Oldtimer in Schleudergefahr

In der Halle der ehemaligen Gmund­ner Brauerei riecht es heute mehr nach frischem Autolack und Schmier­öl. Die Gerüche stammen von edlen Karossen, die hier in Reih und Glied geparkt sind: ein Austin Healey 3000, ein Jaguar E, ein Jaguar XK, ein SS 100 oder eine Shelby Cobra. Alle diese Boliden importiert und restauriert der Oldtimer-Experte Heinz Moser liebevoll seit zwei Jahrzehnten hier in seiner Werkstatt.

Bis zum Gründonnerstag dieses Jahres war für den gelernten Mechaniker Moser die Welt noch in Ordnung. An diesem Tag erhielt er einen Anruf von seiner Spedi­tion, die ihn darauf hinwies, dass das Zollamt Linz/Wels drei Jahre rückwirkend Nachforschungen über die Einfuhr von 24 Oldtimern betreibe. Moser fiel aus allen Wolken, hatte er doch alle Kraftfahrzeuge ordnungsgemäß über seine Spedition Mare­hard und Wuger Internat. aus Vöcklabruck eingeführt und verzollt.

Hintergrund dieser „Aktion scharf“: Ein gewisser Gunter Mayr, zuständig für Zolltarife im Bundesministerium für Finanzen, hatte übereifrig eine EU-Richtlinie, betreffend den Oldtimer-Einfuhrzoll (siehe Kasten Seite 41), eigenständig neu definiert und die dafür gültigen Begünstigungen außer Kraft gesetzt. Das Schreiben wurde an alle Zollämter, den ÖAMTC und den Oldtimer Club ausgesandt. Allerdings hatte Mayr seine Vorgesetzten, die Sektionschefs Wolfgang Nolz und Peter Quantschnigg, vorher nicht informiert.

Existenzbedrohende Aktion. Mayr war der Ansicht, dass Oldtimer nur mehr dann als solche anzuerkennen sind, wenn sie zu Ausstellungszwecken verwendet werden, nicht mehr auf der Straße fahren und auch keine Personen befördern. Anderenfalls wären historische Fahrzeuge ebenso zu verzollen und zu versteuern wie herkömmliche Straßenfahrzeuge. Für Moser würde das in letzter Konsequenz bedeuten, etwa 1,6 Millionen Euro nachzahlen zu müssen. „Ich lebe und sterbe für meine Autos. Wenn ich für drei Jahre Zoll und Steuern nachzahlen muss, und das noch zu Unrecht, bin ich ruiniert. Außerdem wäre das nicht EU-konform“, ärgert sich Moser.

Damit ist er nicht allein. Die Wogen in der heimischen Oldtimerszene, in der es von prominenten Unternehmer- und Manager-Namen nur so wimmelt, gehen hoch. „Da war der Fiskus wieder einmal erfinderisch kreativ“, meint etwa Red-Bull-Erfinder Diet­rich Mateschitz, „wenn der Zoll rückwirkend eingehoben würde, wäre das ein Wahnsinn.“ Der Bulle ist selbst im Besitz zweier Austin Healeys, Baujahr 1968 und 1965, sowie einer Cobra. Oskar Aistleithner, Eigentümer des Beratungsunternehmens Trescon, bezeichnet das Schreiben aus dem Finanzministerium als eine „verbale Abseitsfalle“: „Ich glaube, dass hier aktive Aversionen gegen die gesamte Oldtimerszene von jenen gehegt werden, die diese Verordnung er­lassen haben“, zeigt er seinen Ärger gegen das Ministerium. Als eine „Nacht-und-Nebel-Aktion“ verurteilt auch der Zigarettenpapier-Industrielle und Jaguar-Sammler Christian Trierenberg dieses Vorgehen.

