PISA-Studie: Der schiefe Turm

Nach dem PISA-Schock 2000 sind auch die Ergebnisse sechs Jahre später erschreckend mittelmäßig. Neun Wirtschaftsbosse sagen, was sie von Österreichs Schulsystem halten.

Zwei Worte, die die Beziehung zwischen PISA und Österreich beschreiben: Mittelmaß und Stagnation. Nach Bekanntwerden der PISA-Studie 2006 steht seit Dienstag fest: Österreichs Schüler haben sich seit 2000 – den Test gibt es alle drei Jahre – kaum verbessert und liegen im Mittelfeld der geprüften 30 OECD-Staaten. So weit, so wenig überraschend. Denn im Gegensatz zu anderen Teilnehmerstaaten haben die schwachen PISA-Ergebnisse in der Vergangenheit nicht zu einer großen Bildungsreform geführt. Und auch nach fast einem Jahr der großen Koalition lassen die wirklich großen Würfe noch auf sich warten. Aber zumindest eines scheint mittlerweile quer durch alle politischen Lager außer Streit zu stehen: Das Schulsystem soll endlich fit gemacht werden für den internationalen Wettbewerb, in dem Österreichs Wirtschaft Tag für Tag bestehen muss.

Anlässlich der Präsentation der PISA-Ergebnisse meinte SP-Bildungsministerin Claudia Schmied denn auch demonstrativ großkoalitionär: „Ich möchte nicht an dem Spiel teilnehmen, wer schuld ist an den mittelmäßigen Ergebnissen.“ Sie sehe die Daten, die PISA der Politik zur Verfügung stellt, als eine Möglichkeit, zu mehr Faktenorientiertheit zu gelangen. Tatsächlich zeigt sich zunehmend eine schiefe Lage im dualen Schulsystem, das laut Bildungsexperten die Zunahme der strukturellen Ungerechtigkeiten noch fördert.

Wie die PISA-Studie eindeutig belegt, übt die soziale Herkunft der Kinder einen dominierenden Einfluss auf die Leistungen der Schüler aus – Akademikerkinder schneiden bei den Tests klar besser ab als Kinder, deren Eltern nur einen Pflichtschul- oder einen Lehrabschluss haben. In Bezug auf Österreich meint die OECD, dass das Elternhaus beim Schulerfolg dann eine größere Rolle spielt, je früher die Kinder auf verschiedene Schultypen aufgeteilt werden. Und weiter: „Der Zusammenhang zwischen familiären Faktoren und den Schülerleistungen besteht in allen Ländern. Allerdings variiert die Stärke des Zusammenhanges enorm.“ In Italien, Finnland, Irland, Dänemark und Schweden würden die Unterschiede besser kompensiert als etwa in Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Ein weiterer alarmierender Hinweis für die Verantwortlichen im Bildungsbereich: Jeder dritte der getesteten 15- bis 16-jährigen Schüler ist in mindestens einem der drei Kompetenzbereiche „Naturwissenschaft“, „Mathematik“ und „Lesen“ ein Risikoschüler. Besonders schlimm ist es beim Lesen: 20 Prozent der österreichischen Schüler sind so leseschwach, „dass dadurch das private und gesellschaftliche Leben beeinträchtigt werden kann“, wie es im OECD-Bericht heißt.

Ein spannendes Gegenbeispiel liefert Polen. Dort wurde im Jahr 2000 eine Schulreform durchgeführt. Seither konnten Polens Schüler ihre Leistungen beim Lesen um 29 Punkte verbessern. Österreich hat im selben Zeitraum zwei Punkte eingebüßt und erhielt diesmal 490 Punkte (Polen: 508). Ein Reformansatz der Polen war die spätere Selektion der Schüler auf unterschiedliche Schultypen. Sie wurde von 15 auf 16 Jahre angehoben. „Als Folge haben sich zwischen 2000 und 2003 zunächst die Ergebnisse der schwächeren Schüler verbessert, zwischen 2003 und 2006 fand der Kompetenzzuwachs dagegen im oberen Leistungsspektrum statt“, analysieren die PISA-Verantwortlichen für Polen.

Allerdings sind Studien wie eben PISA nur bedingt aussagekräftig: So meint etwa ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer, als „Blockierer“ verschrieen, die Ergebnisse seien bedingt aussagekräftig und würden nur gewisse Bildungstrends erkennen lassen. Er warne aber davor, „damit generelle Rückschlüsse auf das Bildungssystem“ zu ziehen.

Auch in der österreichischen Bevölkerung stößt die PISA-Studie nicht auf ungeteilte Zustimmung: 51 Prozent der Österreicher halten PISA laut einer OGM-Umfrage für wenig aussagekräftig. Trotzdem glauben 52 Prozent bei derselben Umfrage, dass sich das österreichische Bildungssystem nur im europäischen Mittelfeld bewegt.

