Top-Job. 'Ein Volt für alle Fälle'

Duell um einen Top-Job. Verbund-Managerin Ulrike Baumgartner ist die Favoritin als neue Chefin des Energiekonzerns. Endgültig durch ist sie aber noch nicht. Es soll noch ein externer Kandidat präsentiert werden. Plus: Was die neue Nummer eins erwartet.

Zu vergeben ist der Spitzenjob im teuersten Unternehmen Österreichs. Wer ihn kriegt, bestimmt im Wesentlichen die ÖVP. Damit sollte alles klar, der künftige Verbund-Boss seit Wochen in politischen Klüngeln paktiert sein. Schnell eine Pro-Forma-Ausschreibung, und die Sache ist gegessen: So läuft das üblicherweise bei diesen Positionen. Diesmal jedoch nicht. Wenige Tage bevor der Aufsichtsrat am 3. Juni über den Verbund-Chef abzustimmen hat, ist das Land am Strom noch nicht endgültig verteilt. Gespielt wird die Serie „Ein Volt für alle Fälle“. In der ÖVP fehlte lange die einheitliche Linie. Und das Aufsichtsgremium ist aus politischer Sicht nicht hundertprozentig verlässlich – umso mehr, als das schwarze Lager nicht geschlossen auftritt. Alle Beteiligten und Betroffenen stehen unter Strom. Das Finale um einen der wichtigs­ten Managerjobs, den Österreich zu vergeben hat, entwickelt sich zum Krimi. Das Duell heißt: Verbund-Vorstandsmitglied Ulrike Baumgartner-Gabitzer gegen einen externen Anwärter.

Aufsichtsratschef will im Finale noch einen Kandidaten präsentieren. Verbund-Aufsichtsratspräsident Gilbert Frizberg hat intern angekündigt,
einen zweiten Kandidaten am 30. Mai (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) dem Nominierungsausschuss zu präsentieren, weil der nicht bereit war, sich vorzeitig zu outen. Am Wochenende könnten Hearings mit Frizbergs Jolly Joker stattfinden. Am 2. Juni, einen Tag vor der Aufsichtsratssitzung, tritt nochmals der Nominierungsausschuss zusammen. In Insiderkreisen kursieren eine Reihe von Namen; etwa Georg Pölzl, Manager bei der Deutschen Telekom, oder OMV-Vizegeneral Gerhard Roiss. Auch der Kärntner Ulrich Glaunach, bis zum Vorjahr in der obersten Ebene des französischen Zement-Giganten Lafarge, wird genannt. Es geht um viel: um die Nummer eins in einem Konzern, der auf Basis des Börsenkurses aktuell 16,7 Milliarden Euro wert ist – mehr als jede andere heimische Firma. Es geht um die Führung in der ­rot-weiß-roten Stromwirtschaft, „die angesichts der steigenden Energiepreise eine noch stärkere Rolle für die gesamte Volkswirtschaft spielen wird“, wie ein Verbund-Mann betont. Es geht um die Kon­solidierung der Branche durch Zu­sammenschlüsse im Inland.

Politischer Rückhalt ist der Trumpf von Baumgartner-Gabitzer. Nach Siemens-Chefin Brigitte Ederer könnte wieder eine Frau die Spitze eines österreichischen Topkonzerns erklimmen. Baumgartner-Gabitzer hat eindeutig die Favo­ritenrolle. Auf die 51-Jährige haben sich ÖVP-Klubobmann Wolfgang Schüssel, für den sie jahrelang gearbeitet hat, und ÖVP-Chef Wilhelm Molterer eingeschworen. Dieser politische Rückhalt ist ihr größter Trumpf. Bei den fünf Be­triebsräten und dem SPÖ-Vertreter im Aufsichtsrat, Flughafen-Boss Herbert Kaufmann, wäre Ulrike Baumgartner-Gabitzer durchzubringen. Sie selbst ist sich ihrer Sache recht sicher, so ist aus dem Verbund zu entnehmen. Die Juristin gilt als hartnäckige Verhandlerin und hat
als ehemalige Generalsekretärin der Ver­bandes der Elektrizitätsindustrie (VEÖ) viel Know-how in der Energiepolitik. Gegen Baumgartner spricht, dass sie nach nur eineinhalb Jahren im Verbund als noch nicht reif für den CEO gilt. Zudem fehlt der Schüssel-Vertrauten jede Erfahrung am Kapitalmarkt und bei internationalen Akquisitionen. Etliche Aufsichtsräte halten eine Bestellung der früheren Parlamentsabgeordneten für eine totale Repolitisierung des Verbund und sprechen vom „Vorstand der Sekretäre“. Vor allem Magna-Topmann Siegfried Wolf und der Papierindustrielle Alfred Heinzel würden Baumgartner wohl keinesfalls wählen. EVN-General Burkhard Hofer könnte sich zumindest der Stimme enthalten.

