Telekom-Bilanz durch Rückstellungen in Gefahr: 800 Mio. Euro kostet Personalabbau

Mögliche Rückstellungen für Beamte bedrohen den Telekom-Profit. Zu-gleich wird eine Mrd. für Festnetzausbau benötigt.

Am 16. April präsentierte der für das Festnetz verantwortliche Vorstand der Telekom Austria, Rudolf Fischer, den Betriebsräten ein brisantes Papier: das gemeinsam mit dem Unternehmensberater McKinsey erstellte Effizienzprogramm. Damals wurde nach außen nicht sehr viel Aufhebens darum gemacht. Doch die Zahlen, die sich dort finden, haben es in sich. Per Ende 2009 müssen im Vergleich zum vergangenen Jahr 150 Millionen Euro eingespart sein. 60 Prozent davon, also 90 Millionen, entfallen auf Personalkosten. Bei einem durchschnittlichen Aufwand von 59.000 Euro pro Mitarbeiter und Jahr heißt das: 1.500 Stellen müssen in der Telekom Austria (TA) gestrichen werden. Diese Zahl wurde FORMAT gegen­über auch von Gernot Schieszler bestä­tigt, dem in der Festnetzsparte für Finanzen und Personal zuständigen Vorstand. Um die Sparziele zu erreichen, sollen 2008 und 2009 jeweils rund 500 – unkündbare – Beamte aus dem operativen Prozess herausgenommen werden, dazu in Summe 500 Angestellte.

Zu viele Beamte, aber keine Probleme mit deren Arbeitsmoral. Zoff ist somit vorprogrammiert, wobei Schieszler be­tont: „Wir müssen aufhören, die Beamten als Leute darzustellen, die dem Steuer­zahler auf der Tasche liegen. Sie sind im Schnitt seit 20 Jahren im Unternehmen und können nichts dafür, dass sie als Beamte aufgenommen wurden. Es gibt keine Probleme bezüglich Arbeitsmoral und Qualifikation. Das ändert aber nichts daran, dass wir aufgrund der Technologieentwicklung weniger Leute brauchen.“ Auch TA-Boss Boris Nemsic betonte bereits den Handlungsbedarf punkto Personalanpassungen, weil die Schere zwischen steigenden Kosten und sinkenden Kundenzahlen im Festnetz immer weiter aufgeht. Er hofft, die Gewerkschaft zum Einlenken zu bringen.

Danach sieht es aktuell ganz und gar nicht aus. Um die Idee einer von der Staatsholding ÖIAG finanzierten Beamten-Agentur, wohin die Betroffenen verlagert werden könnten, ist bereits ein heftiger Politstreit entbrannt. Kommt ein ­solches Modell nicht, muss die Telekom die Kosten zur Gänze selbst tragen und dafür hohe Rückstellungen bilden. Die Gewerkschaft will nächste Woche einen Grundsatzbeschluss gegen die Beamten-Agentur fällen.
Zudem herrscht innerhalb der TA Uneinigkeit über die Strategie: General Nemsic tendiert eher dazu, weitere In­vestitionen ins Festnetz einzufrieren, wenn mit der Regierung keine Beamten-Lösung zustande kommt. Fischer und Schieszler wollen in jedem Fall 700 Millionen bis eine Milliarde Euro bis 2012 in den Glasfaserausbau stecken.

Schieszler: „Unsere einzige Chance ist, jetzt zu investieren. Sonst können wir weder die Werthaltigkeit des Unternehmens sichern noch den Verlust von Festnetzanschlüssen stoppen und brauchen am Ende noch weniger Leute.“ Laut internen Berechnungen würde sich die Zahl der Kunden ohne Glasfaserausbau von 2,4 Millionen (2007) bis 2011 auf 1,8 Millionen weiter reduzieren. „Wir drängen auf einen Aufsichtsratsbeschluss nach dem Sommer. Die Entscheidung muss schnell fallen“, erklärt der Manager.
Das Argument: Das Festnetz könne nur bestehen, wenn jedem Haushalt über einen Breitbandzugang hochwertige Dienste wie TV, Alarmanlage oder die ärztliche Betreuung älterer Menschen angeboten werden. „Die riesigen Daten­mengen, vor allem im Zusammenhang mit bewegten Bildern, sind mit der derzeitigen Infrastruktur aber nicht mehr zu bewältigen“ (Schieszler).
Das hauseigene aonTV soll zum Beispiel noch heuer von 50.000 auf 150.000 Kunden gepusht werden. Im Moment muss die TA Privatsendern noch Geld zahlen, damit sie überhaupt ihr Programm zur Verfügung stellen. Kassieren kann die Telekom von RTL oder PRO 7 erst, wenn ein paar Hunderttausend Menschen aonTV empfangen.

Hohe Rückstellungen heißt: weniger Gewinn. Ob die Festnetz-Bosse die ge­wünschten Mittel freigegeben bekommen, wird nicht zuletzt von der Lösung der Personalfrage abhängen. Diese schwebt wie ein Damoklesschwert be­drohlich über dem Konzern. Von den aktuell 9.600 Mitarbeitern sind 6.900 Beamte, weitere 1.000 Vertragsbediens­tete und lediglich 1.700 Angestellte. Springt der Staat nicht ein, „dann muss ich für jeden unkündbaren Beamten, der nicht mehr beschäftigt werden kann, eine Rückstellung bilden“, sagt Finanzer Schieszler. Das ist rechtlich zwingend. Pro Person wurden 300.000 bis 500.000 Euro errechnet. Zusätzlich zu den 1.000 bis Ende 2009 sollen in den beiden Jahren danach nochmals 1.000 Beamte abgebaut werden: macht in Summe einen Rückstellungsbedarf von 800 Millionen Euro. Grob gerechnet würde sich der TA-Nettogewinn, beginnend mit 2008, vier Jahre lang um jeweils 200 Millionen verschlechtern. Gegenüber dem Konzerngewinn 2007 von knapp 500 Millionen wäre das ein Minus von 40 Prozent – mit fatalen Folgen für den bereits schwer gebeutelten Aktienkurs.

Die Alternative dazu wäre eben jene Beamten-Agentur, für die Nemsic und ÖIAG-Chef Peter Michaelis kämpfen. Diese sollte sich um Umschulungen und die Unterbringung der Leute am Arbeitsmarkt kümmern, damit sie nicht untätig zuhause sitzen müssen. Etwa die Hälfte der Pro-Kopf-Kosten von 59.000 Euro jährlich könnte so ein Modell decken. Den Rest müsste die ÖIAG, die etwa 27 Prozent an der Telekom hält, aus ihren Dividendeneinnahmen beisteuern: also letztlich der Steuerzahler. Bislang ließ Finanzminister Wilhelm Molterer noch keine Bereitschaft erkennen, hier mitzuziehen. „Er wird lieber einen Wertverlust der TA hinnehmen“, meint ein Polit-Insider, „weil er die Ak­tien sowieso nicht verkaufen kann. Die Beamten-Agentur wäre hingegen budgetwirksam.“ Bleibt allerdings abzuwarten, wie die übrigen Telekom-Aktionäre reagieren. Die könnten bei Gewinnminderungen durch Rückstellungen die Geduld verlieren, weil auch die Profite aus dem Mobilfunk jetzt spärlicher sprudeln. Wie brisant die Sache ist, zeigt eine kaum bekannte Tatsache: Schon Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser muss­te auf Druck der TA-Vorstände einen Verjährungsverzicht für den Fall von Ak­tionärsklagen unterschrieben.

Von Andreas Lampl

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