Säckelwart beruhigt Oldtimer-Fans und rudert zurück. Das Finanzministerium rudert nun aufgrund der wütenden Pro­teste vieler Prominenter zurück. Harald Waiglein, der Sprecher von Minis­ter Wilhelm Molterer: „Es wird sofort ein Schreiben an die Zollämter rausgehen, dass dieses Missverständnis aufgeklärt wird. Es gab von uns keine Weisung, Steuern drei Jahre rückwirkend einzufordern.“ Den Alleingang des Beamten Mayr entschuldigt Waiglein damit, dass dieser mit seinem Schreiben den Zollämtern nur eine bessere und genauere Erklärung Oldtimer betreffend liefern wollte. Sollte es Härtefälle geben wie im Falle Moser, so würden diese überdacht werden.
Dieser hat in den vergangenen vier Jahren Oldtimer im Wert von knapp 2,9 Millionen Dollar nach Österreich importiert und dafür zehn Prozent an Einfuhrumsatzsteuer gezahlt sowie 450.000 Euro an Steuern. Neben Moser wäre etwa auch der Unternehmer Walter Degelsegger betroffen: „Ich lasse mir gerade eine Shelby Cobra restaurieren.“ Im Vorjahr wechselte ein solches Auto, Baujahr 1966, in den USA für 5,5 Millionen Dollar bei einer Auktion den Besitzer.

Für alle Oldtimer, die bereits nach Österreich importiert wurden oder noch auf dem Weg hierher sind, würde die „Mayr-Verordnung“ eine Verteuerung um rund 50 Prozent bedeuten. Trotz des Rückziehers der Politik ist das Rennen für die Oldtimerszene noch nicht gewonnen. In Brüssel wird sich in nächster Zeit die Zollkodex-Kommission zusammensetzen, um eine neue Definition für Oldtimer zu finden sowie deren zolltechnische und steuerliche Behandlung festzulegen. Der Grund dafür: Schon seit Jahren regen sich in der EU Stimmen, denen diese sogenannte Ungleichbehandlung zwischen Oldtimern und normalen Kraftfahrzeugen ein Dorn im Auge ist. Oldtimer sind nämlich vom Einfuhrzoll aus Drittländern befreit, haben eine reduzierte Umsatz­steuer und müssen keine NoVA bezahlen.

Es geht nicht nur um die Reichen und Schönen, die Millionen in ihre Spielzeugautos investieren“, sagt dazu Hannes Kerschl, beim ÖAMTC zuständig für historische Fahrzeuge. „Oldtimer sind ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor in Österreich geworden.“ Geschätzte 70.000 davon gibt es hierzulande, 1.800 davon sind vor 1950 gebaut worden. Und Hunderten, die noch unrestauriert herumstehen, wird es an den Kragen gehen, sollten die Steuern doch explodieren. Franz R. Steinbacher, Sachverständiger in der Wirtschaftskammer: „Es gibt gut 300 Gewerbebetriebe wie Autosattler, Spengler, Elektriker etc. in Österreich, die ihre Umsätze aus dem Oldtimergeschäft lu­krie­ren, nicht zu vergessen die mittlerweile einschlägig spezialisierten Versicherungen, Reisebüros sowie die insgesamt 700 Veranstaltungen rund um den Oldtimer.“ Europaweit wird dieses Business auf rund 12 Milliarden Euro geschätzt.

Platzen des Jugendtraums? Treffen wird es vor allem kleine Bastler, ist Karl Büche, Austin-Healey-Fan und früherer Boss der Brau Union, überzeugt: „Beim wirtschaftlich Schwächsten wird sich der Fiskus schadhaft halten. Bei jenem, der sich seinen Jugendtraum erfüllt und einen Ford Mercury mühevoll restauriert.“ Wird dieser Ford nicht als Oldtimer anerkannt, muss der kleine Schrauber für seine Hunderten Arbeitsstunden auch noch NoVA zahlen. Die wird nämlich fällig, wenn der Wagen erstmals in Österreich zugelassen wird. Michael Glöckner, der mit Ex-Rennfahrer Helmut Zwickl die Ennstal-Classic organisiert, hofft deswegen auf einen positiven Ausgang bei der Zoll­kodex-Kommission: „Die Chromjuwelen sollen auch weiterhin Österreichs Straßen schmücken.“

Von Gabriela Schnabel

London verkündete Einigung mit EU für Brexit-Abkommen

Politik

London verkündete Einigung mit EU für Brexit-Abkommen

Digitalisierung: Vorwärts in die Zukunft

Künstliche Intelligenz: Keine Angst vor denkenden Computern

Italien: Was die Wirtschaft zum Kollabieren bringen könnte

Geld

Italien: Was die Wirtschaft zum Kollabieren bringen könnte