"Unternehmen in die Freiheit geführt":
ÖIAG-Chef Michaelis im FORMAT-Interview

Nach dem Frontalangriff des Kanzlers: ÖIAG-Chef Michaelis kritisiert die Parteipolitik und sagt, warum er das Feld nicht räumen will.

FORMAT: Herr Michaelis, der Kanzler will die ÖIAG abschaffen und hat Sie zum Buhmann für das AUA-Debakel auserkoren. Nehmen Sie die Rolle an?
Michaelis: Wieso sollte ich? Die ÖIAG hat bei der AUA völlig korrekt gehandelt. Das hat auch der Bericht des Rechnungshof-Unterausschusses bestätigt. Mir ist völlig unverständlich, warum man zum völlig falschen Zeitpunkt eine Personal- und Strukturdebatte vom Zaun bricht. Bei der AUA müssen sich jetzt EU und Lufthansa bewegen. Wenn man in dieser Phase behauptet, die ÖIAG sei schuld, dann habe ich ein ganz großes Problem damit.

Bitte um strategischen Partner
FORMAT: Der Vorwurf gegen Sie lautet, Sie hätten bei der AUA gewartet, bis es zu spät war. Hat die ÖIAG die Politik rechtzeitig klar und unmissverständlich darauf hingewiesen, dass die AUA ohne Partner nicht überleben kann?
Michaelis: Wir haben Ende 2006, nachdem wir den gewünschten Privatisierungsauftrag nicht bekommen hatten, eine Kapitalerhöhung durchgeführt. Im Rahmen dieser habe ich nochmals gebeten, einen strategischen Partner an Bord holen zu können. Das wurde abgelehnt. Danach schloss die AUA 2007 mit einem kleinen Plus ab …
FORMAT: Und ließ sich feiern.
Michaelis: Leider hat der damalige Chef Alfred Ötsch das in der Öffentlichkeit stark überzeichnet. Dann war plötzlich Scheich Al Jaber da, der nochmals 150 Millionen einbringen wollte. In dieser Situation wollte keiner mehr etwas von einem Privatisierungsauftrag wissen. Trotz dieses Investors bestand ich darauf, dass die Möglichkeit eines strategischen Partners offengehalten wird.

"Investoren könnten sich zurückziehen"
FORMAT: Wofür ist denn die ÖIAG noch gut, wenn die AUA erledigt ist?
Michaelis: Wer glaubt, dass Amtsträger eines Ministeriums – die in ihren Bereichen exzellente Arbeit leisten – die Aufgaben der ÖIAG genauso gut wahrnehmen können, unterliegt einer völli­gen Fehleinschätzung. Wir haben zwölf Unternehmen in die Freiheit geführt, die alle erfolgreich wirtschaften. Auch die verbliebenen Beteiligungen OMV, Post und Telekom haben sich mit der ÖIAG sicher besser entwickelt, als es ohne diesen Schirm einer gewissen Unabhängigkeit der Fall gewesen wäre.
FORMAT: Was würde denn ohne eine Staatsholding passieren?
Michaelis: Aus dem Blickwinkel des Kapitalmarktes: Gäbe es bei den ÖIAG-Beteiligungen einen direkten Durchgriff der Politik, wäre das Risiko groß, dass sich Investoren zurückziehen.
FORMAT: Weil Kapitalisten keine ­Politiker mögen?
Michaelis: Weil sie Angst haben könnten, dass mit ihrem Geld Beschäftigungspolitik betrieben wird. Eine OMV, die direkt am Ministerium angehängt ist, das würden wir am Kapitalmarkt schlicht nicht durchstehen – bei diesen Begehrlichkeiten aus der Politik, die in letzter Zeit noch größer geworden sind.

"Ungeheure öffentliche Beschimpfungen"
FORMAT: Es gibt Leute wie Claus Raidl, die meinen, die ÖIAG konnte sich gegen die Politik – siehe AUA oder Beamtenagentur – sowieso nie durchsetzen. Kann man sie also auch abschaffen?
Michaelis: Das ist eine unzulässige Argumentation. Ich erinnere an ein aktuelles Beispiel: das Restrukturierungsprogramm bei der Post, mit dem ich mir nicht überall Freunde gemacht habe.
FORMAT: Der Vorwurf des voraus­eilenden Gehorsams stimmt also nicht?
Michaelis: Dagegen verwehre ich mich. Die ungeheuren öffentlichen Beschimpfungen gegen mich haben im Gegenteil den Grund, dass ich zum falschen Zeitpunkt zum Beispiel bei der Post weitere Personalfreisetzungen fordere, weil sie notwendig sind – während andere mit Hinweis auf die Krise lieber Beschäftigungspolitik in den Unter­nehmen betreiben würden.

Interview: Andreas Lampl

Lesen Sie im FORMAT 29/09, warum Michaelis die ÖIAG auch für die ÖBB nutzen würde!

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