Schüssels Triumph

Die Stunde des Siegers: Klarer als in allen Umfragen prognostiziert, fiel der Triumph von Wolfgang Schüssel aus; die anderen blieben weit hinter ihren Erwartungen. FORMAT analysiert die Gründe für den Erdrutschsieg. Neue Regierung: Dank einer komfortablen Mehrheit kann die ÖVP bei Verhandlungen mit SP und FP hoch pokern. Schon jetzt kündigen aber die meisten Signale eine schwarz-rote Koalition an.

Sonntag, 24. November 2002. Um 17 Uhr ist der bislang größte Wahlsieg in der Zweiten Republik endgültig Gewißheit. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel betritt um 16.50 Uhr die ÖVP-Parteizentrale, fährt in den dritten Stock und setzt sich gemeinsam mit seinen engsten Vertrauten vor den Fernseher – und jubelt. Landwirtschaftsminister Willi Molterer, Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer und Klubobmann Andreas Khol leisten dem ÖVP-Chef Gesellschaft. Vom Festzelt vor dem Parteigebäude dringt ohrenbetäubender Lärm nach oben.

Es beginnt ein denkwürdiger politischer Abend mit einem schwarzen Wählerzuwachs, den es in dieser Dimension noch nie gegeben hat. Die ÖVP erreicht 42,3 Prozent der Stimmen, die SPÖ kommt auf 36,8 Prozent. Dahinter FPÖ (10,2 Prozent) und die Grünen (8,9 Prozent). Wahlsieger Wolfgang Schüssel verfügt – zumindest theoretisch – über drei Koalitionsoptionen.

Politischer Erdrutsch
Ein Erdrutsch, der sich am Wahltag schon bald abgezeichnet hatte. Als am Sonntag gegen 13 Uhr in der schwarzen Parteizentrale in der Wiener Lichtenfelsgasse die ersten Ergebnisse aus entlegenen Kleingemeinden eintrudelten, verwandelte sich die nervös-gereizte Stimmung mit einemmal in nahezu grenzelose Euphorie. In Oberösterreich zerbröselte die FPÖ, die Sozialdemokraten konnten nur wenig zulegen. Selbst in SP-Hochburgen gab es für Alfred Gusenbauer nichts zu holen. Nur ein Beispiel: Bauernbundpräsident Fritz Grillitsch erzielte in der steirischen Arbeitermetropole Judenburg ein Direktmandat für den Nationalrat. „Es geht sich“, trommelte der Schüssel-Vertraute Michael Strugl schon am frühen Nachmittag, „für einen Sieg aus. Hundertprozentig.“

Wenig später die ersten Details. Im Burgenland überholt die VP um 15 Uhr die SP, ein Plus von fast elf Prozent. Kurz danach meldet die Austria Presse Agentur in nüchternem Ton: „Erdrutschsieg für ÖVP scheint möglich.“ Ähnliche Trends in den anderen Bundesländern. Massive Gewinne für Schüssel, ein leichtes Plus für Gusenbauer, enttäuschende Grüne und eine völlig demolierte FP. Als die Hochrechner des Instituts Sora zu dieser Zeit auf Basis von neun Prozent der ausgezählten Stimmen, einen schwarzen Stimmenanteil von 45 Prozent konstatieren, brechen in der Parteizentrale alle Dämme. Wahlkampfmanager Reinhold Lopatka: „Wir haben bis zuletzt keine Fehler gemacht. Wenn es läuft, dann läuft es eben bis zum Schluß.“

Rekordsieger Schüssel
Klubchef Andreas Khol: „Der Wahlkampf war perfekt.“ Innenminister Ernst Strasser ergänzt: „Wir hatten den besten Leader, eine klare Linie, Karl-Heinz Grasser und einen motivierten Kader.“ Wahlhelfer Grasser, Ex-FPÖ-Finanzminister, via Internet: „Ich gratuliere aufrichtig.“

Die hauseigenen Hochrechner und Meinungsforscher hatten schon zuvor angekündigt, daß ein möglicher ÖVP-Sieg bereits in den frühen Nachmittagsstunden feststehen könnte. Und sie lagen richtig. Um 15.29 Uhr publiziert die ansonsten nicht zu Superlativen neigende APA ein Schüssel-Porträt. Titel: „Wolfgang Schüssel führt die ÖVP zu Sensationssieg.“

Während die SPÖ noch 1999 einen Respektabstand von 6,2 Prozent vor der bürgerlichen Konkurrenz ins Ziel brachte, schrumpfte die Differenz zwischen den beiden Großparteien zuletzt im Tagesrhythmus. Im Wahlkampffinale hatten viele Meinungsforschungsinstitute die Kanzlerpartei schon vorn. Die überbordende Begeisterung im Wahlkampfzelt der Schwarzen ist durchaus nachvollziehbar, was ein Blick auf die nackten Zahlen belegt. Die ÖVP erreichte einen Rekordzuwachs von 16,4 Prozentpunkten. Erstmals seit 36 Jahren verdrängte die Volkspartei die Sozialdemokraten vom ersten Podestplatz. Noch nie zuvor war es einer Partei gelungen, ähnlich erdrutschartig zuzulegen. Bisheriger Rekordhalter war Jörg Haider gewesen. Der Freiheitliche verzeichnete 1990, auf dem Höhepunkt seines Aufstiegs, einen Stimmenzugewinn von plus 6,9 auf 16, 6 Prozentpunkte.

Politlandschaft Neu
Auch diesmal hatte der Mann aus dem Bärental seine Hände im Spiel. Weil der FPÖ nach einem monatelangen vor versammelter Öffentlichkeit ausgetragenen Psychodrama fast zwei Drittel der Wähler – offensichtlich vor allem zur ÖVP – davonlief, wurde die politische Landschaft völlig neu geordnet. Nicht mehr drei Mittelparteien wie 1999, sondern zwei Großparteien und zwei Kleinparteien prägen nun bis auf weiteres die Innenpolitik.

„Ein Erdrutsch“, urteilt der Politologe Fritz Plasser, „wie es ihn noch nie gegeben hat.“ Ähnlich Peter Ulram, vom ÖVP-nahen Fessel-GfK-Institut. „Zu zwei Wählern“, so der Politologe, „ist einer dazugekommen.“ Ulram gesteht, daß interne VP-Umfragen schon in der Vorwoche einen Erdrutschsieg prophezeit hatten. Ulram: „Da ist die VP drei bis sechs Prozent vorn gelegen.“ Die SPÖ, so Plasser, habe zwar von den Grünen gewonnen, jedoch auch deutlich an die schwarze Kanzlerpartei Stimmen abgeben müssen.

Autoren: Klaus Dutzler, Bernhard Salomon, Barbara Tóth, Klaus Zellhofer

Die ganze Story lesen Sie im neuen FORMAT-Wahl-Extra.

Außerdem:

  • Die Mandatsverteilung im Parlament
  • Die Ergebnisse in Prozent
  • Schüssel: Solo für einen Cellisten
  • Den Triumph brachten die Provinzfürsten
  • Grasser "Das größte politische Wunder"
  • Die Stunde der Sieger
  • "Gusis" rotes Debakel

Digital

Optimale Ressourcenplanung mittels intelligenter Projektmanagement-Tools

Digital

Wie Business Process Management Compliance-Richtlinien und Teamwork transparenter macht

Digital

Die Digitalisierung der Customer Journey ist für moderne Unternehmen unerlässlich