Schwanger mit 60 - reife Frauen werden zu Müttern

Seit in Graz zwei Frauen im Alter von 58 und 61 Kinder aus fremden Eizellen bekamen, wird wieder über späte Mütter debattiert. Die Gesellschaft lehnt diese Experimente ab. Ärzte halten medizinische Hilfe bei der Fortpflanzung bis Mitte Fünfzig für vertretbar.

Diskretion war oberstes Gebot. Die beiden Patientinnen kamen zu den Untersuchungen, als in der Universitätsfrauenklinik Graz bereits Ruhe nach dem Ambulanzsturm herrschte. Sie waren, sagt Klinikchef Wolfgang Urdl, „gepflegte, gesundheitsbewußte Erscheinungen, die viel jünger sein könnten“. Und sie befanden sich in Umständen, die in ihrem Alter extrem selten auftreten und jedesmal eine breite Debatte in der Öffentlichkeit auslösen. Die beiden Steirerinnen – eine ist 58 Jahre alt, die andere 61 – waren schwanger.

Durch ihre Kleidung versuchten sie ihre körperlichen Veränderungen während der Schwangerschaft zu kaschieren, wie Spitalsmitarbeiter sich erinnern. Die Frauen wollten in der Öffentlichkeit anonym bleiben. Doch die ungewöhnlichen Geburten im November konnten sich nicht verheimlichen lassen. Offenbar führte eine Indiskretion im Grazer Krankenhaus vergangene Woche zur Schlagzeile vom „Kindersegen im Pensionsalter“ („Kurier“), denn Frauenklinikchef Urdl war kurz vor Bekanntwerden der beiden Fälle spitalsintern mit verwunderten Nachfragen konfrontiert: Ob da ein Irrtum vorliege, wollten Verwaltungsmitarbeiter wissen, nachdem ihnen die Geburtsjahrgänge der Mütter in den Unterlagen aufgefallen waren.

Zu Jahresbeginn 2002 hatten sich die Frauen in römischen Reproduktionskliniken befruchtete Spendereizellen einsetzen lassen, eine Technik, die in Österreich verboten ist. In einem Fall konnte der Samen des Lebenspartners verwendet werden, im anderen eine anonyme Samenspende. Dieses Kind wird also mit seinen Eltern streng genommen nicht verwandt sein.

Rekordmutter
„Es ist ein Damm gebrochen“, war der erste Gedanke von Wolfgang Urdl, als die beiden Frauen kurz nacheinander im letzten Drittel ihrer Schwangerschaft die Grazer Klinik konsultierten. Der Gynäkologe hatte den spektakulären Fall Rosanna Della Corte aus dem Jahr 1994 stets für ein einigermaßen einzigartiges Phänomen gehalten. Damals hatte sich die 62jährige Italienerin in die Obhut des umstrittenen italienischen Reproduktionsmediziner Severino Antinori begeben. Der hatte ihr eine fremde, mit dem Samen des Ehemanns befruchtete Eizelle eingesetzt und neun Monate später unter großem medialen Getöse die Geburt Riccardos gefeiert; prompt fanden Arzt und Patientin Eingang ins Guinness-Buch der Rekorde. „Daß das nun auch uns treffen wird“, sagt Urdl, „hätte ich mir nicht gedacht.“
Bemerkenswert an den beiden Spätschwangerschaften in der Steiermark ist nämlich: Die beiden Frauen handel-ten unabhängig voneinander, was ihre Schwangerschaften wie eine plötzliche Häufung solcher Fälle erscheinen läßt. Nur eines einte sie, wie Urdl sagt: „Ein übermächtiger Kinderwunsch, der in Österreich nicht erfüllt werden kann.“ Also wandten sich die beiden an ausländische Reproduktionskliniken. Urdl: „Wer unbedingt ein Kind will, ist perfekt darüber informiert, welche Möglichkeiten es wo gibt.“ Eine der beiden akademisch ausgebildeten Frauen hatte bereits mehrere Versuche, mit Hilfe medizinischer Technik schwanger zu werden, hinter sich. Sie wandte sich, bevor es in Rom klappte, an einschlägige Institute in Kanada und Kalifornien. Die andere hat bereits ein Kind, das heute etwa 30 Jahre alt ist; in ihr keimte der späte Wunsch nach weiterem Nachwuchs durch

Autoren: Gottfried Derka, Klaus Kamolz

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