„Politiker lieben Supermärkte“

Julius Meinl V. über Immobiliengeschäfte im Osten, die Pläne mit Airports und Coffeeshops und seine britische Staatsbürgerschaft.

Format: Herr Meinl, die Milliardäre Warren Buffett und Bill Gates widmen jetzt große Teile ihrer Vermögen karitativen Zwecken. Was sagen Sie dazu?
Meinl: Ich orientiere mich an den eingehenden Spendenaufforderungen für bestimmte Projekte. In Kontinentaleuropa mangelt es an Spendenkultur. Im angelsächsischen Raum hat der Staat weniger Aufgaben, sodass sich der Einzelne eher aufgerufen fühlt. Bei uns fehlen auch die Steuervorteile. Wir leben nun einmal in einer rational denkenden Wirtschaftsgesellschaft, und solange die Politik Spenden nicht fördert, wird es sie nicht in größerem Umfang geben.
Format: Ihre Ost-Immobilien-Gesellschaft Meinl European Land wächst sehr schnell. Erst 2002 an der Börse eingeführt, soll ihr Immobilienvermögen in drei Jahren bei sieben Milliarden Euro liegen. Hat Sie das Tempo selbst überrascht?
Meinl: Unsere Erwartungen lagen wesentlich niedriger. Grund sind unter anderem die Ölpreissteigerungen, die Russland von einem Land, das über den Pariser Club zu Recht Schuldennachlässe verlangte, zu einem mit gigantischen Überschüssen machten. Auch haben die Effekte der EU-Beitritte schneller als erwartet eingesetzt, und die Zinsen sind gesunken. Ein englischer Unternehmer hat als Grund für seine Erfolge einmal „pure luck“ genannt. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Format: Derjenige mit dem puren Glück zu sein ist wohl die allerbeste Börsenstory.
Meinl: Um das Glück abzusichern, muss man hart arbeiten. Wir beschäftigen 220 Mitarbeiter in Osteuropa.
Format: Apropos englischer Unternehmer: Sie sind britischer Staatsbürger – mit Leib und Seele?
Meinl: Wir sind alle Europäer. In Fragen der Finanzmärkte ist aber in jedem Regelwerk und in jedem Verhaltenskodex der angelsächsische calvinistische Zugang zum Geld Vorbild. Davon abgeleitet haben wir etwa die eindeutige Fokussierung der Meinl European Land auf Retail-Immobilien.
Format: Die Firma wurde von einem Engländer gegründet und sitzt im Steuerparadies Jersey. Ist sie noch ein österreichisches Unternehmen?
Meinl: Es ist ein an der Wiener Börse notiertes internationales Unternehmen. Der wichtigste Österreich-Aspekt ist, dass ein großer Teil der Kapitalaufbringung hier geschehen ist. Dann hat es noch ein Österreich-Spezifikum: den Namen.
Format: Und den Hauptkonkurrenten, die Immoeast. Liefern Sie sich ein Wettrennen?
Meinl: Wir sind noch in keinem Fall im Wettbewerb um Investitionen aufeinander getroffen. Es gibt auch amerikanische, französische und andere Mitbewerber.
Format: Die Renditen im Osten sinken schon. Endet der Boom?
Meinl: Der Ostboom geht weiter. Renditen sinken in den Beitrittsländern der ersten Runde. Dort sind wir froh, hoch rentierende Immobilien zu besitzen, und gehen in die gewinnträchtigere Immobilienentwicklung. Hoch sind die Renditen in Russland, der Ukraine und der Türkei. In Russland sind sie zweistellig, im Entwicklungsbereich liegen sie bei 19 Prozent. Wir bauen in der Millionenstadt Kazan, wo der junge Lenin studiert hat, ein Shoppingcenter, das halb so groß ist wie die SCS. Wir haben 80 Millionen investiert, im November sperrt es auf, und laut einer Bewertung liegt es schon jetzt bei 160 Millionen.
Format: Wie riskant sind Russlandinvestments?
Meinl: Ein politisches Risiko gibt es immer. Aber die rechtliche Situation wird von Tag zu Tag besser, weil immer mehr Menschen dort etwas geschaffen haben und das auch absichern wollen. Außerdem wurde der Rubel freigegeben, ein Zeichen dafür, dass Russland eine wichtige Wirtschaftsmacht sein will. Außerdem lieben Politiker Supermärkte, weil sie die Inflation senken helfen. Und unsere Einkaufszentren stehen in den verschiedensten Regionen, da gibt es keine Zentralmacht, die sie in Bausch und Bogen beschlagnahmen könnte.
Format: Was ist das größte Risiko in Russland?
Meinl: Dass das Einkommenswachstum nicht mit dem Flächenwachstum Schritt hält. Aber in zehn Jahren wird es in jedem Fall ein substanziell gestiegenes Einkommen geben. Dann werden wir es alle schon immer gewusst haben.
Format: Mit Shoppingcentern sind Sie fast so stark vom Konsum abhängig wie einst Ihre Vorfahren als Lebensmittelhändler.
Meinl: Der Einzelhandel ist ein sehr kompliziertes Geschäft mit vielen Moving Parts. Dieses Problem haben jetzt die anderen, wir kassieren nur noch die Mieten. Insgesamt ist der Konsum in jeder Volkswirtschaft der Welt ein immer wichtigerer Faktor geworden. Vor 15 Jahren haben die Börsen reagiert, wenn es zu Veränderungen der amerikanischen Industriezahlen kam. Darauf schaut heute niemand mehr. Der Konsum ist in der postindustrialisierten Gesellschaft der wichtigste Motor des Wirtschaftswachstums. Er kann eine Zeit lang stagnieren, aber nicht langfristig.