Und ein weiterer Kritikpunkt lässt die PISA-Ergebnisse ebenfalls in einem etwas fragwürdigen Licht erscheinen: Die Resultate sind weder nach Bundesländern noch nach den verschiedenen Schultypen unterteilt: Rückschlüsse darauf, in welchen Schulen welche Mängel verstärkt auftreten, sind daher nicht möglich.

Es liegt daher die Vermutung nahe, dass Österreichs Schulsystem „eine Unterschicht produziert, die aufklärungsresistent ist“, wie unlängst ein Hauptschullehrer in einem Interview mit der „Zeit“ meinte: „In der dritten Leistungsgruppe ist es nach meiner Erfahrung nicht einmal zu schaffen, die simpelsten Grundkompetenzen zu vermitteln. Diese Kinder bleiben völlig unter sich. Sie glauben, ihre Welt ist die einzige, die es gibt.“ Man müsse ihnen zeigen, dass die Realität nicht nur aus Kaufhausprospekten, Boulevardzeitungen und RTL bestehe. Ein Phänomen, auf das vor allem Vertreter der Wirtschaft immer häufiger hinweisen. Sie beklagen die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von kompetenten Lehrlingen.

Aber die Dualität des österreichischen Schulsystems fördert zweifelsfrei bis heute auch junge Talente zutage. Ein FORMAT-Anfruf bei neun österreichischen Wirtschaftsbossen zeigt, dass die meisten mit den Leistungen und Fähigkeiten von AHS- und BHS-Maturanten zufrieden sind.

Die meisten Manager sind davon überzeugt, dass alle Schüler bis zur Matura eine gute Ausbildung genießen. Wobei es zwischen der praxisnahen berufsbildenden Schule und der AHS sehr wohl Unterschiede gibt. „Die heimische Tradition, Schulausbildung mit Praktika im In- und Ausland zu verbinden“ ist für Franz Pinkl, Generaldirektor der Volksbank, ein Faktor, der zu einem hohen Bildungsstandard beiträgt. Auch ÖBB-Chef Martin Huber hält die praxisnahe BHS-Ausbildung für den richtigen Weg. Von den guten Fremdsprachenkenntnissen der heimischen Schüler ist wiederum Gerhard Matschnig, Vize-Generaldirektor der Zürich Versicherung, überzeugt: „In internationalen Meetings wird von anderen Kollegen immer wieder betont, welches hohe Niveau die Ausbildung hat.“

Petra Stolba, Chefin der Österreich Werbung, sieht in der Matura eine solide Basis, betont aber dennoch: „Ohne persönliche Initiative wird aus einem Maturanten nie ein fähiger Mitarbeiter.“ Und Microsoft-Österreich-Chef Herbert Schweiger schwärmt davon, dass österreichische Maturanten vom Fleck weg für die Konzernzentrale in Redmond (USA) engagiert wurden. Auf einen Schwachpunkt weisen aber gleichzeitig mehrere Wirtschaftsbosse hin: Den österreichischen Schülern fehle es im Vergleich zu ihren ausländischen Kollegen oftmals an einem selbstbewussten Auftreten: Sie seien weniger „überzeugt und überzeugend“ wie beispielsweise ihre angelsächsischen oder US-amerikanischen Alterskollegen, und ihnen fehle oftmals auch der Mut zur beruflichen Selbständigkeit.

Und eine weitere Gemeinsamkeit lässt sich aus den Reaktionen der neun Wirtschaftsbosse herauslesen: Unter „Schule der Zukunft“ verstehen sie eine eingehendere „individuellere Förderung von jungen Menschen“ – einerseits um Begabungen frühzeitig zu erkennen, andererseits um schwächere Schüler frühzeitig zu unterstützen. In welcher Schulform das am besten geschehen soll, bleibe der Politik vorbehalten.

Wasser auf die Mühlen von Ministerin Schmied. Sie versucht mit der „Gemeinsamen Mittelschule“ genau diesen Weg. In ausgewählten Modellregionen soll mit zwei Lehrern pro Klasse eine stärkere, schülerbezogene Betreuung möglich sein. Neugebauer hält es gegenüber FORMAT für möglich, diesen Schulversuch bei „entsprechender positiver Evaluierung in den Regelschulbetrieb zu übernehmen“. Ob man sich allerdings innerkoalitionär darauf einigen kann, wie in den Schulversuchen vorgesehen, Klassenwiederholungen zu senken und letztlich abzuschaffen, bleibt abzuwarten. Erste Evaluierungen finden erst in vier Jahren statt.

Einigkeit herrscht in einem anderen wesentlichen Punkt: der verpflichtenden Sprachförderung im Kindergarten ab September 2008. Womit der Koalition derzeit noch ein wesentliches Kampffeld für den Rest der Legislaturperiode bleibt: die Aufwertung aller Lehrerberufe. Während Schmied eine gemeinsame Ausbildung einfordert, will die ÖVP davon nichts wissen. Ganz im Gegensatz zu ihrem langjährigen Vorzeigeschulexperten Bernd Schilcher. Der ist in seinen Reformplänen radikaler als die ganze SPÖ.

markus pühringer, nicole stern

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