Studium mit Hindernissen

Für beliebte Studienfächer wie Medizin, Publizistik, Biologie und BWL kommen jetzt Zugangsbeschränkungen. FORMAT zeigt, wie die Unis ihre Studenten auswählen.

Bildungsministerin Elisabeth Gehrer kann dem hektischen Run hoffnungsvoller junger Leute auf die Anmeldeschalter der Universitäten positive Aspekte abgewinnen. „Es ist schön, dass so viele Studenten angemeldet sind“, freute sich die für das Hochschulwesen zuständige Ministerin vor wenigen Tagen. Weniger schön ist dieser Umstand jedoch für alle, die im Herbstsemester in Wien oder Innsbruck ihr Medizinstudium beginnen wollen und sich im Vertrauen auf die bis Oktober laufenden Inskriptionsfristen nicht schon in den ersten Tagen um die Anmeldung gekümmert haben.

Die Anmeldeverfahren wurden nämlich vorzeitig abgebrochen. Schon Mitte Juli gab es für Zuspätkommende nur mehr aussichtslose Plätze auf den hoffnungslos überfüllten Wartelisten. „Ich habe die Voranmeldung per Internet erledigt und musste meine Mutter zu den Inskriptionsformalitäten schicken, weil ich in der ersten Anmeldewoche nicht in Österreich war“, erzählt die angehende Medizinstudentin Marie Mittringer, wie familiärer Zusammenhalt ihren Studienplatz in Wien rettete.

EuGH-Urteil läutet Ende des freien Hochschulzugangs in Österreich ein. Obwohl das eher simpel gestrickte Prinzip des „first come – first serve“ nur an den Medizin-Unis Wien und Innsbruck zur Anwendung kommt, stürmten die Studienanwärter sicherheitshalber auch andere Hochschulen und Studienrichtungen. So haben sich an der Wiener TU bis jetzt schon doppelt so viele neue Hörer eingeschrieben wie im Jahr zuvor. Dabei ändert sich an der Technik – zumindest vorerst – nichts.

Auslöser der Turbulenzen war die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), der am 7. Juli die Zugangsregeln für Studenten aus EU-Ländern an heimische Unis kippte. Bis dahin war ein Studienplatz im Heimatland Voraussetzung, um an einer österreichischen Uni zu inskribieren. Für Österreicher reichte dagegen das Maturazeugnis. Damit ist jetzt Schluss – nun gilt gleiches Recht für alle EU-Studenten. Die Folge: ein Massenandrang der österreichischen Medizinstudienanwärter ab dem 4. Juli, um dem erwarteten Ansturm jener deutscher Studienbewerber zuvorzukommen, die wegen zu schlechter Abiturnoten keine Aussicht auf Studienplätze im eigenen Land haben. In Deutschland gilt nämlich für begehrte Fächer wie Medizin, aber auch Pharmazie, Biologie oder Psychologie der Numerus clausus – nur mit den besten Reifeprüfungsnoten gibt es Studienplätze. Exzellent über die Rechtslage informiert und bestens vorbereitet, standen dann auch am 8. Juli Hunderte von Deutschen in den Warteschlangen.

An diesem Tag reagierte auch Gehrers Ministerium auf die EuGH-Entscheidung: Den Unis wurde anheimgestellt, für die Fächer Medizin und Zahnmedizin, Veterinärmedizin, Psychologie, Biologie, Pharmazie, Publizistik und Kommunikationswissenschaften sowie Betriebswirtschaft eigenverantwortlich Aufnahmekriterien zu erlassen.

Unspektakulär, aber wirksam fand so das Prinzip des freien Hochschulzugangs in Österreich sein Ende. Von den acht Fächern unterliegen in Deutschland nur sechs dem Numerus clausus, womit sich Aufnahmekriterien als Mittel gegen den ungebremsten Ansturm abgewiesener Bewerber auf Österreich begründen ließen. Für Betriebswirtschaft wurde der Numerus clausus in Deutschland aber gerade aufgehoben, für Publizistik gab es nie einen – gerade dieses Fach ist in Österreich chronisch überlaufen. Besonders angetan von Studienbeschränkungen ist nun auch der Rechnungshof: Er regte bereits an, auch den Zugang zu Lehramtsstudien mit Eingangstests zu kanalisieren.

Vielfalt an Auswahlverfahren. Je nach Studienrichtung und Uni unterscheiden sich die Auswahlverfahren beträchtlich. Die FORMAT-Übersicht auf Seite 58 zeigt, wie die geeignetsten Bewerber in den einzelnen Fächern ermittelt werden. An der Uni Graz stehen beispielsweise bereits detaillierte Regelungen und Termine für Multiple-Choice-Einstiegstests in BWL und Psychologie fest. Für Pharmazie gibt es in Graz einen zweiwöchigen Einführungsblock, an dessen Ende eine Prüfung über die Zulassung zum Diplomstudium entscheidet. Biologen wiederum werden im ersten Semester auf jeden Fall zugelassen, über den Aufstieg ins zweite Semester entscheiden jedoch Fachprüfungen im Jänner 2006. Aufnahmetests mit Rankings der Bewerber wird es auch an der Uni Klagenfurt geben.

