Roche und die Fick und Fotzi Literatur

Die bösen Schwestern von Heidi Klum propagieren selbstbewusst ein neues Körpergefühl und landen damit Bestseller. Pure Provokation? Ein alter Hut? Oder trendiger Feminismus?

Einmal im Jahr ist es so weit. Dann wird ein Buch aus dem Pool von rund 80.000 Neuerscheinungen scheinbar aus dem Nichts zum Selbstläufer und rangiert wochenlang in den Bestsellerlisten. Wen es trifft, lässt sich schwer prophezeien, auf „Feuchtgebiete“, das literarische Debüt von Charlotte Roche, hätten in der aktuellen Saison wohl allerdings die Wenigsten getippt. Natürlich, das Medienmultitalent aus Köln weiß, wie fernseh­gerechte Selbstinszenierung auszusehen hat. Lange genug hat sie für die Musiksender Viva 2 und Viva glaubwürdige Video­clips von glaubwürdigen Bands anmoderiert und sich dabei einen Ruf als intelligente, schlagfertige Popexpertin erarbeitet. Sie plapperte sich auch durch Talkshows, kassierte den Grimme-Preis und versuchte sich als Schauspielerin („Eden“). Nur, das macht noch keine fast 500.000 verkauften Exemplare in knapp drei Monaten. Noch dazu von einem Roman, auf dessen literarische Schwächen sich letztlich alle irgendwie einigen können. Widersprüchlichkeiten begleiten einen durch die Lektüre, und auch die Handlung steht eher auf wackeligen Beinchen. Dass das Œuvre dann auch noch vom Verlag Kiepenhauer & Witsch im Skriptzustand als „pornografisch“ abgelehnt wurde, scheint einen zusätzlichen Kaufreiz zu bieten.

Ekeltraining. Die 30-Jährige hat also mit „Feuchtgebiete“ nicht das beste Buch geschrieben, ist es dann aber wenigstens das richtige? Es wird diskutiert, es polarisiert und ist in gehörigem Maße berechnend provokativ. „Das Mädchen in meinem Buch hat viel von mir“, relativiert Roche. „Es geht um die Erforschung meiner Peinlichkeit und Schamgrenzen.“ Dass sich ihr Buch durchaus aber auch als Wichsvorlage eignet – auch das hat die Autorin von Anfang an klargestellt. „Ich fände es super, wenn es auch Frauen dafür benutzen würden.“ Und das ist gar nicht so einfach. Denn die Protagonistin des Romans, die 18-jährige Scheidungswaise Helen, liegt mit einer Analfissur auf der proktologischen Abteilung. Rasurunfall. Es hätte aber auch jeder andere Grund sein können, denn die junge Dame lässt – wie man erfährt – gerne mal Duschköpfe, Avocadokerne und Grillzangen im Körperinneren verschwinden. Körpersäfte und Sekrete üben große Faszination auf das Mädel aus, es verspeist auch gerne „Augendreck“ und labt sich bei Höhlenforschungen gerne am eigenen Smegma. Scheidensaft wird zudem als Pheromonfalle hinters Ohr getupft, gemeinsam mit dem Bekenntnis zu einer eher liberalen Auffassung von Intimhygiene reicht dies aus, um medial die „dritte feministische Welle“ auszurufen. Wider das Rasurdiktat der Schönheits­industrie. Es lebe die Geruchssubversion und die Sabotage der Hygieneindustrie.

Feministischer Bastelkasten. Ein neues Körperbewusstsein wolle sie stärken, betont die Autorin zu ihrem erklärten Nicht-Ästhetizismus. Gern referiert die Mutter einer sechsjährigen Tochter dazu über die vielen Frauen, die „dankbar sind, dass man mal darüber redet, wie anstrengend es eigentlich ist, seinen Körper andauernd zu enthaaren“. Dass ihre Tochter dereinst einmal dieses Buch liest, möchte der schlagfertige Medienprofi dann aber lieber doch nicht. Die Freude, mit der Roche ihre junge Heldin über Körperöffnungen, Sekrete und Masturbationsmethoden referieren lässt, mag vielleicht auf den ersten Blick offensiv und schockierend wirken, neu ist dieser Zugang, weibliche Körperlichkeit artifi­ziell zu thematisieren, aber keineswegs. Er wurde lediglich aus (post)feministischen Versatzstücken zusammengezimmert und ins eigene Weltbild integriert. „Es ist ein Zeitphänomen, dass man solche Themen wieder aufgreift, da der klassische Feminismus abgeschlossen scheint“, kommentiert etwa die österreichische Medien-künstlerin VALIE EX­PORT den plötzlich ausgebrochenen Hype um den neuen chicen Feminismus. „Bücher dieser Art greifen bloß auf Begrifflichkeiten zurück, die bereits in den 70er-Jahren verhandelt wurden.“ Sie sähe diese Literatur keineswegs in Nachfolge zu ihrer Arbeit, da sie in keinem künstlerischen Kontext stehe, distanziert sie sich, die sich bereits vor 40 Jahren intensiv mit dem weiblichen Körper auseinandergesetzt hat, von dieser Töchtergeneration.

