Treichl Rekordgage löst eine Debatte über Managergehälter aus

Andreas Treichl sorgte diese Woche wieder einmal für Schlagzeilen. Anders als üblich beeindruckte der Generaldirektor der Erste Bank diesmal aber nicht durch Zuwächse beim Unternehmensgewinn, sondern durch eine neue Rekordgage. Denn wie aus dem druckfrischen „Geschäftsbericht 2004“ hervorgeht, bekam der 52-jährige Bankchef im Vorjahr eine Vergütung von satten 4,55 Millionen Euro.

Für österreichische Verhältnisse ist das absolute Spitzenklasse – nur Magna-Boss Siegfried Wolf verdient dank seines Vertrags nach US-Standard mehr, nämlich 9,4 Millionen Euro inklusive noch nicht ausgeübter Aktienoptionen. Treichl begründet seine Rekordgage im FORMAT-Interview: „Wie in Sport und Medien gibt es in der Wirtschaft einen Marktwert, und der steigt mit Erreichen einer internationalen Dimension.“

Tatsächlich sorgt Treichls Gehalt derzeit für angeregte Diskussionen über die Höhe von Managergehältern in Österreich. Ob Gewerkschafter, Personalberater oder Privatinvestoren: Die Managermillionen in der Erste Bank lassen keinen kalt. Kleinaktionärsvertreter Wilhelm Rasinger bringt es auf den Punkt: „Diese Dimensionen kannte ich bisher nur aus dem Fußball-Sport. Solche Gehälter sind für österreichische Verhältnisse einmalig und setzen neue Maßstäbe in der Managemententlohnung.“
Nicht nur Treichl, sondern der gesamte Vorstand der zweitgrößten Bank Österreichs (Bilanzsumme: 139,7 Milliarden Euro, 35.862 Mitarbeiter) spielt in der Millionenshow mit: Während Vizegeneraldirektorin Elisabeth Bleyleben-Koren 1,85 Millionen Euro und IT-Vorstand Erwin Erasim 1,02 Millionen Euro kassierten, verdienten Reinhard Ortner (Osteuropa) und Franz Hochstrasser (Investmentbanking) jeweils 1,55 Millionen Euro. Insgesamt erhielten die Mitglieder des Vorstandes im Gesamtjahr 2004 Bezüge in Höhe von 11,67 Millionen Euro, mehr als die Hälfte davon als variable Erfolgsprämie. Zum Vergleich: Der siebenköpfige Vorstand der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) verdiente 5,47 Millionen (inklusive Boni).

Konkret setzt sich Treichls 4,5-Millionen-Salär im Jahr 2004 aus einem Fixum (1,2 Millionen Euro), einer Erfolgsprämie (1,3 Millionen) und einer einmaligen Sonderzahlung von zwei Millionen Euro zusammen. Letztere rechtfertigt Treichl folgendermaßen: „Ich habe 2002 den Aufsichtsrat informiert, dass ich bleibe und was ich bei einigen Angeboten, die ich hatte, bekommen hätte – ein Vielfaches dieser Summe. Ich habe nichts gefordert, sondern nur gesagt: ‚Machts irgendwann was.‘ Das ist jetzt passiert.“

„Zu Recht“, meint Spencer-Stuart-Headhunter Gerd Wilhelm: Schließlich sei Treichl ein Topmanager, der international ein Vielfaches verdienen könnte. Wilhelm: „In Österreich liegen die Vorstandsgagen um mindestens 30 Prozent unter jenen in Deutschland.“ Und in den USA würden Firmenbosse oft das 300-fache eines durchschnittlichen Angestellten verdienen. So kassierte etwa der Boss des Markenartikelkonzerns Colgate-Palmolive, Reuben Mark, im Vorjahr sagenhafte 148 Millionen Dollar.
Treichl braucht sich dank dem Zwei-Millionen-Euro-Sonderbonus international trotzdem nicht zu verstecken: So schafft er es etwa problemlos unter die Top Ten in Deutschland. Das dortige Ranking wird von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann angeführt. Ähnlich wie bei Treichl sorgte auch Ackermanns Rekordgage (10,08 Millionen Euro) für heftige Debatten.
Besonders laut werden die Kritiken, wenn sich Managergehälter und Unternehmensgewinne gegenläufig entwickeln wie etwa im Fall HypoVereinsbank (HVB): Die BA-CA-Mutter HVB baute im Vorjahr mit einem Minus von zwei Milliarden Euro den größten Verlust in der Unternehmensgeschichte. Dennoch ließ sich HVB-Chef Dieter Rampl zu seinem Fixum von 800.000 Euro weitere 800.000 Euro Erfolgsprämie auszahlen.

