Story der Woche: Flächenbrand

Die US-Kreditkrise und Rezessionsängste führen an den Weltbörsen zu Kurssprüngen von gigantischen Ausmaßen. FORMAT analysiert Gründe der Panik und zeigt, welche Wege den Anlegern offen stehen.

Willi Hemetsberger, BA-CA-Vorstand, fühlte sich auf der UniCredit-Investorenkonferenz in Kitzbühel im Zwiespalt der Gefühle. Denn dort ging es aufgrund des Börsencrashs noch heißer zu als bei den Skirennen in den Tagen zuvor. Einerseits freute er sich mit den Unternehmern, die trotz des weltweiten Kursmassakers mit vollen Orderbüchern optimistisch in die Zukunft blicken. Hemetsberger: „Ihnen gegenüber saßen jedoch die Investoren, in wirklich trüber Stimmung. Wenn der DAX um sieben Prozent einbricht, wie soll es ihnen denn da gehen? Sicher nicht gut.“

BA-CA-Investmentbanker Hemetsberger geht trotz heftiger Gegenbewegungen der weltweiten Börsen von einer Rezession in den USA aus, „die noch tiefer sein und länger dauern wird, als der Markt bisher geglaubt hat“. Von nervöser Stimmung berichtet Private-Equity-Investor Han­nes Strohmaier: „Die Bankenkrise hat alle Investoren und Unternehmensvertreter in Kitzbühel zwei ganze Tage in Atem gehalten. Aber was interessiert Voest die Subprimekrise?“ Selbst die Wiener-Städtische-Aktie steht unter Druck, obwohl Städtische-Boss Günter Geyer in dieser Woche für das abgelaufene Jahr ein Rekordergebnis von 435 Millionen Euro verkündete und weiter optimistisch bleibt. Geyer: „Selbst wenn die Aktienkurse so tief bleiben, gibt es aus heutiger Sicht kein Problem, 2008 unser Ziel von 530 Millionen Euro Gewinn vor Steuern zu erreichen.“

Fakt ist, dass auch vollkommen unbeteiligte Unternehmen derzeit an der Börse die Rechnung dafür zahlen, dass die amerikanische Bankenwelt über die Stränge geschlagen hat. Das wirkt sich klar auf die Kursentwicklung der wichtigsten Aktienmärkte der Welt aus. Denn allein seit Jahresbeginn hat etwa die Wiener Börse 15,8 Prozent an Wert eingebüßt, die seit Jahren hervorragend gelaufenen deutschen Dividendenwerte sackten um 16,3 Prozent ab, und die vier BRIC-Börsen China, Indien, Russland und Brasilien verloren sogar 19,7 Prozent.

Das zeigt, dass es bei weitem nicht nur bei einer lokalen US-Kreditkrise geblieben ist. Heute werden überall Leichen im Keller befürchtet. Klaus Glaser, Aktienchef der Raiffeisen-Fonds: „Viele Manager haben derzeit nicht den Mut, reinen Wein einzuschenken, wie etwa bei der Hypo Real Estate. Die erwartete Entspannung im Interbanken-Geschäft ist da­durch ausgeblieben. Die Vertrauenskrise hat einen neuen Höhepunkt erreicht.“ Das Vertrauen dürfte noch weiter schwinden. In Amerika kämpfen derzeit die wichtigsten Anleihenversicherer mit teils dramatischen Abstufungen der Ra­tingagenturen. John Greenwood, Chef­ökonom des Fondhauses Invesco: „Viele der Garantien, die Banken für ihre strukturierten Produkte abgeschlossen haben, sind de facto bereits wertlos. Deswegen stehen dem Finanzsektor noch viele weitere Abschreibungen in Milliardenhöhe ins Haus.“.

US-Notenbankchef Ben Bernanke ist sich der Gefahr bewusst und griff zu einer Notinfusion. Mit der größten Leitzinssenkung seit 25 Jahren in Höhe von 0,75 Pro­zent auf nunmehr 3,5 Prozent zeigt der Fed-Chef Flagge. Für gewöhnlich hel­fen tiefere Zinsen den Aktienkursen auf die Sprünge. Doch jetzt sehen viele den Patienten US-Wirtschaft erst recht vor dem Kollaps. Peter Brezinschek, RZB-Chefanalyst: „Die Zinssenkung gibt den Pessimisten Auftrieb. Um einen Finanzkollaps zu verhindern, fordern diese nun Senkungen auf drei Prozent oder darunter.“ Auf jeden Fall belegt Bernankes Aktion die gebotene Dringlichkeit. „Amerika spürt das Feuer, denn die 0,75 Prozent sind mehr als erwartet“, analysiert der renommierte deutsche Vermögensverwalter Jens Ehrhardt. Und: „Die Lage wird noch viel schlechter, bevor es wieder bergauf geht. Der kranke Mann Amerika könnte Europa anstecken.“ Damit das nicht geschieht, sollte laut BA-CA-Vorstand Hemetsberger die Europäische Zentralbank fürs Erste ihre rigide Haltung zur Inflation über Bord werfen: „Die EZB agiert sehr professionell, aber die Fixierung auf die Teuerungsrate ist jetzt sekundär. Eine Zinssenkung kann Abhilfe schaffen.“

Auch wenn das Lager der Pessimisten voll besetzt ist, sollten Anleger nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. An den Börsen sind drei Szenarien möglich: Der Flächenbrand an den Börsen kann sich ungehemmt fortsetzen, auch eine Beruhigung ab dem Ende der Bilanzsaison im April ist denkbar. Nicht ganz auszu­schließen ist auch, dass der Ausverkauf von Aktien den Zenit bereits überschritten hat.

Umso mehr werden die Schwellenländer zum Zünglein an der Waage und zum Hoffnungsträger für alle Börsianer. Das Wirtschaftswachstum in Indien und China soll sich zwar heuer um zwei bis drei Prozentpunkte verlangsamen, das könnte aber immer noch ausreichen, der Welt aus der Krise zu helfen. Harald Egger, Veranlagungschef der Erste-Bank-Fonds, sieht dieses Szenario jedoch skeptisch: „Die Erwartung, dass das starke Wachstum der Emerging Markets die Probleme in den USA vergessen lassen könnte, wird so nicht erfüllt werden. Anfang November hat sich der Glaube an diesen Trend gedreht.“ Wie stark diese Wende ist, bringt Invesco-Ökonom Greenwood auf den Punkt: „Die Abkoppelungstheorie ist eine Fata Morgana.“

Besser geht es jenen, die den Kurssturz prophetisch kommen gesehen haben. So versilberten etwa OMV-Boss Wolfgang Ruttenstorfer und sein Vorstandskollege David Charles Davies bis knapp nach dem Jahreswechsel OMV-Aktien und Optionen im Rahmen der völlig legalen „Director’s Dealings“ noch rechtzeitig vor dem Crash an den Börsen. Wer nicht so viel Glück hatte, rechtzeitig Kasse zu machen, dem bleibt nur das Prinzip Hoffnung. Und es gibt bereits wieder Rufer in der Wüste, die wieder fruchtbarere Börsenzeiten prophezeien. Saker Nu­sseibeh, Emerging-Market-Investmentchef bei der Fondsgesellschaft Fortis, blickt schon wieder nach vorn: „Wenn der Markt sich wieder stabilisiert, werden Wachstumsaktien besser abschneiden als der Rest. Und US-Aktien könnten plötzlich zu den besten Außenseitern für 2008 zählen.“

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