Sinkt Rohstahlproduktion bei Voest unter
4 Mio? Vorstandschef Eder im FORMAT-Talk

voestalpine-Vorstandschef Wolfgang Eder über die Voraussetzungen für Investitionen in Österreich und seine Pläne im Ausland.

Die Zeit drängt. voestalpine-Chef Wolfgang Eder braucht die Entscheidung der EU über die künftigen Regelungen bei der Zuteilung der CO2-Zertifikate für den Klimaschutz noch heuer. Sonst kann das neue Stahlwerk nicht in der EU gebaut werden, sondern wird außerhalb errichtet. Und Ersatz­investitionen in Österreich werden zurückgestellt. Was dies bedeutet und was die verbliebenen Aktionäre von Böhler-Uddeholm erwartet, erzählte er FORMAT in einem seiner seltenen Interviews.

Format: Wie stark ist die voestalpine von der Finanzkrise betroffen?
Wolfgang Eder: Gar nicht.

Format: Haben Sie in Ihrem Finanz­ressort keine verbrieften Forderungen wie ABS und CDOs gekauft?
Eder: Das ist die Lieblingsfrage von Aufsichtsräten. Solche Dinge machen wir grundsätzlich nicht. Wir tätigen keine Finanzgeschäfte, die vom Grundgeschäft entkoppelt sind. Ich komme aus einem ­Unternehmen, der alten voestalpine, das manche Dinge früher anders gesehen hat. Wenn man ein gebranntes Kind ist, lässt man die Hände vom Feuer. Wir haben daher jetzt keinen einzigen Euro verloren.

Format: Was bedeutet die Finanzkrise für Ihr Kerngeschäft?
Eder: Da muss man sehr aufpassen. Es wird versucht, die Finanzkrise als eine gesamtwirtschaftliche Krise zu betrachten. Faktum ist aber, dass es der Realwirtschaft nach wie vor gut geht. Wir können dennoch nicht davon ausgehen, dass wir jedes Jahr neue Rekorde aufstellen. Eine leichte Verringerung der Auftragseingänge da und dort und ein Rückgang der Investitionen ist auch darauf zurückzuführen, dass die Wirtschaft nach fünf Jahren Aufschwung auch einmal durchatmet. Wir sehen für den Rest des Jahres 2008 und für 2009 eine positive Entwicklung mit weiter steigender Produktion.

Format: Und wenn die Konjunktur wie in jedem normalen Zyklus wieder schwächer wird? Spüren Sie dann auch nichts?
Eder: Kurzfristige Schwankungen betreffen uns nicht nennenswert, weil wir nur längerfristige Vertragsgeschäfte machen. Außerdem werden die Karten aufgrund einer Reihe von Faktoren weltweit betrachtet gerade neu gemischt. Durch das Erstarken der europäischen Wirtschaft, verbunden mit dem Euro und einer rasanten technologischen Entwicklung, haben wir die USA in vielen Bereichen überholt.

Das gilt für die Automobilindustrie genauso wie für die Hausgeräte, die Bahn, den Flugzeugbau und die Mobiltelefonie. Diese Kräfteverschiebung geht in der Diskussion vielfach unter, weil man sie Europa einfach nicht zutraut. Wenn wir die historischen Bürden des Nationalismus und die Klein-klein-Bedenken endgültig loswerden, wird Europa in den nächsten 20 Jahren eine starke Dynamik und eine entsprechende Position entwickeln können. Auch der Boom in China, Indien und anderen aufstrebenden Märkten verändert die Lage im globalen Wettbewerb grundsätzlich.

Format: Was leiten Sie daraus für die voestalpine für die Zeit nach 2009 ab?
Eder: Diese Prognose ist sehr schwierig. Viele sagen, es wird bergab gehen, wenn die Olympischen Spiele und die Weltausstellung in China vorbei sind. Die Prognosen des Weltstahlverbandes gehen über 2010 hinaus nach oben. Die Kapazitätsausweitungen und Mengenzuwächse wer­den sich dann allerdings verlangsamen.

