Wie große Tanker und Schnellboote kooperieren

Es gibt viele Möglichkeiten, wie Unternehmen und Start-ups zusammenarbeiten können. Das Start-up Festival ViennaUP bietet zahlreiche Möglichkeiten, den Austausch zu intensivieren.

Wie große Tanker und Schnellboote kooperieren

Das junge Wiener Start-up Eddi Bike bietet seit Anfang 2021 das erste österreichische Abo-Modell für Fahrräder an. Dass der Start so erfolgreich verlief, liegt auch an den zwei namhaften Mobilitätsanbietern ÖBB und Wiener Linien, die sich für eine Kooperation mit dem Gründerteam entschieden haben.

Und das Wiener Scale-up Anyline, das bereits für die Polizei und PepsiCo tätig ist, konnte seine Bekanntheit im Rahmen der Corona-Krise dank einer neuen Kundenbeziehung weiter steigern. Als Technologielieferant der Firma Lead Horizon wird die mobile Scanlösung der jungen Firma für die Datenerfassung im Rahmen des PCR-Testprogramms „Alles gurgelt“ eingesetzt.

Dass Start-ups mit etablierten Unternehmen kooperieren, ist mittlerweile keine Seltenheit mehr. Vor 20 Jahren war die Wiener High-Tech-Schmiede Frequentis das erste Unternehmen, das im vierten Bezirk ein eigenes Gründerzentrum ins Leben rief. Seitdem ist viel passiert. Inzwischen gibt es zahlreiche große, aber auch kleinere Unternehmen, die mit Start-ups zusammenarbeiten, um vom Innovationspotenzial und der Agilität der jungen Gründer zu profitieren.

„Nach einer anfänglichen Goldgräberstimmung gab es eine Phase der Ernüchterung, dass die Zusammenarbeit zwischen so ungleichen Partnern doch nicht so einfach ist. Mittlerweile herrscht eine realistische Erwartungshaltung auf beiden Seiten. Man hat gelernt, professionell miteinander umzugehen“, sagt Eva Czernohorszky, zuständig für Technologie-Services bei der Wirtschaftsagentur Wien.

Für die Zusammenarbeit haben sich ganz unterschiedliche Kooperationsmodelle etabliert. Viele Unternehmen gehen eine Kundenbeziehung mit einem Start-up ein, nutzen etwa wie im Fall von Anyline die Technologie oder erweitern ihr Sortiment über Start-up-Innovationen wie im Fall von Billa. Das Handelsunternehmen hat seit Kurzem den veganen Räucherlachs aus Erbsenproteinen der jungen Wiener Firma Revo Food in seinen Regalen. Vereinzelt gründen Konzerne auch innovative Projekte aus. „Ausgründungen geschehen oft in der Absicht, agilen Teams mehr Luft zum Atmen zu geben, so dass diese schneller ins Risiko gehen können.“

„Dieser Trend ist noch ein jüngerer, der sich aber sowohl bei privaten als auch bei städtischen Unternehmen immer häufiger beobachten lässt“, sagt Czernohorszky. So entwickelt Upstream Mobility, das gemeinsame Start-up von Wiener Linien und den Wiener Stadtwerken, digitale Mobilitätslösungen für Wien und andere Großstädte.

Eva Czernohorszky, Wirtschaftsagentur


Jede Kooperation ist einzigartig. Es gibt keine Musterverträge, sondern die ungleichen Partner müssen ihren Weg der Zusammenarbeit erst finden.

Unternehmen wie Uniqa, Raiffeisen, Boehringer Ingelheim oder Wiener Stadtwerke wiederum bevorzugen Investments über unternehmenseigene Fonds. Immer wieder sorgen auch Übernahmen für Schlagzeilen wie die vom Wiener IT-Konzern Kapsch Businesscom, der 2019 den Anbieter digitaler Assistenzsysteme Evolaris übernahm.

Wie auch immer die Zusammenarbeit gestaltet wird, die möglichen Vorteile liegen gleich auf mehreren Ebenen: „Im besten Fall kommt es zu einer Verbesserung der Produkte, es werden zusätzliche Umsätze generiert und neue Arbeitsplätze am Standort Wien oder in Europa geschaffen“, sagt Czernohorszky. Das setzt allerdings voraus, dass die zum Teil sehr ungleichen Erwartungen im Vorfeld erfolgreich gemanagt werden: „Jede Kooperation ist einzigartig. Es gibt keine Musterverträge, sondern die ungleichen Partner müssen ihren Weg der Zusammenarbeit erst finden“, sagt die Expertin.

