Russlands Comeback als Weltmacht

Russland ist dank gigantischen Rohstoffreichtums zurück in der Weltarena. Putin-Nachfolger Medwedew tritt Sonntag ein schweres Erbe an.

Für russische Ohren klingt der Name Med­wedew verheißungsvoll, leitet er sich doch von Medwed – Bär – ab, und der steht als Wahrzeichen des russischen Mannes für Kraftanstrengungen, Unberechenbarkeit und, ja, auch Faulheitsphasen. Als bärenstark kann man Dmitri Medwedew zwar nicht bezeichnen, doch es besteht kein Zweifel, dass der klein gewachsene 42-jährige Vizepremier und Aufsichtsratschef des weltweit größten Energieunternehmens Gazprom am 2. März vom russischen Volk zum Nachfolger Wladimir Putins, 55, ernannt wird. Als mächtigstes Oberhaupt Russlands wird der gelernte Jurist und Vertraute Putins, der als liberal und weltoffen gilt, einen Staat übernehmen, der sich seit Ende des Kalten Krieges in den 90er-Jahren vom armen Schlucker zu einem der einfluss­reichsten und mächtigsten Rohstoffexporteure gemausert hat. Auch die einseitige Abhängigkeit vom Westen ist Ge­schichte, dafür hat Zar Wladimir zusammen mit Energiegigant Gazprom gesorgt.

Russlands Weltmachtansprüche basieren nämlich nicht mehr auf militärischer Stärke, schreibt Alexander Rahr, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik, in seinem Buch „Russland gibt Gas“, sondern auf der Abhängigkeit rohstoffhungriger Länder. Mit Gazprom, dem mehrheitlich staatlichen russischen Exportmonopolisten, hat der Kreml ein Werkzeug geschaffen, das 17 Prozent der weltweit gewinnbaren Gasvorkommen besitzt und bereits ein Drittel des westeuropäischen Gasbedarfs bedient. Dazu kommen 60 Prozent Reserven, die in den unwirtlichen Weiten der ostsibirischen Tundra und Taiga auf Förderung warten.

Die Erfolgsgeschichte von Gazprom, die auch in Öl schwimmt, ist vor allem auf die hohen Energie- und Rohstoff­preise zurückzuführen. Allein der Ölpreis legte in den vergangenen vier Jahren von 30 Dollar auf derzeit etwa hundert Dollar je Barrel zu. Der Gaspreis folgt ihm traditionell auf dem Fuße. „In den nächsten zehn bis 15 Jahren wird die Nachfrage nach Gas um 50 Prozent steigen, die russischen Exporte werden sich verdoppeln. Zudem will Gazprom die Preise in den kommenden vier Jahre an westliches Niveau angleichen“, prognostiziert Chris Weafer, Chefstratege der Investmentbank Uralsib.
Mithilfe des weltweit steigenden Bedarfs an Energie konnte sich so das flächengrößte Land der Welt sanieren. Sind doch die Energielieferungen ins Ausland für 60 Prozent der russischen Exporteinnahmen, 16 Prozent des BIP und 52 Prozent des Budgets verantwortlich. Dem ausgeklügelten Versorgernetz von Gazprom sollen zudem weitere Pipelines folgen, die sich wie Tentakeln nach Europa schlängeln und so die hungrigen Haushalte speisen. Die gegenseitige Abhängigkeit sollte Vertrauen schaffen – schließlich können die Europäer nicht ohne russisches Gas, Russland braucht wiederum seine Kundschaft zum Überleben. ussland hat sich nicht nur mit Roh­stoffexporten seinen Weltmachtstatus zu­rückgeholt. Die wirtschaftliche Stellung des Landes hat sich durch den Einkauf steinreicher Oligarchen (siehe Kasten rechts) in westliche Unternehmen zunehmend gebessert. Oleg Deripaska besitzt über seine Kapitalgesellschaft Basic Element 25 Prozent an der Strabag, zehn Prozent an der deutschen Hochtief und hat sich auch bei Magna eingekauft. Für den künftigen Präsidenten Medwedew ist Deripaska ein Vorzeigekandidat. Erst kürzlich forderte der Kreml­favorit russische Unternehmen dazu auf, sich verstärkt in aus­ländische Konzerne einzukaufen: „Dies erlaubt es, unsere Unternehmen technisch zu modernisieren, ihre Produktivität zu steigern und neue Märkte zu erschließen.“

