Olympisches Doping: Das große Geschäft
mit dem alltäglichen Leistungswahnsinn

Der Schwarzmarkt mit illegalen Aufputschmitteln blüht. Wie ein globales Netzwerk mit dem Dopinghandel Milliarden verdient.

Der Druck auf der Tartanbahn ist gewaltig: Milliarden Zuseher werden am 16. August das 100-Meter-Finale der Herren in Peking via Fernsehbildschirm mitverfolgen. Die TV-Show ist dann perfekt, wenn der aktuelle Welt­rekord von 9,72 Sekunden unterboten wird – beim größten Sportspektakel der Welt geht es schließlich nicht nur um Ruhm und Ehre, Meter und Sekunden. Sondern vor allem um Geld. Sehr viel Geld.

Ein Schneller, Höher oder Weiter bringt Sponsorverträge und Prämien in Millionenhöhe, die nicht nur den Athleten, sondern auch dessen Umfeld – Team, Trainer, Ärzte – finanziell beflügeln. Die großen Wirtschaftsunternehmen, die in den Sport inves­tieren, profitieren vom Siegerimage, die Medien vom Publikumsinteresse und den daraus resultierenden Werbeeinnahmen. Ein Kreislauf, der immer mehr auf die schiefe Bahn gerät. Denn die Jagd nach Medaillen und immer neuen Rekorden scheint die normalen physischen Grenzen zu übersteigen. „Die Spitzenergebnisse, die heute im Leis­tungssport erzielt werden, sind unter normalen Trainingsbedingungen kaum noch zu ­erreichen“, attestiert Hans Holdhaus, Sportwissenschaftler vom IMSB Wien. Folglich für viele Sportler der einzige Ausweg: Doping – der Einsatz von unerlaubten Mitteln und Methoden zur Leistungssteigerung.

Der Preis , den dopende Sportler zu zahlen bereit sind, ist noch höher: Aberkennung der Trophäen, lebenslange Sperre und Ächtung sind die Folge. Im schlimmsten Fall auch Gesundheitsschäden – und Tod. „Die Sportler sind nur das letzte Glied in der Kette“, so Günter Gmeiner vom Dopingkontroll-Labor Seibersdorf. „Die Hauptgewinner der gedopten Leistungsgesellschaft sind die Händlerszene, die globale Dopingindustrie mit ihren mafiös organisierten Vertriebskanälen und Pharmaproduzenten.“ Der Gesamtumsatz mit Dopingmitteln pro Jahr: über fünfzehn Milliarden Euro.

Im Netz der Dopingmafia. Den größten Drahtziehern im schmutzigen Sport­geschäft, nämlich den weltweiten Doping-netzwerken, ging Sandro Donati, Italiens renommiertester Dopingbekämpfer, im Auftrag der World Anti Doping Agency (WADA) auf die Spur. Seine Erkenntnisse: Die Dealer von Heroin und Wachstumshormonen sind in den meisten Fällen dieselben. Die wesentlichsten Routen des weltweiten Dopinghandels decken sich mit jenen des Drogenhandels. Der größte Player im Schwarzmarkt-Biz: die Russenmafia. 20 Prozent des globalen Umsatzes laufen von Russland und Ex-UdSSR-Ländern nach Westeuropa, Nordamerika und in den Mittleren Osten. Doch in Asien wachsen die Großmächte der Zukunft heran. An der Spitze steht China: Jede zehnte Dopinglieferung kommt bereits aus den Billiglabors des Olympia-Gastgeberlandes. Im Reich der Mitte gibt es laut Experten nichts, was nicht im Umlauf wäre. Erst vor kurzem sorgte eine ARD-Reportage über illegale Therapien mit Stammzellen, eine Art Gen­doping, die Sportlern in Krankenhäusern angeboten werden, für Aufregung: Für 15.000 Euro war die Kur zu haben. Die Methode war – wie viele andere Mittel auch – klinisch kaum getestet. „Die Sportler spielen mit dem Tod und wissen es nicht einmal“, sagt dazu Ex-DDR-Athletin Ines Geipel, die selbst Opfer von staatlichem Zwangsdoping war.