Ganz im Gegensatz zur deutschen Konkurrenz ist die Geschichte der Erste Bank eine spektakuläre Erfolgsstory, die unverkennbar Treichls Handschrift trägt. „Als ich 1997 den Vorsitz übernahm, hatten wir 3.600 Leute und einen Wert von etwa 15 Milliarden Schilling“, sagt Treichl. „Heute sind es 35.000 Leute, und wir sind zehn Milliarden Euro wert. Ich halte mir schon zugute, dass es ohne mich die Erste Bank in ihrer heutigen Form nicht gäbe.“ Als die Konkurrenz im Investmentbanking noch die Zukunft sah, setzte Treichl auf das Gröscherlgeschäft mit Privatkunden und auf die Expansion nach Zentral- und Osteuropa (CEE). Treichls Strategie („Wir wollen die führende Retailbank in CEE werden“) ging auf: Vom Gewinn nach Steuern von 544,5 Millionen Euro kommen bereits rund 60 Prozent aus dem Osten – Tendenz: steigend.
Erfolge, die Wolfgang Katzian kaum beeindrucken. Im Gegenteil: Für den Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten „entbehren die astronomischen Gehälter in der Ersten jeder moralischen Grundlage“. Was Katzian besonders wurmt: „Den Mitarbeitern wurde die Dienstrechtsreform mit dem Argument verkauft, dass die Personalkosten zu hoch seien und gespart werden müsste.“ Und Erste-Betriebsrätin Ilse Fetik ergänzt: „Durch das neue Gehaltsschema kommt es bei einzelnen Gruppen zu Einbußen von bis zu acht Prozent. Das Management bekommt immer mehr, die Mitarbeiter immer weniger.“
Für zusätzlichen Diskussionsstoff sorgt die aktuelle Eigentümerstruktur
der Erste Bank: Treichl sitzt im Vorstand des Erste-Bank-Großaktionärs „Die Erste österreichische Spar-Casse“-Privatstiftung. Als Stiftungsvorstand hat er maßgeblichen Einfluss auf das Stimmverhalten der Stiftung in der Erste-Hauptversammlung (HV) und die Wahl der Aufsichtsräte. Während die HV über die Entlastung des Vorstands entscheidet, verhandeln die Aufsichtsräte alle Vorstandsangelegenheiten, darunter auch die Millionengagen. Treichl weist gegenüber FORMAT jede Einflussnahme zurück: „Ich bestimme nicht mit, wer in den Aufsichtsrat der Erste Bank einzieht.“ Über die Rekordgage freut er sich trotzdem.

Interview: „Dem Marktwert angemessen“
Erste-Bank-General Treichl über seine Millionen, seine Treueprämie, Erfolgsbeteiligungen für Mitarbeiter und die Rettung eines Bauernhofs.