Die neu gewonnene Stabilität und das zurückgegebene Selbstvertrauen verdanken die Russen Wladimir Putin, der acht Jahre die Geschicke der nun elftgrößten Volkswirtschaft der Welt lenkte. Teilweise mit Methoden, klagt die kärgliche Opposition, die an die KGB-Ära erinnern. Doch trotz Einschränkung der Pressefreiheit und fehlender Rechtsstaatlichkeit sind 70 Prozent der Russen mit Putin zufrieden. Auch die Zahlen geben Putins restriktiver Politik Recht, denn wirtschaftlich gesehen geht es Russland so gut wie schon lange nicht mehr. 2007 wuchs die Wirtschaft um mehr als acht Prozent, im Vierjahresdurchschnitt liegt Russland nach China und Indien mit einem Wachstum von 7,1 Prozent an dritter Stelle. Peter Havlik, wiiw-Osteuropa-Spezialist: „Weitere treibende Kräfte sind der private Konsum, der 2007 um 13,1 Prozent stieg, und die stark wachsenden Investitionen.“
Putin übergibt seinem Nachfolger also ein Land, das bis auf die Inflation, die 2008 bei zehn Prozent liegt, auf wirtschaftlich fundierten Beinen steht. „Nur die Korruption habe ich nicht in den Griff bekommen“, sagt Putin. Besonders in diesem Feld will Medwedew jedoch punkten, ebenso wichtig sind auch Themen wie Bildung und der Ausbau der Infrastruktur – Aufgaben, die er bislang als Vizepremier nicht lösen konnte. Zudem möchte der Präsident in spe den Staat aus den Aufsichtsräten der Unternehmen heraushalten – etwas verwunderlich, da der Kronprinz selbst sechs Jahre als Aufsichtsratschef der Gazprom den Aufstieg Russlands gemeinsam mit Putin entscheidend mitgestaltete. Auch warten im Kreml einfluss­reiche Fraktionen, die von den liberalen Ansichten Medwedews nicht begeistert sind. Dazu kommt noch der Kosovo-Konflikt, bei dem Russland Serbien unterstützt und sich mit der EU anlegen wird.

Für Dmitri Medwedew wird es schwer. Denn Präsident zu werden ist noch die einfachste Übung an seiner neuen Aufgabe. Dafür sorgt der Putin-Bonus. Problematischer wird da schon die geplante Macht­teilung mit seinem Ziehvater, der als neuer Regierungschef mit Staatsoberhaupt Medwedew regieren will. „In Russland ist die Macht ganz auf den Präsidenten abgestellt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie dieses Tandem Medwedew/Putin funktionieren soll“, sagt Georg Dox, ORF-Korrespondent in Moskau und plädiert in seinem Buch „Kampf im Kreml“ für die Öffnung des Landes: „Russland muss demokratischer werden, nur so wird sich das Land modernisieren können.“ Unter dem bisherigen Präsidenten war das jedoch nicht möglich. Befürchtungen, dass Medwedew nur eine Marionette in Putins Händen ist, zerstreut Dox. „In diesen politischen Höhen gibt es keine schwachen Leute. Medwedew ist hervorragend ausgebildet und kennt als ehemaliger Chef des Präsidentenapparats die Machtverhältnisse des Kreml.“
Ob der 42-Jährige seinem russischen Namen gerecht wird, zeigt sich erst, wenn er am 2. März an die Macht gelangt und diese zum ersten Mal voll auskosten kann – entweder als schlagkräftiger Politiker, der auch Krallen zeigt, oder als Tanzbär Putins, der nach der Pfeife seines Herrn springt.

Von Ingrid Krawarik, Hubert Kickinger

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