Triebstoff und "Kino wider die Tabus"

Im Jahr 1974 erschien in Amerika ein Buch mit dem schönen Titel „Film as a Subversive Art“, das sofort in interessierten Kreisen ziemliches Aufsehen erregte, das als „faszinierende Erforschung filmischer Grenzräume“ gelobt wurde und das nicht zuletzt dank seiner eindrucksvollen Be­bilderung schnell zum Kultbuch avancierte. Einige Jahre später erschien in einem Schweizer Verlag die deutschsprachige Ausgabe: Jetzt hieß das Buch „Kino wider die Tabus“.

Autor des Buches war Amos Vogel, der 1921 in Wien als Amos Vogelbaum geboren wurde, 1938 nach Amerika auswanderte, in New York den legendären Avantgarde-Filmclub „Cinema 16“ gründete und später das New York Filmfestival und der zu einem der außergewöhnlichsten Filmtheoretiker und Filmwissenschaftler wurde. Sein Buch „Film as a Subversive Art“ ist ein Produkt seiner Zeit. Es ist im unverkennbaren Jargon der Post-68er-Jahre geschrieben, sein Er-scheinungsdatum fiel in eine Zeit, in der das amerikanische Avantgarde- und Undergroundkino boomte und der kulturelle, gesellschaftliche und intellektuelle Diskurs kreiste damals mit Hingabe und Feuereifer um Themen wie die sexuelle Befreiung, politische Revolution und di­verse Tabubrüche.

Amos Vogel gliederte das Buch in drei Abschnitte, die alle Möglichkeiten des filmischen Tabubruchs abdeckten: zuerst die „Subversion der Form“, in dem es um Filmavantgarde, Experimentalfilm und die Wirkungsweise einer klugen Mon­tage­technik ging, dann die „Subversion des Inhalts“, in dem es vor allem um Politik ging, und schließlich „Verbotene Themen des Films“, wo es um Nacktheit, Erotik und Pornografie, um Geburt und Tod, um Blasphemie und Antiklerikalismus ging. Das Buch beschäftigt sich, schrieb Amos Vogel im Vorwort, „mit der Subversion, Zerstörung oder Veränderung der bestehenden Werte, Institutionen, Sitten und Tabus in Ost und West, bei Linken und Rechten, durch die vielleicht einflussreichste Kunst des Jahrhunderts“.

Mit Tabus gespielt hat die Kunst be­kanntlich immer schon. Die Prozesse, die gegen Schriftsteller, deren Werke an gesellschaftlichen Konventionen kratzten, angestrengt wurden, sind hinlänglich beschrieben – von Arthur Schnitzler und seinem „Reigen“ bis Henry Miller und seinen „Stillen Tagen in Clichy“. In jüngs­ter Zeit waren es vor allem Fotografen wie Andres Serrano oder Robert Mapple­thorpe und deren unverschämter Um­gang mit religiösen Themen, mit Nacktheit und homosexuellen Motiven, die Zensurbe­hörden auf den Plan riefen. Und in Amerika werden bisweilen immer noch Gemälde mit Darstellungen nackter Menschen aus öffentlichen Räumen verbannt. Wie kein anderes Medium aber eignet sich das Kino mit seinen bewegten Bildern und mit den Möglichkeiten, die eine suggestive Montagetechnik bietet, zu verstörenden Darstellungen von Sex und Gewalt. Das Kino war kaum geboren, da gab es schon die ersten Strip- und Bur­lesque- und auch Pornofilme. Man muss nur Kenneth Angers Buch „Hollywood Baby­lon“ lesen, um sich ein Bild von einer Parallelgeschichte zum prüden Hollywood-Kino zu machen. Kaum ein großer Star, so scheint es fast, von dem es nicht anzügliche Fotos oder Home-Movies gibt oder der nicht ein bewegtes Doppelleben führte. Kämpfe mit Zensurbehörden hatte das Kino immer schon auszutragen: aus politischen Gründen und aus religiös motivierten Gründen, in der Regel aber wegen einer zu offenen Darstellungen sexueller Aktivitäten.