So detailliert und differenziert sind die Richtlinien anderer Hochschulen noch nicht. An der Wiener Hauptuniversität gibt es in den betroffenen Fächern ein Frühwarnsystem zur Beobachtung der Anmeldezahlen und wahrscheinlich Studieneingangsphasen. Von einer Vorauswahl gleich zu Studienbeginn hält man dort nicht allzu viel.

„Unser Auswahlkriterium ist die Bewältigung der Prüfungen in der bereits bestehenden Eingangsphase“, erklärt WU-Rektor Christoph Badelt. Aufgenommen werden für diese ersten beiden Semester an der WU aber vorerst alle Bewerber. Das Prinzip, allen Bewerbern zunächst einmal eine Chance zu geben, vertritt auch die Innsbrucker Uni, wo eine Auswahl im Laufe des ersten Semesters vorgesehen ist.

Für Betriebswirte soll es in Innsbruck, ebenso wie in Linz, vorerst einmal keine neuen Aufnahmehürden geben. Angehenden Medizinern, die nun vor verschlossenen Uni-Türen stehen, nützt das freilich nichts. Ihnen kann auch die ÖH nur vage Hoffnung machen: Nicht zugelassene Bewerber sollen sich einen Bescheid über die Nichtaufnahme ausstellen lassen, der dann juristisch bekämpft werden kann. Selbst wenn das klappt, ist der Zeitverlust aber nicht mehr aufzuholen. Auf ein intelligenteres Auswahlsystem als die Warteschlange kann man sich im Hinblick auf kommende Semester aber vorbereiten.

Aufnahmeverfahren an Fachhochschulen noch schwieriger. Alternativen für abgewiesene Bewerber sind dünn gesät. Der Weg zum Auslandsstudium ist recht steinig und darüber hinaus kostspielig (siehe Kasten links). Außerdem müssen die dortigen Aufnahmekriterien erfüllt werden – will ein angehender Mediziner also den Spieß umdrehen und seinerseits einen Studienplatz in Deutschland ergattern, fällt er dort unter den Numerus clausus. Medizinern bleiben darüber hinaus die sehr teuren privaten Unis in Salzburg und Budapest.

Das recht stark verschulte Studium an einer Fachhochschule (FH) stellt eher eine Alternative zu einem Technik- oder Wirtschaftsstudium dar als zu einem naturwissenschaftlichen Fach. Die mittlerweile 136 angebotenen FH-Studiengänge mit rund 25.000 Studienplätzen konzentrieren sich nämlich auf diese Fachgebiete. Außerdem sind die Auswahlkriterien der FHs meist noch um einiges schärfer als die der Universitäten. Auf eine Vorauswahl durch einen Test folgen meist individuelle Bewerbungsgespräche, in denen Interessenten den Studienleitern nicht nur Wissen, sondern auch ihre Motivation für das FH-Studium darlegen müssen.

Berufseinstieg wird immer härter. Dafür sind die Berufsperspektiven der FH-Absolventen, die meist spätestens im Zuge ihrer praxisorientierten Diplomarbeit ein Jobangebot bekommen, auch um einiges rosiger als jene eines durchschnittlichen Universitätsabgängers. „Meist dauert es ein bis drei Jahre, bis Uni-Absolventen einen adäquaten Akademikerjob finden“, weiß Maria Hofstätter, Leiterin der Forschungsabteilung im AMS. Der Berufseinstieg erfolgt heutzutage typischerweise über schlecht bezahlte Praktikantenstellen, Werkverträge ohne sozialrechtliche Absicherung oder kurzfristige, projektbezogene Anstellungen. Kein Wunder, dass knapp 60 Prozent der Biologen und fast die Hälfte der Philosophen, Publizisten und Psychologen am Beginn ihres Berufslebens mit weniger als 1.000 Euro netto pro Monat auskommen müssen.

Jungakademiker müssen sich also darauf einstellen, nach Studienabschluss nicht mehr zu verdienen als in ihren aktuellen Ferialjobs. Aber wenigstens die Studiengebühr können sie sich dann sparen.

Außerdem im neuen FORMAT:
Übersicht: Die neuen Hürden beim Studium
Fachhochschule statt Universitätsstudium
Der harte Weg zum Auslandsstudium
Zulassungshürden im europäischen Vergleich

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