Trotzdem Film

Wie lässt sich auf einem kleinen Markt wie Österreich ein Film finanzieren? Sind massive Förderungen unabdingbar? Auch der aktuelle Gerichtsthriller „Darum“ musste einige Hürden nehmen.

Stellen Sie sich einen Mordfall vor, bei dem die Polizei den Täter nachhause schickt, um ihm den Anblick der Leiche zu ersparen. Der untadeligen Person auch dann nicht glaubt, wenn diese Stunden später zurückkehrt, mit der Tatwaffe in der Hand, um endlich verhaftet zu werden. Eine unwahrscheinliche Mordgeschichte, ohne Motiv, ohne jeden Konnex zwischen Täter und Opfer. Verfilmt ergibt sie einen recht paradoxen Gerichtsthriller: Der Angeklagte versucht verzweifelt, seine Schuld zu beweisen.

In „Darum“, der jüngsten Arbeit des österreichischen Blockbuster-Spezialisten Harald Sicheritz, ist das Publikum seiner eigentlichen Aufgabe enthoben. Es wird kein Täter gesucht, sondern vielmehr dessen versponnenes „Warum“. Bereits Buchautor Daniel Glattauer hat das kriminalistische Rätsel in das Innere seines Protagonisten verschoben, Sicheritz übersetzt es in sich subjektiv verengende Bildräume. Wer bereit ist, die Logik kurz mal auszuknipsen, so wie das der Selbstankläger und Journalist Jan Haigerer (Kai Wiesinger) tut, wird ganz unterhaltsam bis ans Ende der Erzählspirale gezogen. Sicheritz, Schöpfer von deftigen Gemälden wie „Hinterholz 8“, „Poppitz“ und „Kaisermühlen Blues“, tritt diesmal leise. Während Lautsprecher Roland Düringer als Inspektor nur eine Nebenrolle spielt, spricht der schweigsame Protagonist Haigerer vor allem in Konfrontationen durch seine Nebenfiguren.
Im heimischen Filmschaffen stellt „Darum“ eine rare Genre-Arbeit dar. Wuchs der österreichische Film in den vergangenen zehn Jahren auf den Festivals dieser Welt zu einer fixen Größe, blieb er hierzulande am Publikum gemessen eine Randnotiz. Während zumindest der so genannte „Kabarettfilm“ das fernsehgeschulte Publikum scharenweise in die Kinos lockte, sind laut Kinomotivationsstudie des Österreichischen Filminstituts (ÖFI) Michael Haneke, Barbara Albert oder Ulrich Seidl einer breiten Öffentlichkeit gar kein Begriff. Das liegt nicht allein an Filmwerken und Sehgewohnheiten, sondern auch an fehlenden Mitteln. Fließt bei US-Produktionen ein Drittel (!) der Gesamtkosten in das Marketing, mangelt es der heimischen Filmförderung schlicht an Geld. Nach einer minimalen Mittelaufstockung auf 12,6 Millionen Euro erreicht das ÖFI-Budget 2007 gerade mal das Niveau von 1998.
Zum Vergleich: Das dänische Filminstitut vergibt jährlich 60 Millionen Euro. ÖFI-Geschäftsführer Roland Teichmann: „Wir haben nicht einmal genügend Mittel, um das Publikum übers Jahr kontinuierlich mit Filmen zu versorgen. Erst Wahrnehmung schafft Bewusstsein. Da hat der Oscar für ‚Die Fälscher‘ sicherlich geholfen. Jetzt weiß jeder Taxifahrer, dass es so etwas wie den österreichischen Film gibt. Darauf müssen wir aufbauen.“

