Siemens hat ein „freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot“ vorbereitet.

Das Übernahmeangebot für die VA Tech hat Siemens schon fertig. Jetzt hängt alles davon ab, ob Albert Hochleitner trotz des politischen Trommelwirbels auch die Umsetzung wagt.

Die schlimmsten Wogen nach dem Swisscom-Bauchfleck sind kaum geglättet, da steht die ÖIAG schon wieder im Zentrum einer ebenso hochbrisanten Causa. Diesmal geht es um den VA-Tech-Konzern, nach dem Siemens beide Hände ausgestreckt hat. ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis windet sich: „Uns ist kein Projekt bekannt, das in einer Zerschlagung der VA Tech enden könnte“ – eine Sache der Auslegung. Denn auf die Frage, ob ihr ein vorbereitetes Übernahmeangebot von Siemens bekannt ist, gibt die ÖIAG „keinen Kommentar“ ab.
Ein Dementi wäre auch die Unwahrheit: Natürlich weiß die Staatsholding um die Existenz eines bereits ausformulierten Papiers, das wörtlich ein „freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot“ für die VA Tech enthält. Mit fast vier Milliarden Euro Umsatz ist die VA Tech ein ähnliches Kaliber wie die Telekom Austria.

Siemens bestätigt Gespräche. Nach einer entscheidenden Sitzung bis in die Abendstunden am 1. September bestätigt Albert Hochleitner, der General von Siemens Österreich, gegenüber FORMAT „Interesse an einzelnen Sparten der VA Tech und Sondierungsgespräche dazu“. Eingebunden ist auch die ÖIAG.
Das explosive Angebot, das unter Hochleitners Ägide entstand, beinhaltet sämtliche Details der geplanten Transaktion. Als Käufer treten darin Siemens Österreich sowie die Victory auf, über die der Industrielle Mirko Kovats und der Finanzexperte Ronny Pecik schon gut 12,5 Prozent an dem Anlagebaukonzern halten. Das Offert bezieht sich ausdrücklich auf „den Kauf aller Aktien, die sich nicht im Besitz der Siemens Österreich AG oder der Victory Industriebeteiligung AG befinden“. Eine Formulierung, die beweist, dass Siemens bereits kräftig VA-Tech-Aktien gekauft hat und so den Kursanstieg der letzten Wochen auslöste.

Die Bombe sollte am 9. September platzen. Neben der ÖIAG, der 15 Prozent der VA Tech gehören, sind seit vergangener Woche auch die österreichische Übernahmekommission und Teile der Regierung über den Plan von Albert Hochleitner und der deutschen Siemens-Mutter informiert. Der Preis steht fest: Fünf Euro über dem jeweils aktuellen Kurs, bis zu einer Summe von 60 Euro ist Siemens bereit, pro VA-Tech-Aktie zu zahlen – was einem Gesamtwert von 900 Millionen entspricht. Siemens-intern war bislang vorgesehen, am 9. September die Bombe öffentlich detonieren zu lassen. Ob der heftige politische Gegenwind den Deal noch platzen lässt oder ob Siemens sogar gegen die ÖIAG anträte, verspricht spannende Tage. Hochleitner: „Eine Entscheidung über die weitere Vorgangsweise liegt nicht vor.“
FORMAT berichtete vor exakt drei Wochen exklusiv über die Siemens-Ambitionen und lag damit goldrichtig. VA-Tech-General Klaus Sernetz nahm die Berichte so ernst, dass er „ weniger wichtige Roadshows“ (Sernetz) absagte, um
in der heiklen Phase vor Ort zu sein. Management und Belegschaft sprechen sich klar gegen einen Siemens-Deal aus, weil sie eine Zerschlagung befürchten. Sernetz: „Wir haben Präventivmaßnahmen eingeleitet. Wir versuchen, alle wichtigen Ansprechpartner von unserem Konzept zu überzeugen, nämlich der Wiederauferstehung des Konzerns.“ Von der ÖIAG wurde der VA-Tech-Vorstand laut dessen eigener Aussage – wieder einmal – nicht informiert.

Kanzler und Finanzminister ziehen die Bremse. Gegner des Deals haben Informationen zur bevorstehenden Übernahme am Dienstag dieser Woche nochmals an die Medien gespielt. Die erhoffte Wirkung wurde nicht verfehlt: In der Sondersitzung des Parlaments zum gescheiterten Swisscom-Deal erteilte die Politik dem Siemens-Plan prompt eine Abfuhr. Finanzminister Karl-Heinz Grasser: „Die Regierung wird dafür sorgen, dass die VA Tech nicht zerschlagen wird.“ Kanzler Wolfgang Schüssel: „In der jetzigen Situation bin ich dafür, dass die ÖIAG an Bord bleibt und notfalls sogar bei einer Kapitalerhöhung mitzieht.“ Unmittelbar vor der Sondersitzung hatten Kanzler und Finanzminister im Büro von FPÖ-Wirtschaftssprecher Thomas Prinzhorn noch die gemeinsame Linie abgestimmt.
Was Siemens vorhat, wird offen gesagt. Hochleitner selbst nennt „die Sparten Energieübertragung und Infrastruktur“ als Objekte seines Interesses: Bei der VA Tech sind das die Bereiche T&D sowie Elin EBG. VA Tech Hydro (Energieerzeugung) und der Industrieanlagenbau (VAI) würden über kurz oder lang weiterverkauft. Albert Hochleitner stellt jedoch fest, dass ein Engagement „keineswegs zu einer Schließung von Betriebsstätten“ führe: „Es entspricht nicht unserem Selbstverständnis, Arbeitsplätze zu vernichten.“
Der Betriebsrat der VA Tech fürchtet, dass von 8.000 Jobs in Österreich – insgesamt beschäftigt der Konzern 17.000 Leute – nur 2.500 übrig bleiben könnten. Siemens überlegt daher Arbeitsplatz- und Standortgarantien. Zudem hat der VA-Tech-Vorstand im Rahmen seines Sanierungsprogrammes sowieso schon Werksschließungen angekündigt. Für den Industrieanlagenbau könnte Siemens zwei österreichische Interessenten präsentieren: den steirischen Andritz-Konzern und die A-Tec-Gruppe von Mirko Kovats. Dessen Partner Pecik räumt ein: „Damit wären wir mit einem Schlag der größte private Industriekonzern des Landes.“

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