Format: Herr Treichl, hören Sie es gerne, Österreichs bestbezahlter Manager zu sein?
Treichl: Ich glaube, es stimmt nicht. Was andere verdienen, von denen keine Einzelgehälter veröffentlicht werden, wissen wir nicht.
Format: Abgesehen von Magna-Chef Sigi Wolf, der nach amerikanischen Prinzipien bezahlt wird, stimmt es wohl doch.
Treichl: Guter Hinweis. Wir sitzen zwar in Wien, haben aber 90 Prozent der Kunden im Ausland. Das führt dazu, dass auch die Gehälter die gewohnten österreichischen Dimensionen verlassen. Wir beschäftigen uns viel mit der Verhältnismäßigkeit der Gehälter in der Erste-Bank-Gruppe.
Format: Liegen da nicht die Österreicher sowieso weit voran?
Treichl: Die Mitarbeiter schon, die Vorstände nicht. Ungarische Mana-ger verdienen im Verhältnis sehr viel. Sie werden auch sehen, dass unsere tschechischen Manager hoch bezahlt sind. Dort gab es wegen des Sicherheitsrisikos lange öffentliche Diskussionen, ob die Unternehmen die Gehälter publik machen sollen.
Format: Die Leistungen rechtfertigen gleich die doppelte Gage für den Erste-Vorstand?
Treichl: Rechtfertigen hat mit ge-recht zu tun, und das ist schwer zu verobjektivieren. Wir können uns nur mit ähnlichen Unternehmen vergleichen: Da liegen wir im Rahmen. Wie in Sport und Medien gibt es in der Wirtschaft einen Marktwert, und der steigt mit Erreichen einer internationalen Dimension.
Format: Zwei Millionen Euro be-kamen Sie 2004 als Treueprämie. Ha-ben Sie die gefordert, um zu bleiben?
Treichl: Ich habe 2002 den Aufsichtsrat informiert, dass ich bleibe und was ich bei einigen Angeboten, die ich hatte, bekommen hätte – ein Vielfaches dieser Summe. Ich habe nichts gefordert, sondern nur gesagt: „Machts irgendwann was.“ Das ist jetzt passiert.
Format: Heuer kommen Sie demnach auf 2,4 Millionen?
Treichl: Vielleicht. Denn die Hälfte davon ist erfolgsabhängig.
Format: Aber ein Beigeschmack bleibt, weil Sie als Vorstand der Sparkassenstiftung auch Einfluss auf die Besetzung des Erste-Aufsichtsrats haben.
Treichl: Habe ich nicht. Ich bestimme nicht mit, wer in den Aufsichtsrat der Erste Bank einzieht.
Format: Können auch andere Mitarbeiter ihr Gehalt über Prämien verdoppeln?
Treichl: Ja, die Regelung gilt für etwa 300 Führungskräfte. Wir haben im Vorjahr erstmals den vollen Bonus erreicht, weil die Eigenkapitalverzinsung auf 16 Prozent stieg. 1997 standen wir bei acht Prozent.
Format: Und die Tausenden sonstigen Beschäftigten?
Treichl: Wir bauen die Erfolgskomponenten laufend aus. Das Gehalt soll aus Fixum, Prämie für die persönliche Leistung und einer Beteiligung am Unternehmenserfolg bestehen. Vor allem die dritte Säule ist revolutionär: Wir schütten jetzt aus dem Gewinn erstmals acht Millionen Euro an alle Mitarbeiter aus.
Format: Ist der Generaldirektor das Hundertfache eines durchschnittlichen Mitarbeiters wert?
Treichl: In einem gewöhnlichen Jahr bekomme ich 2,4 Millionen. Unsere Personalkosten liegen in Österreich bei durchschnittlich 70.000 Euro pro Beschäftigten. Der Faktor beträgt demnach nur 30, und das ist international nicht aufregend.
Format: Ein Verhältnis, das Sie für adäquat halten?
Treichl: Ich spreche zwar nicht gerne über mich, meine aber schon, dass hier ein Sonderfall vorliegt. Ich bin nicht in eine bereits große und erfolgreiche Bank gekommen. Als ich 1997 den Vorsitz übernahm, hatten wir 3.600 Leute und einen Wert von etwa 15 Milliarden Schilling. Heute sind es 35.000 Leute, und wir sind zehn Milliarden Euro wert. Ich halte mir schon zugute, dass es ohne mich die Erste Bank in ihrer heutigen Form nicht gäbe. Es gibt hier sehr viele Leute, die durch diese Entwicklung heute wesentlich mehr verdienen als vor sieben Jahren.
Format: Bereuen Sie schon, Ihr Einkommen veröffentlicht zu haben?
Treichl: Nein, wir haben uns dazu entschieden, obwohl wir wussten, dass wir gleich mit einer Bombenmeldung herauskommen, auf die sich alle stürzen werden – auch wenn sie für Investoren ganz unwichtig ist. Aber im nächsten Jahr verdiene ich eh wieder weniger.
Format: Keine Angst vor einer Debatte über explodierende Managergagen wie in Deutschland?
Treichl: Ich kann verstehen, dass mancher mein Gehalt für irre hält. Wo wirklich die Grenzen liegen, weiß ich auch nicht. Tatsache ist, dass heimische Unternehmen erfreulicherweise über Österreich hinauswachsen und sich international messen müssen. Wer gute Leute halten will, muss auch die Gehälter dem europäischen Niveau anpassen.
Format: Welche Rolle spielt Geld bei Ihnen persönlich zur Motivation?
Treichl: Wäre Geld meine einzige Motivation, wäre ich längst nicht mehr da. Ich möchte nur im Vergleich mit Managern, die eine ähnliche Arbeit leisten, ordentlich bezahlt werden.
Format: Herr Treichl, Sie sind ein politisch denkender Mensch. Das Realeinkommen von Durchschnittsverdienern hat sich in den letzten Jahren kaum erhöht, während die Managergehälter rapide stiegen. Kann es auf Dauer gesund sein, dass die Schere immer weiter auseinander geht?
Treichl: Also bei uns werden die Löhne jedes Jahr spürbar erhöht. Mein Grundgehalt hat sich in den letzten zehn Jahren nicht einmal verdoppelt, das von Tausenden Mitarbeitern sehr wohl.
Format: Den großen Unterschied machen ja auch die Erfolgsboni aus.
Treichl: Ich bin dafür, dass die Mitarbeiter der Bank sehr viel mehr verdienen, nur nicht über höhere Fixgehälter, sondern über Honorierung der persönlichen Leistung. Aber gegen dieses System wehren sich die Gewerkschaften. Außerdem plädiere ich für eine Beteiligung der Mitarbeiter an den Unternehmensgewinnen. Da wachen Eigentümer und Aktionäre langsam auf, indem sie den Wert solcher Ausschüttungen für die Motivation erkennen.
Format: Wie werden Sie das viele Geld, das Sie 2004 verdient haben, investieren?
Treichl: Über zwei Millionen habe ich in der Himmelpfortgasse investiert (Sitz des Finanzministeriums, Anm.). Ein Teil floss in Erste-Bank-Aktien, weil unser Optionsprogramm vorschreibt, dass die Aktien tatsächlich gekauft und dann ein Jahr gehalten werden müssen. Mit dem Rest habe ich die Grundmauern des Bauernhauses unserer Familie in Leogang, in das Jahrzehnte nichts investiert wurde, vor dem Einsturz bewahrt.

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