Will in Österreich ein Produzent ein Kinofilmprojekt realisieren, stehen drei große Fördertöpfe zur Verfügung: Das nationale Filminstitut mit 12,6 Millionen Euro, der für einen Regionalförderer vergleichsweise gut dotierte Filmfonds Wien mit rund acht Millionen und eine Kommission des ORF, die im Rahmen des Film/Fernsehabkommens 9,6 Millionen vergibt. Das Problem: Durch die insgesamt schwachen finanziellen Ausstattungen braucht ein Produzent die Zusage aller drei Förderer. Lehnt einer ab, lässt sich die Produktion kaum ausfinanzieren. Helmut Grasser, Geschäftsführer der Allegro Film, zeichnete in den vergangenen Jahren mit „In drei Tagen bist du tot“ und „We feed the world“ zweimal für heimische Box-Office-Hits verantwortlich. Die Finanzierung von „Darum“ – mit 2,2 Millionen Euro ein durchschnittliches Budget – scheiterte aber fast. Grasser: „Obwohl keiner der Förderer unsere eingereichte Kalkulation beanstandete, hieß es beim Filmfonds Wien plötzlich, dass nur die Hälfte der beantragten 600.000 Euro zugesagt werden. Das Projekt kippte fast, am Ende erhöhte der Fonds wenigstens noch um 60.000 Euro.“ Dann stockte noch der ORF auf, während Allegro Film eisern den Sparstift ansetzte. Für Grasser kommt der finanzielle Engpass des Filmfonds Wien nicht von ungefähr: „Der ORF tendiert aufgrund seiner Budgetknappheit immer stärker dazu, Belastungen an Fördereinrichtungen zu delegieren. Projekte, die auf den Küniglberg gehören, muss dann auch noch der Wiener Fonds auffangen.“ Grasser sieht ein dramatisches Problem darin, dass der Wiener Fonds als eine der drei Säulen wegbricht und nur noch Spitzenfinanzierung leisten könnte: „Damit ist keine Planungssicherheit und Finanzierung mehr möglich.“ Der Geschäftsführer des Fonds, Peter Zawrel, sieht das etwas anders: „Der Filmfonds Wien hatte nie den Auftrag, den ‚Drittel-Förderer‘ zu spielen. Ich halte auch die Finanzierung im ‚Drei-Säulen-Modell‘ für fragwürdig. Wir spielen nur deshalb eine Sonderrolle, weil 90 Prozent der Filmschaffenden in Wien angesiedelt sind.“ Dass Wien Projekte fördern soll, die am Neusiedler See oder auf den Tiroler Alpen spielen, weil die Bundesländer weit weniger Fördermittel bereitstellen, ist für Zawrel nicht nachvollziehbar. Tatsächlich spielen die Bundesländer eine sehr untergeordnete Rolle, teils mit nur wenigen hunderttausend Euro Filmförderbudget ausgestattet, können sie noch hie und da helfen, einen Film auszufinanzieren, ansonsten beschränken sie sich jedoch auf Serviceleistungen. Als Filmproduzent verdient man sich auf einem kleinen Markt wie Österreich nur in den seltensten Fällen eine goldene Nase. Vom Kinofilm selbst zu leben ist kaum einem Produzenten möglich. Wer sein Unternehmen gut kapitalisieren will, braucht neben der Werbung unbedingt das Fernsehen als Auftraggeber. Freilich sind die Plätze am Futtertrog des ORF knapp, und von den stattlichen 2.800 Unternehmen, die der Fachverband der Audiovisions- und Filmindustrie registriert, sind die meisten sogenannte EPUs. Also Ein-Personen-Unternehmen, die prekär existieren und – als Filmproduzent – nur alle paar Jahre ein Projekt realisieren. Vom Genuss, für den Küniglberg zu arbeiten, sind sie zumeist weit entfernt.

Die Asymmetrie der vergebenen Aufträge des ORF nach Volumen und Firmen weist der jüngste Filmwirtschaftsbericht des Filminstituts nach: Allein die drei Produktionsfirmen Satel Film (ging mit „Mitten im Achten“ baden), MR Film („verwaltet“ die Rosenhügelstudios und produziert unter anderem „Die Barbara Karlich Show“) und Lisa Film (gegründet von Produzentenlegende Karl Spiehs; „Ein Schloss am Wörthersee“) teilen sich rund 50 Prozent des ORF-Auftragsvolumens im fiktionalen Bereich. Sie verfügen über das nötige Know-how und sind lange und gut im Geschäft. „Produktionsfirmen, die fast ausschließlich vom Kinogeschäft leben wollen“, so Helmut Grasser, „müssen bei jedem zweiten Film Erlöse erzielen.“ Dass das auf einem kleinen Markt wie Österreich nicht leicht ist, lässt sich einfach ausrechnen: Bei einem Filmbudget von 2,1 Millionen Euro und einem angenommenen Kinoticketpreis von 8 Euro braucht es bereits 55.000 verkaufte Tickets, dass der Produzent zumindest seine fünf Prozent Eigenkapital, die er in das Projekt eingebracht hat, wieder zurückerhält. Zum Vergleich: Im schwachen vergangenen Jahr hatte der bestbesuchte österreichische Film – „Am Limit“ – etwas über 40.000 Besuche. Freilich werden Erlöse im besten Fall auch aus der Kinoverwertung im Ausland oder einem Weltvertrieb, durch Abtretung von Fernsehrechten sowie DVD-Verkäufen und Video-on-Demand generiert. Georg Hoanzl zeigte die Möglichkeiten mit seiner Edition des österreichischen Films eindrucksvoll auf. Dennoch belegen allein die nackten Zahlen, dass der Existenz des heimischen Filmschaffens politischer Wille zugrunde liegen muss. Selbst wenn es also der Politik einfiele, doch noch ein lange von der Branche gefordertes Steuermodell zur stärkeren Kapitalisierung der Produzenten einzurichten, wäre der österreichische Kinofilm nur im Kontext des Förderbetriebs zu denken.

Während indes in der Filmszene die vielen Willensbekundungen der Kunstministerin Claudia Schmied nachteilig auf sie zurückzuschlagen scheinen, soll es im Finanzministerium Gespräche über einen zusätzlichen Fonds gegeben haben. Eine „automatische“ Förderung, bei der nicht eine Jury, sondern rein wirtschaftliche Kriterien ausschlaggebend sind. Nun fürchten einige Produzenten, dass das Koalitionstheater diese Pläne im Gedächtnis des Finanzministers schon wieder zerstäubt habe.

Von Gunnar Landsgesell

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