Renaissance im Kraftwerksbau

In Österreich wurden in den letzten Jahren wenig große Kraftwerke gebaut. Jetzt sind Projekte in Höhe von 5,7 Milliarden Euro in der Pipeline. Welche Gefahren dennoch drohen.

Bundeskanzler Alfred Gusenbauer hat es getan, Landeshauptmann Erwin Pröll hat mitgemacht, und auch Richard Lugner ist mit gutem Beispiel vorangegangen. Sie und Tausende andere Menschen sind am 8. Dezember um acht Uhr abends der Aufforderung der Umweltorganisationen Greenpeace und Global 2000 gefolgt und haben den Strom für fünf Minuten abgeschaltet. Dass dieses löbliche Signal tatsächlich in Hinkunft einen mäßigeren Einsatz von Strom bewirken wird, ist aber nicht zu erwarten.

Der Stromverbrauch in Europa steigt seit langem im Schnitt um 2,2 Prozent pro Jahr. Eine Trendumkehr gilt alleine aufgrund des steigenden Wohlstands und der Zunahme von Singlehaushalten als unwahrscheinlich. Die Energieversorger arbeiten deshalb bereits fieberhaft daran, die Versorgungssicherheit auch in den kommenden Jahren zu gewährleisten.

Wenn nämlich hierzulande nicht deutlich mehr Energie erzeugt wird als bisher, droht zum einen öfter ein Stromcrash wie im November 2006, als in vielen Teilen Europas für ein paar Stunden das Licht ausging. Zum anderen drohen höhere Strompreise. Denn im Worst-Case-Szenario muss Österreich 2020 bereits knapp die Hälfte des Stroms importieren (siehe Grafik Seite 77). Bisher sind es zehn Prozent. Und dann würde zwangsläufig auch der Preis importiert werden. Der liegt im EU-Schnitt deutlich über dem österreichischen Niveau (siehe Grafik Seite 76).

„In Deutschland beispielsweise ist der Strompreis um rund 20 Prozent höher als bei uns“, erklärt Burghart Hofer, Vorstandschef des niederösterreichischen Energieversorgers EVN. Wird Deutschland, einer der Hauptstromlieferanten Österreichs, wie geplant 2020 aus der Kernkraft aussteigen (sie deckt heute 30 Prozent des Energiebedarfs), drohen trotz zusätzlicher Erzeugerquellen teurere Stromtarife. Schon jetzt haben 318 deutsche Versorger für Anfang 2008 angekündigt, die Energiepreise im Schnitt um sechs Prozent anzuheben.

In Österreich lag der Preisanstieg in den vergangenen acht Jahren in Summe bei 7,3 Prozent – und damit klar unter der Inflationsrate. 2006 und 2007 gab es jedoch schon kräftige Bewegungen nach oben.

Investitionen von 5,7 Milliarden Euro bis 2015 geplant. Österreich hat die Liberalisierung des Strommarktes und damit die Öffnung des Marktes für mehr Wettbewerb bereits im Jahr 2001 umgesetzt. Verpflichtend ist sie jedoch für alle EU-Mitgliedsstaaten erst seit 2007. Auch eine Regulierungsbehörde, die darauf achtet, dass die Kosten für die Stromleitungen zu fairen Preisen an den Konsumenten weitergegeben werden, wie es hierzulande die E-Control macht, gibt es in vielen Ländern erst seit kurzem.

In Österreich ist der oberste Preiswächter schon seit der Liberalisierung im Einsatz, mit durchaus positiven Effekten: Der Strompreis ist in den vergangenen Jahren im Vergleich zu den anderen EU-Ländern wesentlich weniger stark angestiegen. „Und das, obwohl die Abgaben, vor allem durch die Ökostromabgabe, um rund ein Viertel in die Höhe gegangen sind“, erklärt Walter Boltz, Geschäftsführer der E-Control.

Langfristig betrachtet ist dennoch längst nicht alles eitel Wonne am heimischen Energiemarkt: In den vergangenen Jahren wurden kaum neue Großkraftwerke gebaut. Der Bedarf an Investitionen ist enorm: Insgesamt sollen 5,7 Milliarden Euro in neue Kapazitäten fließen. Die E-Wirtschaft setzt unter anderem auf große Gaskraftwerke und Wasserkraft. Leo Windtner, Präsident des Verbandes der Elektrizitätsunternehmen Österreichs (VEO): „Die wichtigste Rolle wird aber auch in Zukunft die Wasserkraft spielen“ (siehe auch Interview im neuen FORMAT). „Das Geld, auch Riesenprojekte umzusetzen, ist vorhanden“, so E-Control-Chef Boltz. So verdiente alleine der Verbund, der größte heimische Energieerzeuger, zuletzt rund eine Milliarde Euro. Auch andere Versorger sitzen auf hohen Cash-Reserven.