Format: Die Nachfrage steigt vor allem in den großen Schwellenländern. Für Europa lautet die Prognose für das nächste Jahr nur auf einen Zuwachs von 1,6 Prozent. Für Deutschland erwartet die Wirtschaftsvereinigung Stahl heuer sogar nur eine Stagnation.
Eder: Da muss man differenzieren. Wir produzieren qualitativ hochwertigen Stahl. Dieser macht in Europa rund 15 Prozent der Produktion aus und unterliegt keinem Importdruck. Außerdem gibt es in der gesamten Branche nicht mehr 27 Flachstahlerzeuger, wie 1994 in den EU-15, sondern wir sind in den EU-27 nur mehr sieben größere. Durch diese Konsolidierung und durch Privatisierungen wurden auch die Mengen deutlich reduziert. Wir haben tendenziell eine knappe Versorgungssituation, daher investieren wir auch in ein neues Werk.

Format: ... das aber nicht in Österreich gebaut werden wird, sondern irgendwo am Schwarzen Meer.
Eder: Ja, in Linz platzen wir aus allen Nähten. Da haben wir einfach nicht mehr genug Fläche. Daher gehen wir dorthin, wo die Rohstoffe und die meisten neuen Abnehmer sind. Im gesamten Schwarzmeer-Raum werden derzeit etwa 23 Millionen Tonnen Stahl gebraucht, 2015 werden es über 50 Millionen sein. Wir sind in Mittel- und Südosteuropa schon jetzt Marktführer. Das wollen wir ausbauen. Auch die starke Nachfrage unserer langjährigen Kunden rund um Österreich können wir auf lange Sicht nicht negieren.

Format: Sie prüfen Standorte in Rumänien, Bulgarien, der Ukraine und der Türkei. Wie weit sind Sie in der detaillierten Standortentscheidung?
Eder: Wir werden spätestens Anfang Juli wissen, welche zwei oder drei Standorte die heißen Favoriten sind, und bis zum Herbst, wo wir schließlich bauen werden. Wenn wir allerdings aus Brüssel nicht bald klare Signale über das künftige CO2-Regime bekommen, könnte sich das verzögern.

Format: Nach dem aktuellsten Stand wird über das CO2-Regime erst 2011 endgültig entschieden werden.
Eder: Ja, die kommunizierte Meinung in Brüssel ist, dass man noch länger warten kann. Wir können das aber nicht und würden in diesem Fall einen Standort außerhalb der EU wählen müssen. Eine späte Entscheidung hieße auch, dass eine Reihe von Branchen aus Europa abwandert. Und in zehn Jahren würde hier kaum mehr Stahl produziert werden. Schon jetzt baut Thyssen in Brasilien, und Corus, die frühere British Steel, orientiert sich mit ihrem neuen Eigentümer Tata Steel mehr nach Indien. Andere wiederum gehen stärker nach Russland. Wenn eine voestalpine Linz oder Österreich verlässt, hätte das für die Volkswirtschaft erhebliche Konsequenzen.

Format: Das wird ja nicht nur durch die Klimaschutz-Entscheidung der EU beeinflusst werden.
Eder: Aber zum größten Teil. Wir brauchen die Sicherheit, dass die CO2-Zertifikate für die Stahlindustrie ab 2013 nach einem einheitlichen sektoralen System vergeben werden. Wenn wir hier nicht mehr konkurrenzfähig erzeugen können, gehen nicht nur 20.000 Arbeitsplätze und inklusive der Sekundär- und Tertiärbereiche sowie der Familienmitglieder die Einkommen von 180.000 Menschen verloren, der Staat hat auch weniger Steuereinnahmen. Wir haben für 2007 an Steuern, Abgaben und Sozial­versicherungsbeiträgen 750 Millionen gezahlt. An Zulieferer für den Ausbau, an Banken, Notare etc. gehen jedes Jahr 850 Millionen Euro. Die Mitarbeiter beziehen eine Milliarde an Löhnen und Gehältern. Die Anleger hingegen bekommen mit etwa 320 Millionen Dividende nur einen Bruchteil dieser Beträge, um die ständig diskutierten Relationen einmal zurechtzurücken.

