Treichl: "Rezession schließe ich aus"

Andreas Treichl, Vorstandschef der Erste Bank, spricht erstmals in einem Interview über die aktuelle Kreditkrise, die Konjunktur und den Milliardenbetrug bei der Société Générale.

Format: Herr Treichl, die aktuelle Banken- und Finanzkrise erfasst immer sichtbarer auch andere Branchen. Namhafte Experten wie George Soros ziehen mittlerweile sogar Vergleiche mit der großen Wirtschafts-
krise von 1929. Wie dramatisch ist die Lage wirklich?
Treichl: Ich kann solche Vergleiche nicht nachvollziehen. Damals hatten wir wirtschaftlich eine ganz andere Situation. Es gab in vielen Ländern Anzeichen für eine dramatische Wirtschaftskrise. Ich glaube nicht, dass die Finanzwirtschaft, auch wenn sie heute ein ungleich höheres Gewicht hat als 1929, die reale Wirtschaft, oder nennen wir es Güterwirtschaft, tatsächlich nachhaltig negativ ­beeinflussen kann.

Format: In dieser realen Wirtschaft sehen Sie keine Krise?
Treichl: Ich sehe Schwächezeichen, aber keine Krise. Es gibt große Volkswirtschaften, die die globale Konjunktur stimulieren – etwa China, Russland, Zentraleuropa oder Indien. Ich halte es daher für ausgeschlossen, dass wir in eine weltweite Rezession rutschen.

Format: Dennoch hinterlässt die Subprime-Krise Spuren, vor allem an den Börsen.
Treichl: Ich bin überzeugt, dass durch diese Krise das Risiko wieder einen adäquaten Preis bekommen wird. Das halte ich für gar nicht schlecht. Man wird jetzt eine Zeit lang vernünftiger agieren, bis in ein paar Jahren das nächste Finanzprodukt auf den Markt kommt, dem alle wie die Lemminge nachlaufen, und dann gibt es die nächste Finanzkrise. Der Lernprozess wird kommen, aber es wird auch immer schnell vergessen.

Format: Wie konnte sich die Tatsache, dass ein paar tausend Amerikaner ihre 80.000-Dollar-Start-up-homes nicht mehr zahlen können, zu einer derartigen Krise ausweiten?
Treichl: Subprime ist eigentlich ein schmales Segment im Kreditmarkt. Aber darauf aufbauend sind zahlreiche Finanzprodukte kreiert worden, die rei­ßenden Absatz fanden und daher immer höhere Volumina generiert haben. Das ist ja auch der Grund, warum das nach Europa geschwappt ist. Es haben viele Banken enorme Summen investiert, und jetzt sind entsprechende Abschreibungen nötig. Die Probleme sind ein Resultat der Größenordnung. Die Folge ist, dass Kredite teurer werden, und zwar sowohl für Staaten als auch für Unternehmen und Private. Die Risikobereitschaft der Kreditgeber sinkt, und dadurch wird auch das Wachstum beeinträchtigt.

Format: Also doch ein Einfluss auf die reale Wirtschaft?
Treichl: Es gibt selbst erfüllende Prophezeiungen. Wenn ich einem hochintelligenten Kind jeden Tag sage, „Du bist ein Trottel“, dann wird das irgendwann seine Auswirkungen haben. Wenn ich pausenlos die Wirtschaft schlechtrede, dann hat das auch einen gewissen Einfluss auf das Verhalten der Menschen. Man sollte das andererseits auch nicht überschätzen. Denn am Ende des Tages bleibt ein gescheites Kind eben gescheit und eine gesunde Wirtschaft gesund. Irgendwann gewinnt die Realität.

Format: Nach der Asienkrise 1998 und der Pleite des Hedge­fonds LTCM gab es Bemü­hungen, die Kapitalmärkte stärker zu regulieren und transparenter zu machen. Nun geht diese Krise ausgerechnet von den USA aus, wo nach dem Enron-Desaster die Risiko- und Transparenzvorschriften durch den Sarbanes-Oxley Act massiv verschärft wurden.
Treichl: Man muss sich damit abfinden – und das hat jetzt nichts mit Subprime zu tun –, dass solche Krisen system-immanent sind. Jede Krise führt zu neuen Instrumenten der ­Risikosteuerung. Wir werden ein Basel 3 bekommen und Sarbanes-Oxley-2, und statt 2.000 Mitarbeitern im Risk Management gibt es dann 3.000. Aber das kostet wieder Geld, das die Banken durch neue Produkte hereinbekommen wer­den, die die Leute, die sie kaufen, nicht verstehen, und der Kreislauf beginnt von Neuem. Da habe ich keine Lösung.

Format: Der französische Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premier Gordon Brown überlegen, Kapitalflüsse zu besteuern und sie dadurch auch transparent zu machen. Glauben Sie, dass diese sogenannte „Tobin-Tax“ etwas bringt beziehungsweise überhaupt durchsetzbar ist?
Treichl: Ich halte das nicht für machbar. Dafür bräuchten sie eine weltweite Einigung, damit Investoren keine Schlupflöcher mehr haben. Das ist unrealistisch. Genau deshalb gibt es eben die zahlreichen Karibikgesellschaften und Steueroasen, die davon leben, dass es diese Einigung nicht gibt.

Format: Macht es Sinn, die Hedge­funds stärker zu regulieren, wie jetzt eben­falls gefordert wird?
Treichl: Ich würde nicht auf die ­Hedgefunds hinpecken. Die haben ihre Vor- und Nachteile, sind aber nicht an der aktuellen Krise schuld. Praktisch alles, was zur Risikominimierung verwendbar ist, kann auch zu dessen Erhöhung dienen. Vor diesem Hintergrund ist es eher problematisch, dass die Branche der Anlage- und Vermögensberater zu wenig reguliert ist.

