Von Deutschland lernen – diesmal ganz unverdächtig

Die Fußball-WM lief zumindest bis knapp vor (Tor-)Schluss großartig. Als globales Fest für Milliarden Menschen – und als Geschäft für Millionen.

Bisher – Stand Mittwochmittag – ist (fast) alles gut gelaufen bei der Fußball-WM: Das größte EU-Mitgliedsland Deutschland steigerte sich bis
zum Ausscheiden seines Teams im Semifinale wochenlang in eine friedliche Euphorie, die sich wohltuend von der jahrelangen kollektiven Depression und dem nationalen Größenwahn davor abhebt. Die angekündigten Krawalle von Hooligans, Rassisten und anderen Hohlköpfen sind zumindest vorläufig ausgeblieben – selbst nach dem deutschen Aus. Auch im derzeit fußballlosen Österreich eskaliert die Fußball-Geilheit so schrankenlos, dass sich nicht nur die direkten
heimischen Profiteure freuen können, die Bier- und Flat-TV-Vertreiber, der quotenstarke ORF und sein cleverer Prohaska; sondern auch jedermann (zunehmend auch -frau), der (die) sich auf die hiesige Fußball-EM 2008 auch dann freuen kann, wenn man bezogen auf die Chancen des eigenen Teams sportlicher Realist bleibt – das heißt Pessimist.

Das Wichtigste: Bisher waren die Tage zwischen München und Berlin ein weltweit verbindendes positives Erlebnis. Wann sonst finden sich zwei Milliarden Menschen, weit mehr als bei jeder Olympiade, unabhängig von Katastrophen- und Kriegsberichten vor den TV-Schirmen ein? Wann sonst liefen – in Wien etwa beim ORF-Event in der Krieau oder in der „Strandbar Herrmann“, auf der Hohen Warte wie im Alten AKH – Fernseh-abende ab wie Open-Air-Konzerte? Wann sonst werden plötzlich Länder wie Ghana, Angola, Togo oder die Elfenbeinküste abseits von Elend und Ausbeutung ins globale Scheinwerferlicht gerückt? Und wann sonst werden Nationalhymnen nicht vor Spielbeginn ausgepfiffen, das tausendfache Schwenken von Fahnen als friedliche Geste und nicht als bedrohliches Ritual empfunden und die tatsächlich oft irrenden Schiedsrichter nicht gleich an Leib und Leben bedroht?

Natürlich: Das ist auch eine Folge beinharter Inszenierung. Der Weltfußballverband FIFA achtet streng auf sein Image und die Interessen seiner milliardenschweren Sponsoren – selbst ein Berliner Stadionsprecher, der nur kurz aus seiner neutralen Rolle fiel, wurde sofort ausgetauscht. Die Tickets waren für private Durchschnittsverdiener schwer organisierbar, vor den Stadien und nach den Matches wurde auch (selten) geprügelt, (viel) gesoffen und (vermutlich) gehurt. Aber: Den strengen Herren Beckenbauer & Blatter ist es mit viel Mammon und Mitarbeitern zumindest bis zu den Semifinale gelungen, Fußball als führenden Weltsport und Deutschland als tadelloses Gastgeberland in alle Ecken und Enden des Erdballs zu transportieren.

Dazu wurden ungeheure Mengen gemeinsamen Gesprächsstoffs für Milliarden Menschen produziert.

• Die Saga von den tapferen Australiern etwa, die nur durch ein letztsekündliches Elfmetergeschenk an die Italiener aus dem Rennen geworfen wurden.

• Oder die Trauer um die auch irgendwie ungerecht ausgeschiedenen Argentinier, die eigentlich beste Mannschaft dieses Bewerbs.

• Oder das Kopfschütteln über Tausende englische Bierbäuche, die ihr „God save the queen“ umso inbrünstiger grölten, je phantasieloser ihre Boys ganz im Gegensatz zum Geschehen in ihrer tollen Liga den Ball (im Fall Rooney auch die Eingeweide ihrer Gegner) traten.

• Oder die speziell alle Männer über 30 erfassende Begeisterung über das glanzvolle Comeback des angeblich alten „Zizou“ Zidane, der seinem jugendlichen Erben Ronaldinho, ausgebrannt wie das gesamte brasilianische Wunderteam, die Show stahl.

• Oder die Bewunderung für die doch noch grandiosen Italiener, die im bisher besten Spiel die ebenfalls über sich hinauswachsenden Gastgeber aus dem Bewerb warfen.

• Schließlich die Trauer über die technisch so starken Afrikaner, die – hoffentlich diesmal wirklich – bei „ihrer“ WM, der nächsten 2010 in Südafrika, den Durchbruch schaffen werden.

Dazwischen liegt die EM 2008 in Österreich und der Schweiz. Falls sie nur halb so gut gelingt wie die WM 2006, wäre sie ein voller Erfolg. Nach einem in diesem Zusammenhang ganz unverdächtigen Motto: „Von Deutschland lernen heißt siegen lernen!“ Wenn schon nicht sportlich, dann wenigstens bezogen auf Organisation und Image. Übrigens: Für die auch diesmal tapfere Schweiz könnte das auch sportlich gelten.

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