Format: Und die Politiker wissen das?
Eder: Ich glaube nicht, dass sich alle Politiker dieser Dimension bewussst sind. Wir müssen aber rasch entscheiden, denn die Kokerei und zwei Hochöfen kommen an das Ende ihres Lebenszyklus. Da können wir nicht bis 2011 warten. Wenn wir hier nicht nachrüsten, wird die Produktion von bald sechs Millionen Tonnen Rohstahl auf unter vier Millionen sinken.

Format: Warum entscheiden Sie sich nicht einfach für einen der beiden Standorte außerhalb der EU, in der Ukraine oder der Türkei?
Eder: Weil die Stabilität und Rechts­sicherheit in der EU größer ist.

Format: Viele Unternehmen investieren aber viel Geld in der Ukraine oder in der Türkei.
Eder: Es geht um eine Grundsatz­entscheidung zwischen rechtlichen Standards und wirtschaftlicher Liberalität. Bei der Türkei und der Ukraine geht es darum, als wie stabil wir die politische Lage einschätzen. Experten sagen, sie sei stabil.

Format: Bis wann muss das neue Werk denn fertig sein?
Eder: Im Jahr 2013.

Format: Dann müssen Sie ja 2011 zu bauen beginnen.
Eder: Ja. Und wir brauchen auch Zeit für die Feinplanungen und Genehmigungen. Es ist ja bis zum Hafen und zum Holzwerk alles neu zu planen. Dafür brauchen wir zwei Jahre. Wenn wir also heuer im Herbst die Entscheidung treffen, dann werden wir Ende 2010 mit den Behördenverfahren und Planungen fertig sein. Und können 2011 zu bauen beginnen.

Format: Wird es zwischen dem neuen Standort und dem in Linz Kooperationen geben?
Eder: Ja. Die beiden Werke muss man als Zwillinge sehen. Die produzierten Produkte werden ähnlich sein. Das Werk in Linz kann sechs Millionen Tonnen Rohstahl produzieren, das neue Werk fünf bis sieben Millionen Tonnen. Diesen Spielraum brauchen wir, um Linz gegebenenfalls vom Vormaterial her absichern zu können. Im Idealfall würden damit aber auch längerfristig bis zu 7 Millionen Tonnen Fertigprodukte in Linz möglich, dies wäre eine neue Dimension. Forschung und Entwicklung sowie die Vermarktung und die Führung werden wir auch für das neue Werk von Linz aus machen.

Format: Stehen auch in den anderen vier Divisionen große Investitionen an?
Eder: In Donawitz haben wir in den
vergangenen Jahren die wesentlichen Investitionen getätigt – im Stahlwerk, der Schienenwalzanlage und aktuell mit dem Bau einer neuen Wasserversorgung und einem neuen Kraftwerksblock. Im Schienenbereich werden wir nur durch Ak­quisitionen stark wachsen können. Da überlegen wir, außerhalb Europas zuzukaufen.

Format: Wo?
Eder: Wir prüfen drei, vier Optionen und könnten davon sogar zwei oder drei erwerben. Es geht um einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag.

Format: Wann werden Sie darüber entscheiden?
Eder: Eine erste Entscheidung könnte schon in einigen Monaten fallen.

Format: Wie sieht es in den anderen ­Bereichen aus?
Eder: Der Spezialprofilbereich entwickelt sich stabil auf hohem Niveau. In der Division Automotive steigt die Ebit-Marge kontinuierlich auf heuer über sechs Prozent und wird 2010 acht Prozent erreichen.

Format: Da verkaufen Sie auch Unternehmensteile?
Eder: Ja, aber das sind nur zehn Prozent des Umsatzes. Wir haben für die Kunststoffsparte etwa 30 Interessenten und werden im Laufe des Sommers sicher gut verkaufen können.

Interview: Waltraud Kaserer

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