Format: Wie hängt das zusammen?
Treichl: Die Produkte werden immer komplexer, und die Folge ist, dass oft weder Käufer noch Verkäufer wirklich verstehen, was sie tun. In manchen Ländern werden über 50 Prozent der Produkte von Banken und Versicherungen nicht mehr von den Finanzinstituten selbst verkauft, sondern von ­Beratern. De facto fehlt da die Kontrolle. Aber noch einmal: Es ist unmöglich, ein Regulativ zu finden, das verhindert, dass die Leute Geld verlieren oder dass es ­Betrüger gibt. Das ist eine Illusion. Wie in dem Lied über den Banküberfall: Das Böse ist immer und überall.

Format: Unter anderem ist es auch in der Société Générale, wo ein Händler, angeblich allein, fünf Milliarden Euro verspekuliert hat. Was ist dort Ihrer Meinung nach passiert?
Treichl: Da maße ich mir kein Urteil an. Ich bedauere es ungemein, dass das ausgerechnet in der SocGen passiert, deren Chef ich für einen der intelligentesten und besten Banker halte, die ich je kennen gelernt habe. Gerade er war im­mer extrem um Risikomanagement be­müht. Faktum ist: Wenn dieser Händler das wirklich allein gemacht hat, dann muss im System etwas grob falsch ge­wesen sein. Ich persönlich halte die Einzeltäterthese aber für ausgeschlossen.

Format: Wäre so etwas, wenn auch in kleinerer Dimension, bei der Erste Bank möglich?
Treichl: Natürlich überprüft man bei solchen Ereignissen sofort alle Systeme. Aber etwas in dieser Dimension ist bei uns undenkbar. Natürlich passiert bei uns auch genug. Wir haben 56.000 Mitarbeiter und 16 Millionen Kunden. Da geschehen Fehler und auch Betrügereien. Das wird man nie ganz verhindern können, aber die Größenordnungen sind völlig andere.

Format: Sie haben im November den Abschreibungsbedarf aus der Subprime-Krise mit 20 Millionen Euro angegeben. Wird es dabei bleiben, oder sind, wie manche befürchten, im Jahresergebnis noch höhere Summen fällig?
Treichl: Wir hatten nie Investments in Subprime-Produkte. Wir mussten aber wegen der rückläufigen Kurse 20 Millionen Abschreibungen vornehmen. Mit dem Betrag hat es sich aber auch schon.

Format: Die Aktie der Erste Bank hat dennoch massiv gelitten. Seit Jahresbeginn ist der Kurs um 30 Prozent auf 35 Euro gefallen. Viele Investmentbanken haben Einstufung und Kursziele Ihrer Aktie deutlich zurückgenommen.
Treichl: Wir bekommen jetzt die Watschen, die eigentlich andere verdienen. Die Erste Bank ist heute keinen Cent weniger wert als vor einem halben Jahr, als der Kurs bei 57 Euro stand. Wegen der bevorstehenden Bilanzzahlen darf ich derzeit leider keine eigenen Aktien kaufen. Dürfte ich es, dann würden ich und viele andere Kollegen das jetzt tun.

Format: Einer der Gründe für die Skepsis der Analysten ist Ihre Rumänientochter BCR. Es wird erwartet, dass die von Ihnen in Aussicht gestellten Wachstumszahlen nicht halten.
Treichl: Die Verteuerung der Kredite trifft natürlich auch die CEE-Staaten. Das kann eine Auswirkung auf das Wachstum haben. Aber dieses wird immer noch bei fünf bis neun Prozent liegen und somit weit über dem in Westeuropa.

Format: Glauben Sie an eine Rezes­sion in den USA?
Treichl: Ich halte es nicht für völlig ausgeschlossen. Wenn, dann eine kurze von vielleicht zwei Quartalen. Aber selbst in diesem schlimmsten Fall werden die Auswirkungen auf den CEE-Raum überschaubar sein. Das Handelsvolumen mit den USA ist sehr gering, und die Nachfrage kommt aus dem steigenden Konsum und notwendigen In­­-ves­titionsgütern. Dazu kommt, dass in solchen Phasen die Konsumenten auf günstigere Produkte umsteigen, die meist in CEE produziert werden. Man kauft dann eben keinen Audi, aber einen Skoda, und statt Miele kommt Gorenje in die Küche.

Format: Die UBS hat in ihrer jüngsten Analyse erklärt, die Erste Bank sei nicht mehr als Wachstumsunternehmen zu bewerten.
Treichl: Unsere Ziele liegen bei einem Wachstum von 25 beziehungsweise 20 Prozent für die kommenden Jahre. Jeder kann selbst entscheiden, ob das für die Bezeichnung Wachstumsunternehmen reicht.

Format: Wie lange wird es dauern, bis die Finanzbranche die aktuelle Krise über­wunden hat?
Treichl: Wenn ich das richtig vorhersagen könnte, wäre ich von mir schwer beeindruckt.

Format: Abschließend eine andere Vorhersage: Wie heißt der nächste Präsident der USA?
Treichl: Ich glaube Hillary Clinton. Ich hoffe das auch. Die Republikaner sind nach acht Jahren Bush unwählbar. Clinton ist erfahren und gerissen. Die hat auch eine Chance, mit Putin fertig zu werden, was in den nächsten Jahren immer wichtiger wird. Obama ist mir zu blauäugig. Der glaubt noch an das Gute in der Welt.

Interview: Stephan Klasmann

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