Sex sells. Mit diesem Feminismus ohne theoretische Basis lässt es sich momentan aber recht gut am Buchmarkt reüssieren. Nach Charlotte Roche hat etwa auch die Berliner Autorin Mia Ming (Pseudonym) mit ihrem Nah­kampfforschungs-Debüt „Schlech­­­ter Sex“ (Schwarzkopf & Schwarz­kopf) einen Bestseller gelandet. Auch sie nimmt sich nicht wirklich ein Blatt vor den Mund und versammelt in ihrem schlüpf­rigen Opus 33 sexkatastrophale Erlebnis­berichte von Frauen. Das liest man gerne, „auch der Mann, der wissen will, wie er es besser machen kann“, so die Autorin. Kein Wunder, dass eine Fortsetzung be­reits fix geplant ist. Dann aber mit umgekehrter Ausgangslage, so viel demokratische Abwechslung muss sein. Die Münchnerin Ariadne von Schirach zeigte bereits im vorigen Jahr mit ihrem Roman „Der Tanz um die Lust“ (Goldmann) medienwirksam, wie Pornochic und Feminismus ihrer Meinung nach literarisch zusammenkommen können.
Die jungen Autorinnen mögen dabei in puncto Themenauswahl das Rad nicht neu erfunden haben und die Geschichte des Feminismus und seiner künstlerischen Ausprägungen (von EXPORT über Annie Sprinkle bis zu den „Vagina-Monologen“) vielleicht nicht ganz intus haben, eine neue Facette haben sie der Auseinandersetzung aber hinzugefügt: eine unakademische Sprache. Eine harte, explizite Sprache, die Geschlechtsteile bei ihren Namen nennt und nicht lang herumdrückt, für den Main­stream aufbereitet. Knieweiche Metaphern für den Fortpflanzungsvorgang ohne Zeu­gungsabsicht braucht es nicht mehr. Wer Lust will, muss ficken schreiben. Das bedeutet in diesem Kontext allerdings auch eine gehörige Umdeutung der Begrifflichkeiten auf der Sprachebene. Denn dort, wo in Klassikern der Frauentexte wie etwa Virginie Despentes’ „Baise Moi“ oder Eve Enslers „Vagina-Mo­nologen“ explizites Vokabular verwendet wird, dient dies hauptsächlich dazu, die Ge­walt an und gegen die Frau zu unterstreichen.

Vagina-Style. Bei Roche & Co ist es ei­ne durchaus wichtige Demonstration des weiblichen Selbstbewusstseins. Bisher ne­gativ Konnotiertes wird ins Positive umgekehrt. Eine Strategie, die von der 27-jährigen Deutschtürkin Reyhan Sahin alias Lady Bitch seit gut zwei Jahren aufs Äußerste ausgereizt wird. In körperbetontem Eigendesign rappt die studierte Sprachwissenschaftlerin, die sich als Hure und Schlampe stilisiert, über „Fotzen“, „Flittchen“ und „Schwänze“ aller Größen. Sie nennt es „Vagina-Style“ und lässt so die Grenzen zwischen Hip­-Hop-Satire und ernst ­gemeintem Role-Modeling für ein selbst­­bestimmtes Frauenbild verschwimmen. Dass die einkalkulierten Provokationen oft einfach auch nur ins Leere gehen, ist ein Kol­lateralschaden, den die neuen Power-Ladys in Kauf nehmen müssen. Kritik inklusive. Wenn etwa die strikte Pornogegnerin Alice Schwarzer die theoretischen Verrenkungen ihrer dichtenden Schwestern als „Wellness-Feminismus“ umschreibt. „Es interessiert mich auch ehrlich gesagt sehr wenig, was Frau Roche zuhause im Bett macht, darum geht’s nicht. Das ist ein Jahrhundertmissverständnis.“ Die Säulenheilige der deutschen Frauenbewegung eckt ihrerseits beim Nachwuchs an und gilt bei den sogenannten neuen Alphamädchen als prüde, von gestern und: lustfeindlich.

­ Von Manfred Gram

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