Von Anabolika bis Tiermastmittel. Gen-doping steckt erst in den Anfängen. Derzeit am gängigsten sind Dopingsubstanzen wie Anabolika (Muskelwachstumshormone zur Kraftsteigerung), Asthma-präparate (zur Erweiterung der Lungenfunktion), Aufputsch- und Schmerzmittel sowie EPO, das die Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Blutes und damit die Ausdauerleistung des Sportlers um bis zu 15 Prozent erhöht. Allesamt rezeptpflichtige Arzneimittel, die etwa zur Behandlung von Nieren- oder Krebskranken entwickelt wurden. Schwarze Schafe sind seit je in allen Sportarten zu finden. Die Zahl prominenter Dopingfälle steigerte sich in den vergan­genen 20 Jahren in bedenkliche Dimen­sionen. Die des Anabolika-Missbrauchs überführten Olympiagold-Sprinter Ben Johnson, Carl Lewis und Marion Jones sind genauso gut in Erinnerung wie die zahlreichen EPO-Skandale rund um die Tour de France, die nicht nur Einzelkämpfer wie zum Beispiel Floyd Landis, Schummelsieger 2006, sondern ganze Teams wie Festina und T-Mobile die sportliche Exis­tenz kosteten. Für zahlreiche Dopingschlagzeilen wurde auch in jüngster Zeit, im Vorfeld der Sommerspiele in China, gesorgt. Unter den „positiven Fällen“: US-Schwimmerin Jessica Hardy, die sich dem muskelaufbauenden illegalen Kälbermastmittel Clenbuterol verschrieben hat.

Milliardenbusiness Doping. Eine achtwöchige „Kur“ mit Anabolika kostet rund 2.500 Euro, mit EPO knapp 1.200 Euro. Die Investitionskosten für eine jährliche „Sonderbehandlung“: mindestens 30.000 Euro. Der Sportwissenschaftler Norbert Bachl von der Uni Wien: „In Österreich etwa kann ein einzelner Händler mit il­legalen Wachstumshormonen locker einen Jahresumsatz von bis zu einer Million Euro erzielen.“ Zu den maßgeblichen Treibern des Dopinghandels zählen auch korrumpierte Pharmakonzerne, die fünfmal so viel Anabolika und EPO herstellen, wie aus therapeutischen Zwecken eigentlich notwendig wäre. So geriet etwa der US-Biotechkonzern Amgen, dem es 1989 erstmals gelungen war, EPO zur Behandlung von Blut­armut bei Krebs- und Nierenpatienten synthetisch herzustellen, ins Dopingzwielicht: Amgen setzte mit dem Präparat innerhalb eines Jahres sechs Milliarden Dollar um. Ärztlich verordnet wurden allerdings nur Ampullen im Wert von 1,5 Millionen Dollar. Laut einer aktuellen Studie des belgischen Senats werden etwa 80 Prozent der jährlichen Produktion von EPO und 84 Prozent der Wachstumshormone weltweit illegal im Sport abgesetzt. Die Nähe von Medizinern zu den dunk­len Machenschaften im Sportbiz wurde spätestens mit dem Skandal rund um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes bewiesen. Im Jahr 2007 wurde aufgedeckt, dass Fuentes neben prominenten Radprofis wie Jan Ullrich oder Ivan Basso eine Vielzahl von Fußballern, Leichtathleten, Schwimmern und Tennisspielern mit Dopingmitteln und -methoden zu Höchstleis­tungen gepusht hat. Freilich gegen gutes Geld. Fuentes und seine Komplizen sollen zwischen 2002 und 2006 mit ihren Dopinggeschäften mindestens acht Millionen Euro verdient haben.

