung anzufreunden, daß er die nächsten Jahre nur noch im Anzug verbringen wird.“

One-Man-Show am Ende
Dazu kommt, daß es Berufspolitiker Gusenbauer bislang gewohnt war, eine One-Man-Show abzuliefern. Soll heißen: Als Nationalratsabgeordneter war er gleichzeitig sein eigener Pressesprecher, Sekretär und Imageberater. „Ich war immer mein eigenes System“, sagt er, „habe alles selbst entschieden.“ Das hat Spuren hinterlassen und dazu geführt, daß sich Gusenbauer in vielen Bereichen nicht gern dreinreden läßt.

Zeit der Berater Damit ist es jetzt vorbei: Die deutsche TV-Beraterin Hillu Lux trainiert seit ein paar Monaten Interviewsituationen mit ihm. Mit Karl Duffek, dem Leiter des Renner-Instituts, entwirft ihm jemand die großen Reden und geht ihm bei inhaltlichen Fragen zur Hand. Sora-Forscher Günther Ogris bereitet das immer umfangreichere Datenmaterial auf, die Mannschaft von Stanley Greenberg kümmert sich um dessen Interpretation und Strategiefragen. Für lückenlose Kommunikation im Container sorgt ein eigener deutsch-englischer Dolmetscher. Daneben gibt es auch noch die privaten Einflüsterer und Freunde wie der Anwalt Gabriel Lansky, der SP-Finanzchef Christoph Matzenetter und die Kärntner Managerin Monika Kircher-Kohl, die mit guten Ratschlägen helfen. Genauso wie der Künstler André Heller, der Impresario der Wendewende, dessen kreative Wahlkampfenergie den Genossen manchmal sogar ein bißchen zu weit geht: „Wir mußten ihn bremsen, sonst hätte er uns sogar die Wahlplakate designt“, erinnert sich ein Gusenbauer-Vertrauter.

Wiener Machtspiele
Dazu kommt: Die Wiener SPÖ hat Anfang September das Machtvakuum in der personell und finanziell miserabel ausgestatteten Parteizentrale ausgenutzt und Hilfstruppen entsandt. Offiziell soll die Löwelstraße damit von den Erfahrungen des erfolgreichen Wiener Wahlkampfteams profitieren. Tatsächlich passen die Wiener aber vor allem auf, daß der kampagnenunerfahrenen Bundestruppe und Gusenbauer selbst keine Fehler unterlaufen – denn die Wiener stellen nicht nur Personal, sie finanzieren auch den Wahlkampf kräftig mit.

Und dann sind da noch die wichtigen TV-Duelle. Zur Vorbereitung wird Gusenbauer mit einem Stab von Beratern nicht nur die Angriffs- und Verteidigungslinien planen, sondern sie auch in einer Studiosituation proben. Auf „ausgedehnten Waldspaziergängen“ (O-Ton Gusenbauer) soll Broukal dem Telenovizen Tips und Tricks wie diese geben: Das Fernsehen, so Broukal, „ist das Medium des Kammertons und des Sieben-Sekunden-Satzes. Statt der ganzen sollst du lieber die halbe Wahrheit sagen, statt der runden lieber die eckige Formulierung. Und: Ich empfehle dir, nimm ein großes, schönes Stofftaschentuch. Damit wischte sich schon Bruno Kreisky den Diskussionsschweiß von der Stirn und wirkte dabei sympathisch.“

Broukal selbst übernahm vergangenen Montag nachmittag persönlich die Vorortrecherche am Küniglberg und testete schon mal Sitzhöhe, Beleuchtung und Farbstimmung des Studios.

Autoren: Markus Huber, Barbara Tóth

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