Doch die Investitionstätigkeit kommt nur langsam in Schwung. Als Bremsklotz gelten langwierige Genehmigungsverfahren. „Im besten Fall sind es bis zur Inbetriebnahme eines Kraftwerkes sieben Jahre, realistisch sind zwölf“, erklärt VEO-Präsident Windtner. Von der Einreichung bis zur Inbetriebnahme sind etliche Verfahrensschritte zu erfüllen. Ein Hauptproblem: „Derzeit kann jeder Bürger in jeder Phase des Genehmigungsverfahrens Einspruch erheben. So etwas gibt es selbst bei Gericht nicht“, kritisiert E-Kontrollor Boltz. Die E-Wirtschaft fordert daher von der Politik, die Verfahrensschritte erheblich zu straffen und mögliche Einsprüche auf eine Zeitspanne von ein bis zwei Jahren zu beschränken.

Auch der Ausbau alternativer Energieträger kann das Problem steigenden Verbrauchs nicht lösen.

Trotz der Schwierigkeiten, mit denen die Energieproduzenten konfrontiert sind, sieht Boltz langfristig keine ernsthafte Bedrohung der Versorgungssicherheit: „Wenn alle Projekte, die bereits eingereicht oder in der Umsetzungsphase sind, realisiert werden, können wir den Strombedarf auch im Jahr 2020 decken.“ Derzeit sind bis zum Jahr 2016 exakt 116 Projekte in Planung oder Bau. „Ein Szenario, wonach bis zu 50 Prozent des Stroms importiert werden müssen, ist zwar nicht auszuschließen, aber nicht wahrscheinlich“, so Boltz (siehe Grafik rechts). Ob auch die Preise halbwegs leistbar bleiben, wagt derzeit niemand zu prognostizieren. Einer der bereits heute größten Preistreiber sind die Teuerungen bei den Brennstoffen. „Der Kostenanteil für Brennstoffe liegt etwa bei der Erzeugung von thermischer Wärme bei 60 Prozent“, so Boltz. Die Preise für Rohstoffe dürften auch in den nächsten Jahren steigen, was sich auf Stromtarife auswirkt.

Aber es gibt auch nach der Liberalisierung und den damit verbundenen Rationalisierungen in den Unternehmen noch Einsparungspotenzial. „Die Zusammenarbeit von Produzenten wie dem Verbund und einigen Verteiler-Unternehmen ist in einzelnen Bereichen äußerst sinnvoll“, so EVN-Boss Hofer.

Als größter Hoffnungsträger in puncto Kooperationen gilt in der Branche Michael Pistauer, der neue Verbundchef. „Wenn wir im Ausland gemeinsam Anlagen errichten, hätten wir bessere Chancen, gegen den internationalen Wettbewerb zu bestehen“, so Hofer. Auch in Österreich bieten sich Synergiemöglichkeiten. Hofer: „Der Verbund will in die Windenergie einsteigen, wir sind dort bereits tätig.“

Preisdifferenz von bis zu 220 Euro pro Jahr. Vom Bemühen der Versorger um konkurrenzfähigen Strom können auch private Haushalte profitieren – auch wenn sie bisher nur in geringem Ausmaß davon Gebrauch gemacht haben. Boltz: „Bisher haben nur fünf Prozent den Anbieter gewechselt.“ Allerdings kann sich ein Wechsel des Stromlieferanten wirklich bezahlt machen. Laut Tarifkalkulator der E-Control verlangt der teuerste Stromanbieter derzeit für die inneren Bezirke Wiens bei einem Verbrauch von jährlich 3.500 kWh 757,1 Euro. Der Verbund als günstigster Anbieter stellt nur 536,83 Euro in Rechnung. Die Sorge, dass ein Anbieter unseriös ist, besteht laut E-Control nicht: „Alle gehören mehrheitlich der öffentlichen Hand.“ Wer nach einem Wechsel mehr zahlt als vorher, kann meist binnen sechs Wochen kündigen und zurück zum gewohnten Anbieter gehen oder einen anderen testen.

– Anneliese Proissl

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