Die Austro-Connection. Auch in Österreich wurden Trainer und Ärzte der Manipulationsbeihilfe angeklagt: Bei den Winterspielen in Turin 2006 sorgte der Blutdoping-skandal rund um Ex-ÖSV-Trainer Walter Mayer und das rot-weiß-rote Biathlon-Team für weltweites Aufsehen. Anfang 2008 geriet schließlich das Wiener Plasmaspende-Unternehmen Humanplasma unter Blutdoping-verdacht – und mit ihm zahlreiche heimische Spitzensportler. Die Ermittlungen in der Causa sind noch nicht abgeschlossen. Die österreichische Szene bezieht ihre Mittel verstärkt aus China. Johann Maier, SPÖ-Abgeordneter und Anti-Doping-Experte, über den Weg der illegalen Dopingsubstanzen nach Österreich: „Früher war Osteuropa die Drehscheibe des Schwarzmarktes. Seit es Internet gibt, wird ein sehr großer Anteil der illegalen Lieferungen aus Asien über Luftfracht­sendungen und Schiffsladungen nach Deutschland oder Holland versandt. Ist eine Lieferung einmal in Europa verzollt, ist sie frei und wird im innereuropäischen Nahverkehr nicht mehr kontrolliert.“

15 Millionen dopen. Die Fahnder sehen dem Treiben eher hilflos zu. Laut einer der wenigen Studien zum Thema werden weltweit nur etwa 0,7 Prozent der gehandelten Schwarzware beschlagnahmt. Daraus schließt Dopingermittler Donati, dass jährlich 700 Tonnen anaboler Steroide, 70 Tonnen Testosteron und 34 Millionen Ampullen des Blutdopingmittels EPO illegal gehandelt werden. 15,5 Millionen Menschen im Verbreitungsgebiet USA, Kanada, Australien, Westeuropa, Südafrika und Asien investieren pro Jahr über 15 Milliarden Euro in die Dopingware. Wobei Spitzensportler mit drei Prozent nur einen Bruchteil der Abnehmerschaft ausmachen. 70 Prozent der Käufer kommen aus der Bodybuilder-Szene und dem Hobbysportbereich. Die Folgeschäden belasten die Gesundheits­systeme langfristig in erheblichem Ausmaß. Eine Schätzung aus den USA ergab, dass jährlich rund 100 Milliarden Dollar in die medizinische Behandlung von erkrankten einstigen Dopern fließen.

Der Missbrauch im Breitensport lässt sich kaum unterbinden. Im Spitzensport befinden sich Athleten und Wissenschaftler im Wettlauf mit der Zeit. Die WADA versucht verstärkt, die Pharmaindustrie in den Anti-Doping-Kampf einzubinden. Mit Erfolg: Die Wissenschaftler des Medikamentenriesen Roche verketteten die Bausteine des neuen EPO-Medikaments CERA so, dass sie sich deutlich von körpereigenem EPO unterscheiden lassen. Dies wurde Radprofi Riccardo Riccò bei der diesjährigen Tour de France zum Verhängnis. „Wider die allgemeine Annahme sind wir Dopingproduzenten und Sportlern einen Schritt voraus. Alle neuen Methoden sind uns bekannt“, meint der dänische Anti-Doping-Forscher Rasmus Damsgaard. „Wir hinken allerdings auf rechtlicher Ebene hinterher.“ Aufgrund bürokratischer Hürden und Angst vor Klagen würden zahlreiche positiv getestete Sportler etwa vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nicht belangt werden.

Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking hat IOC-Chef Jacques Rogge 4.500 Dopingkontrollen angekündigt – 2.000 mehr als vor acht Jahren in Sydney, wo 12 Athleten des Dopings überführt worden waren. Vor vier Jahren in Athen waren es 26, in China erwartet Rogge 30 bis 40 positiv getestete Athleten – einzelne Sandkörner in der Dopingwüste. Sportwissenschaftler Bachl deklariert sich in Sachen Dopingmissbrauch als Pessimist: „Ich glaube nicht, dass das Dopingproblem in den Griff zu bekommen ist.“ Wie in den letzten 80 Jahren wird die Verwendung von Doping für viele Sportler wie ein Spiel nach dem Motto des „elften Gebots“ sein: Du darfst dich nicht er­wischen lassen. Die Industrie dahinter ­unterstützt sie dabei mit allen Mitteln.

Von Nina Kreuzinger, Mitarbeit: Corinna Milborn, Nikolai Soukup

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