Um „Film und Sexuelle Befreiung“ geht es nun in der Retrospektive, die das Filmmuseum in seinem Kino in der Wiener Albertina ab dem 14. März unter dem Titel „Kino wider die Tabus“ zeigt. Dabei wird der Zeitraum, aus dem die gezeigten Filme stammen, mit 1963 bis 1976 eingegrenzt. 1963 war ein sehr wichtiges Jahr in der Geschichte des Underground-Films. In diesem Jahr hatten drei prägende Filme des Genres ihre Uraufführung –die auch alle drei in der Filmmuseums-Schau zu sehen sind: „Scorpio Rising“ von Kenneth Anger, „Flaming Creatures“ von Jack Smith und „Christmas on Earth“ von Barbara Rubin. Weil die Filme angeblich obszönen Inhalts waren, ging Jonas Mekas als Veranstalter für einige Tage ins Gefängnis. Die Zeit um 1968 war natürlich das ideale Umfeld für Tabubrüche, Kino­schocks und Transgressionen. Wie kaum zu einer anderen Epoche seiner mehr als hundertjährigen Geschichte experimentierte das Kino freudig mit neuen Formen, anderen Inhalten und politischer Radikalität. Mitte der Siebzigerjahre kamen zwei Filme ins Kino, die besonders laut den Ruf nach Zensur erschallen ließen, die Politiker und Kirchenleute auf die Barrikaden trieben und die sich bis heute viel von ihrer Wirkung erhalten haben. „Die 120 Tage von Sodom“, der letzte Film von Pier Paolo Pasolini, verlegt die Ge­schichte der ausschweifenden letzten Tage des Marquis de Sade in die Endphase der faschistischen Herrschaft Italiens. Der schockierende Film will den Zusammenhang von Faschismus und Sex zeigen. In Italien darf der Film auch heute noch nicht öffentlich gezeigt werden.

Der zweite „Skandalfilm“ war „Im Reich der Sinne“ des Japaners Nagisa Oshima. Er erzählt sehr drastisch und riskant die Geschichte einer sexuellen Obsession, behandelt den Zusammenhang von Sex und Tod, von Eros und Thanatos, und hat vor allem durch seine Hardcoreszenen und seine Strangulierungs- und Kastra­tionsbilder Tabugrenzen überschritten.
Aber selbstverständlich gibt es bei der Schau im Filmmuseum auch Spaß. Und da sei vor allem Russ Meyers „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ hervorgehoben. Eine herrliche Komödie mit starken und selbstsicheren Frauen, schwachen und dummen Männern, mit Motorrädern, Musik und sehr viel Sex.
Heute noch mit Filmen Tabubrüche zu begehen, ist dank Splatter-, Horror- und anderer Gewaltfilme, aber auch dank Videospielen und Computer-Games fast unmöglich geworden.

Und auch mit deftigen Sexszenen ist heutzutage kaum mehr großes Aufsehen zu erregen. So hat sich die Französin Catherine Breillat mit Mainstream-Filmen wie „Romance“ auf die Darstellung erigierter Penisse spezialisiert – aber kaum einem fällt es auf. Mehr Erfolg in dieser Kategorie hatte Gaspar Noé mit „Irreversibel“, einer ungenießbaren Mischung aus Gewalt, Sex und Zynismus. Die Meldungen, dass bei der Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes bewusstlose Zuschauer aus dem Kino getragen werden mussten, haben sich jedoch als Publicity-Gag erwiesen.

Einer, der immer wieder mit Tabubrü­chen spielt, ist der Brite Peter Greenaway. In „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ zeigte er eine Kannibalismusszene und in der Kirchensatire „The Baby of Macon“ sehr drastisch eine Massenvergewaltigung. Für große Aufregung hat das alles dennoch nicht gesorgt. Auch David Cronenberg hat mit „Crash“, in dem es um den Sex-Appeal von Autos, Autounfällen, Unfallopfern und deren physischen Verletzungen und Behinderungen geht, einen schockierenden Film gedreht. Der französische Theaterregisseur Patrice Chéreau peppte sein langweiliges Beziehungsdrama „Intimacy“ mit einer drastischen Fellatio-Szene mit der angesehenen Theaterschauspielerin Kerry Fox auf, gewann damit den Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele, erregte darüber hinaus aber kaum Aufsehen.

Vielleicht erzielt man heute die größte Wirkung, wenn man gar nichts zeigt. Michael Hanekes Meis­terwerk „Funny Games“ handelt von brutaler Gewalt, ohne diese direkt zu zeigen. Sie liegt, wie man so sagt, zwischen den Bildern. Und gerade deshalb ist sein Film einer der verstörendsten und schockierendsten der letzten Jahre.

Von Gerald Sturz

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