Eine Mehrheit im Aufsichtsrat ist trotzdem zustande zu bringen – wenn Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, der Eigentümervertreter des Verbund, und sein Freund Frizberg das wollen. Und genau das ist der Knackpunkt: Bartenstein gehört in der ÖVP zu jenen, die eine externe Lösung eigentlich bevorzugen würden. Hat Frizberg einen echten Topshot im Talon, dann wäre die Bestellung Baumgartners ernsthaft in Gefahr. Ein Gerhard Roiss von der OMV oder ein Georg Pölzl, ursprünglich beim Consulter McKinsey und Exchef von T-Mobile Austria, hätten beide exzellente Chancen. Mit beiden wurde auch gesprochen. Roiss, 56, hat bei der OMV nur wenig Aussicht, einmal ganz oben zu stehen. Pölzl, 51, der gut mit Bartenstein kann, würde von der Deutschen Telekom, wo er Generalbevollmächtigter ist, gern wieder nach Österreich kommen.

Neue Nummer eins setzt sich in ein gut gepolstertes Bett. Es schaut aber eher nicht danach aus, dass einer von ihnen zur Verfügung steht – und das nicht nur deswegen, weil beide mehr als das Doppelte jener 900.000 Euro verdienen, die Noch-Verbund-Chef Michael Pistauer 2007 kassierte. Auch der von Frizberg kontaktierte Ulrich Glaunach, 52, der im Vorjahr vom Vorstand in den Aufsichtsrat des Baustoffmultis Lafarge gewechselt ist, kommt als Branchenfremder für den Verbund kaum infrage. Damit läuft die Sache für Ulrike Baumgartner-Gabitzer. Mit ihrem Aufstieg würde Verbund-Manager Karl Gollegger als zweiter Schwarzer in den Vorstand aufrücken – außer die EVN drückt noch ihren Mann Stefan Szyszkowitz durch. Christian Kern (SPÖ) soll auf den Sessel des Fi­nanz­vorstandes wechseln. Hannes Sereinig (SPÖ) bleibt Vizegeneral. Nur wenn es im Aufsichtsrat nächste Woche den totalen Krieg gibt, hat Pistauer noch eine Mini-Chance, auf zwei Jahre verlängert zu werden. Die neue Nummer eins in Österreichs größtem Stromkonzern setzt sich jedenfalls in ein gut gepolstertes Bett. Der Konzern war in den vergangenen Jahren gut geführt. Der Nettogewinn von 500 Millionen Euro aus 2007 wird heuer nochmals kräftig steigen. „Der Verbund ist ein Selbstläufer“, meint Christoph Schultes, Analyst der Erste Bank. Die Produktion einer MWh Strom kostet 23 Euro, verkauft wird zwischen 70 und 100 Euro. Nach einer Verdreifachung der Strompreise in den letzen drei Jahren strömen die Profite wie Wasser durch ein Donaukraftwerk.

Was tun mit dem ganzen Geld? Die größte Herausforderung: das Geld sinnvoll auszugeben. „Für die enormen Cash-Flows der kommenden Jahre müssen gute Investitionsobjekte gefunden werden“, sagt die Expertin der Raiffeisen Centrobank, Teresa Schinwald. Insgesamt 14,6 Milliarden Euro will der Verbund allein im Ausland investieren. Der künf­tige Boss – oder eher die Chefin – muss neben Italien, Frankreich und der Türkei neue Märkte erschließen. Am Strategieplan stehen der Bau von Kraftwerken und die Übernahme von Gesellschaften in Deutschland, wo der Verbund schon ein Drittel seines Stromhandelsumsatzes erzielt. Die Expansion auf den Balkan
bis hin nach Griechenland wird ebenfalls vorbereitet. In Österreich bleibt eine Hauptaufgabe auch der nächsten Verbund-Führung, „sich gegen die Föderalisten zu verteidigen“, wie es ein Aufsichtsrat ausdrückt: „30 Prozent der Arbeitszeit ist dem Abwehren der Begehrlichkeiten von EVN und anderen Landesversorgern gewidmet.“ Die machen immer wieder Vorstöße, mehr Einfluss beim Verbund zu bekommen. Umgekehrt wird dieser im Zuge der Konsolidierung, die auf die Branche zukommt, versuchen, seinerseits weitere Beteiligungen an Landesgesellschaften zu bekommen: die Fortsetzung der „Politik der kleinen Schritte“, wie Pistauer die Strategie nannte.

Von Andreas Lampl, Arndt Müller

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