CONNECT DAY. Zahlreiche Start-ups greifen daher auf die Hilfe von Experten wie der Wiener Firma Match-Maker Ventures zurück. Das Unternehmen versteht sich als strategischer Skalierungspartner von Scale-ups. Die 16 Portfoliounternehmen werden dahin gehend beraten, wo auf der Welt sich ein möglicher Unternehmenspartner befindet und wie sich eine Partnerschaft mit ihm gestalten lässt. Mit Hilfe von Match-Maker Ventures wurde etwa die österreichisch-kroatische Firma Adscanner, die sich auf das Tracken und die Analyse von TV-Kampagnen spezialisiert hat, vergangenen Sommer zum Technologielieferanten von Vodaphone Deutschland.

Andere Portfolio-Unternehmen haben ihren Sitz in Israel, der Schweiz, Schweden oder Frankreich. „In Wien gibt es durchaus eine Offenheit bei größeren Unternehmen, mit Gründern zu kooperieren“, sagt Nicolai Schättgen, CEO von Match-Maker Ventures. Acceleratoren, also unternehmenseigene Programme, um mit jüngeren Start-ups in Kontakt zu kommen, gehören genauso dazu wie spezielle für den Austausch konzipierte Events. Das zeigt auch das große Interesse am heurigen Connect Day, dem zentralen Matchmaking-Event im Rahmen des Start-up-Festivals Vienna­UP (siehe Kasten unten), bei dem Start-ups, Corporates und Investoren in unterschiedlichen Formaten aufeinander treffen.

FREQUENTIS START-UP CENTER. Der High-Tech-Konzern Frequentis war vor 20 Jahren das erste Unternehmen mit einem eigenen Gründerzentrum in Wien. Einer der Kooperationspartner ist heute das High-Tech-Start-up Ondewo.

Das Besondere am Connect Day ist, dass an diesem Tag nicht nur Start-ups pitchen. Es präsentieren sich auch etablierte Unternehmen potenziellen Kooperationspartnern aus der Gründerszene, um gemeinsame Projekte auszuloten.

Die EU-Plattform. Das Interesse am Austausch ist groß. Laut Statistik Austria hat sich die Zahl der Unternehmen, die am Standort Wien Forschung betreiben, in den vergangenen 15 Jahren vervierfacht. „Viele Innovationen nehmen ihren Ursprung in Konzernen. Aber auch da braucht es oft das Zusammenspiel dieser großen Tanker mit den jungen Schnellboten, um die Lösungen in den Markt zu bringen“, sagt Czernohorszky von der Wirtschaftsagentur Wien.

Nicolai Schättgen, Match-Maker Ventures


In Wien gibt es durchaus Offenheit bei größeren Unternehmen, mit Gründern zu kooperieren.

Für die produzierende Industrie gibt es hier mit dem Manufacturing Day eine Plattform für den gezielten Austausch mit Gründerteams. Geboten wird ein vielfältiges Programm für und mit Start-ups aus dem Bereich der Produktion – von Vorträgen über einen virtuellen Hackaton mit dem IT-Konzern Infineon bis zu Workshops und spannenden Diskussionsrunden.

Der Manufacturing Day ist eine Veranstaltung des 2020 ins Leben gerufenen EU-Innovationsinstituts EIT Manufacturing in Wien-Aspern, das sich mit der Zukunft der Produktion in all ihren Facetten beschäftigt.

Heuer soll zudem in Wien mit dem EIT Health ein weiterer EU-Innovationsableger im Bereich Gesundheit entstehen. Der Fokus liegt auch hier auf markt- und anwendungsnaher Forschung. Neben Unternehmen wie Kapsch oder Boehringer Ingelheim ist auch das Wiener Gründerservice INITS Teil der neuen Plattform, wodurch der Austausch zwischen Corporates und den Start-ups am Standort Wien noch weiter gestärkt wird.

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VIENNAUP 22: Plattform für Kooperationen

ViennaUP. Das Start-up-Festival ViennaUP, das vom 27. Mai bis 3. Juni in Wien stattfindet, bietet gleich mehrere Formate an, um den Austausch zwischen Corporates und Start-ups zu intensivieren. Der zentrale Matchmaking-Event ist der Connect Day, der am 31. Mai im Palais Berg in Wien stattfindet. Der Manufacturing Day am 1. Juni im TUtheSky bietet ein vielfältiges Programm und eine Plattform für den Austausch über die Zukunft der Produktion. Auf dem Smart City Summit am 30. und 31. Mai in der Brotfabrik werden Leuchtturmprojekte der Stadt vorgestellt und weltweite Start-up-Pioniere sind eingeladen. www.viennaup.com


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