Format: Vor 25 Jahren hieß es, die Welt würde am Konsum zugrunde gehen, jetzt geht sie angeblich ohne zugrunde.
Meinl: Konsumkritische Szenarien entspringen unserer katholischen Tradition. Alles, was man genießen kann, ist verwerflich und führt zu schlechtem Gewissen. Amerika hat es uns vorgemacht. Ich weiß nicht, ob Konsum wirklich glücklich machen kann, aber eines macht die Menschen sicher glücklich: das Recht, auswählen zu können.
Format: Die Türken, mit denen Sie jetzt auch Immobiliengeschäfte machen, haben einst den Kaffee nach Wien gebracht und damit den Grundstein für den Aufschwung Ihrer Familie gelegt.
Meinl (lacht): Ich würde sagen, sie haben den Kaffee hier vergessen.
Format: Die FPÖ will den EU-Beitritt der Türkei zum Wahlkampfthema machen.
Meinl: Das wird ihr auch nichts nützen. Ich glaube, dass die europäischen Politiker in Wahrheit längst den EU-Beitritt der Türkei beschlossen haben, nur können sie es ihren Bevölkerungen noch nicht verkaufen. Europa wird bis 2050 aus demografischen Gründen 50 Millionen Menschen verlieren. Wenn wir mit den USA und China irgendeine Rolle spielen wollen, müssen wir die Türkei schon deshalb nach Europa holen. Die Verbreitung von Demokratie und Wohlstand ist auch der einzige Weg, um den Frieden in Europa zu erhalten. Wir müssen uns davon verabschieden, dass Europa ausschließlich weiß und christlich sein wird. Dieses Rad können und sollen wir nicht zurückdrehen.
Format: Calvinistisch gefragt: Wie hoch sind die Immobilienrenditen in der Türkei im Vergleich zu Russland?
Meinl (lacht): Ganz calvinistisch geantwortet: zwischen neun und zehn Prozent. Im Vergleich zu Russland gibt es in der Türkei zum Beispiel einen ausgebildeten Kreditmarkt.
Format: Sie wollen mit Meinl Airports International jetzt auch bei Ostflughäfen einsteigen.
Meinl: Hier geht es meist um Privatisierungen mit politischen Komponenten. Wir sind guten Mutes, bald fündig zu werden. Uns interessieren bei Flughäfen Retail, Immobilien, Parkgaragen und das Erweiterungsland, das bei Flughäfen neben dem Passagierwachstum das Wertsteigerungspotenzial ausmacht. Etwas weniger interessiert uns der Aviation-Bereich. Wir werden deshalb Partner einbinden. Von der Dimension her denken wir an Wien oder zumindest halb Wien.
Format: Die Meinl-Bank hat bereits 25.000 Privatkunden ...
Meinl: Es sind inzwischen 45.000. Ende nächsten Jahres wollen wir bei 100.000 liegen.
Format: Wann sperren Sie Filialen auf?
Meinl: Gar nicht. Die Kundenzahlen bei filialisierten Banken stagnieren in etwa. Zulegen können Privatbanken und Online-Banken. Filialisten haben ja auch Funktionen wie Kontoführung, die wir gar nicht anbieten wollen.
Format: Einer Ihrer Kreditkunden war laut Nationalbank-Bericht Wolfgang Flöttl mit 18 Millionen Dollar.
Meinl: Ich kenne ihn aus New York, seit Anfang der achtziger Jahre.
Format: Wie schätzen Sie ihn ein?
Meinl: Positiv.
Format: Hat er noch Schulden bei Ihnen?
Meinl: Wie aus dem Nationalbank-Bericht, der ja nun öffentlich ist, hervorgeht, hat ihm die Bawag Kredite gegeben, um die bei uns zu tilgen.
Format: Ihre Konsequenz aus der Bawag-Krise?
Meinl: Nicht die Größe des Institutes ist entscheidend, sondern die Fähigkeit des Eigentümers.
Format: In den USA gibt es Meinl-Coffeeshops. Bald auch in Österreich?
Meinl: Solche Projekte sind schwierig. Man muss Geld investieren, ohne anfangs Renditen zu erlösen. So etwas tue ich nicht gerne.
Format: Die Marke Meinl war einst bekannter als Mercedes. Verliert sie seit dem Verschwinden aus dem Straßenbild?
Meinl: Wir haben das testen lassen. Es gibt sogar leichte Steigerungen der Bekanntheit, wohl auch wegen der Fernsehwerbung für Meinl European Land.
Format: Bei der Bewertung der Vermögenszuwächse sind Sie als Meinl V. der bisher erfolgreichste.
Meinl: Abgerechnet wird am Ende des Tages. Meinl II. hat aus einem Lebensmittelgeschäft in den Ländern und Nachfolgestaaten der Monarchie den größten kontinentaleuropäischen Lebensmittelkonzern geschaffen. Julius Meinl III. und Julius Meinl IV. haben nach den Verstaatlichungen in Zentral- und Osteuropa wieder ein Unternehmen mit beträchtlichem Wert geschaffen. Der Vergleich ist sehr schwierig.
Format: Wie geht es Meinl VI.?
Meinl: Gut. Er ist zwanzig Jahre alt und studiert in St. Gallen. Er ist sehr kompetitiv.
Format: Böte Ihnen Österreich die Staatsbürgerschaft an, würden Sie annehmen?
Meinl: Ich würde es mir überlegen.
Format: Wie viel hat Ihr Zögern damit zu tun, dass Ihre Familie 1938 flüchten musste?
Meinl: Nicht mehr viel. Ich denke, dass man in diesen Dingen keine Ressentiments haben soll.

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