Pragmatisches Handeln statt sturer Zinserhöhungen

„Das Drehen an der Zinsschraube wirkt beim aktuellen Preisanstieg nur sehr beschränkt.“

Außergewöhnliche Entwicklungen der letzten Zeit, wie etwa der unerwartete Energiepreisschock, können und dürfen nicht mit dogmatischen Reaktionen pariert werden. So bezweifle ich etwa, dass sture Zinserhöhungen die richtige Antwort auf die aktuellen hohen Inflationsraten in der Weltwirtschaft sein können. Vielmehr ist jetzt pragmatisches Handeln gefordert. Nur so kann ein Ausgleich zwischen Infla­tionsbekämpfung auf der einen Seite und Rücksicht auf die Konjunkturentwicklung stattfinden. ­Diese ausgewogene Handlungsweise könnte längerfristig mehr Vertrauen in die Fähigkeit der Notenbank und auch in die Währungsunion als Ganzes schaffen. Es steht außer Frage, dass die Inflationsrate im Euroraum den höchsten Wert seit Bestehen der Europäischen Zentralbank erreicht hat. Im Juni haben wir vier Prozent Inflation erreicht. Eine Leitzinsanhebung von 25 Basispunkten im Juli kann aber keinen unmittelbaren Einfluss auf die Inflationsentwicklung
im Euroraum nehmen – insbesondere da das Geld zwischen den Banken ohnehin zu höheren Sätzen von zirka fünf Prozent gehandelt wird. Die Notenbank versucht mit diesem erwarte­-ten Schritt wohl eher, die Preiserwartungen zu dämpfen. Das wieder­um soll verhindern, dass der Ölpreisschock zu hohen Lohnforderungen oder übereilten Kostenüberwälzungen führt, denn das brächte unweigerlich weiter erhöhte Inflationsraten.

Alle Analysten und Experten sind sich einig, dass die Infla­tion derzeit von Energie- und Nahrungsmittelpreisen getrieben ist. Durch ein Drehen an der Zinsschraube kann die EZB nur sehr beschränkt in Preisentwicklungen in diesem Bereich eingreifen. Deshalb nochmals: Eine außergewöhnliche Situation fordert pragmatisches Handeln. Es kann durchaus Sinn machen, für einen begrenzten Zeitraum eine über den Zielwert von drei Prozent hinausgehende Inflation in Kauf zu nehmen. Neben der langfristigen Sicherung der Preisstabilität muss es wohl in der jetzigen Situation auch das Ziel sein, weder die Konjunktur abzuwürgen noch die Wirtschaft mit höheren Zinsen zu belasten.

Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und Leiter des Wirtschaftspolitischen Zentrums in Wien.

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