Österreichs beste Anwälte: Wen die größten Kanzleien zu Top-Anwälten kürten

Das neue FORMAT-Anwaltsranking. Die 25 größten Kanz­leien empfehlen die besten Experten in 18 Fachkate­gorien. Plus: Ob es bei Kanzleien auf die Größe ankommt.

24 von 25 befragten Rechtsanwaltskanzleien haben Hanno Wollmann zum besten Kartellrechtler des Landes ge­wählt. Es kann aber auch sein, dass jene Kanzlei, die Wollmann nicht genannt hat, einfach nur vergessen hat, ihn anzuführen. Mit 24 Nennungen schafft es der 44-Jährige aber dennoch locker auf Platz eins des alljährlichen FORMAT-Rankings. So richtig wohl fühlt sich der Partner der Kanzlei Schönherr mit dieser Ehre aber nicht: „Es freut mich natürlich sehr. Als Kartellrechtsexperte genieße ich bei diesem Ranking aber einige Vorteile: In Österreich gibt es, anders als etwa bei M&A, nur 20 bis 30 Spezialis­ten auf diesem Gebiet. Außerdem muss man als Kartellrechtler immer den Konsens suchen – da fällt es den Kollegen dann leichter, einen zu benennen“, gibt sich Wollmann bescheiden. Vielleicht hat dem Anwalt, der von seinen Kollegen als „sehr rührig“ bezeichnet wird, aber auch das sechs Monate dauernde Sabbatical, das er vergangenes Jahr genommen hat, gutgetan. Wollmann, scherzend: „Vielleicht sollte ich öfter weggehen.“ Wie auch immer, dem Schönherr-­Partner und Ziehsohn von Walter Barfuß ist es heuer gelungen, Lothar Wiltschek, den Sieger des Vorjahres, vom Thron zu stürzen. Unter den Top-Ten-Genannten befinden sich ebenfalls Altbekannte: Hanns Hügel, Maximilian Eiselsberg und Wolf Dieter Arnold waren auch in den Vorjahren immer vorne dabei. Hügel von der Wiener Kanzlei bpv Hügel freut sich darüber: „Da die Nominierung durch die Kollegen erfolgt und der Wettbewerb unter uns groß ist, kommt das Ranking ja kaum in Verdacht, nicht objektiv zu sein.“ Wie Hügel kommen noch fünf weitere der Top-Gereihten aus heimischen Großkanzleien. Dass man nicht unbedingt in einer der ganz großen Sozietäten arbeiten muss, um erfolgreich zu sein, beweist einmal mehr der Steuerexperte Wolf Dieter Arnold. Er führt das auch auf die geringere Größe der Kanzlei zurück: „Ich kann mich wirklich auf das spezialisieren, was ich verstehe.“

Size matters. Dass Größe auch in der Anwaltsbranche zählt, konnte FORMAT bereits im Vorfeld des Rankings deutlich spüren: Immer wieder kam es zu Interventionen, andere Kanzleien hätten bewusst zu viele Anwälte genannt, um im Ranking der größten Kanzleien noch weiter vorne zu landen. Vor allem unter den Top-fünf-Sozietäten be­zichtigte man einander der Schummelei. Und tatsächlich hat sich gegenüber dem Vorjahr unter den größten fünf viel bewegt: Zwar sitzt Spitzenreiter Wolf Theiss mit 135 Juristen nach wie vor fest im Sattel, doch dahinter geht es rund. Die Kanzlei Schönherr hat Cerha Hempel Spiegelfeld Hlawati (CHSH) vom zweiten Rang verdrängt, während DLA Piper einen Platz wettmachen konnte und heuer die Bronzemedaille verliehen be­kommt. Freshfields wiederum hat die Kollegen von Dorda Brugger Jordis aus den ersten fünf geworfen. Wolf-Theiss-Geschäftsführer Dieter Spranz setzt weiter voll auf Größe: „Sie erlaubt eine stärkere Spezialisierung und eine umfassendere Be­treuung der Mandanten.“ Ein Ende des Wachstums bei Anwaltsfirmen kann er nicht erkennen: „Vor zehn Jahren hieß es, maximal 50 Juristen pro Kanzlei machen Sinn, später 70, dann 100. Jetzt gibt es keine solche Zahl mehr. In anderen Ländern, die einen ebenso kleinen Markt wie Österreich darstellen, gibt es Kanzleien mit tausend Juristen“, stellt der Anwalt in Aussicht. Auch Günther Horvath von Freshfields bricht für Großkanzleien eine Lanze: „Nachteile der Größe – wie etwa Anonymität – kann es nur bei schlechter Organisation geben. Die unpersönliche ‚An­waltsfabrik‘, der sich Mandanten ‚ausliefern‘ würden, ist ein reiner Mythos, der vor allem in kleinen Kanzleien gerne gepflegt wird.“

Einzelkämpfer. Meinhard Novak, der erst kürzlich bei bpv Hügel ausgestiegen ist und sein Glück nun allein versucht, ist einer von denen, die diesen „Mythos“ verbreiten: „Die enorme Umsatzgetriebenheit und die starke Fluktuation innerhalb der Kanzlei sind Nachteile für den Mandanten. Außerdem gewinnt man als Einzelkämpfer an Lebensqualität ungemein dazu“, weiß Novak zu berichten. So wie Novak arbeiten rund 60 Prozent der heimischen Anwälte ohne Partner, ein weiteres Drittel arbeitet in Sozietäten mit maximal fünf Juristen. So auch Wolf Dieter Arnold, der mit seinen Söhnen eine Familienkanzlei betreibt. Er sieht den Hauptvorteil einer kleinen Sozietät in der Kostenstruktur: „Die Reibungsverluste in großen Kanzleien sind enorm. Wir haben die Preise mit Großkanzleien verglichen – da ist ein Drittel bis zur Hälfte Unterschied.“ Zugunsten der Mandanten, versteht sich. Die Nachteile für kleinere Kanzleien liegen auf der Hand: Abgesehen von den geringeren Verdienstmöglichkeiten können große Causen wie lukrative M&A-Deals nicht gehandelt werden. Das weiß auch Peter Zumtobel von der Salzburger 6-Mann-Kanzlei Zumtobel Kronberger: „Ein Einzelkämpfer ist kein Zehnkämpfer. Er kann nicht in jedem relevanten Bereich Spezialist sein.“

Ungebremstes Wachstum. Trotz all der Kritik geht das Wachstum von „Law Firms“ ungebremst weiter. Etwa bei der Nummer zwei am Markt, der Kanzlei Schönherr, die gerade erst im Jahr 2007 von 71 auf 112 Juristen angewachsen ist. „Bis 2013 wollen wir auf knapp 500 Ju­risten aufstocken“, verrät Schönherr-Partner Christoph Lindinger. Allerdings sind hier die Büros im Ausland mit eingerechnet. Auch DLA Piper verordnet sich weiteres Wachstum. „In den nächs­ten zwei bis drei Jahren will DLA in Mittelosteuropa um mehr als 50 Prozent wachsen“, steckt sich Managing Partner Ivo Deskovic als Ziel. Überhaupt seien große Zuwachsraten nur mehr in Ost­europa möglich. Raimund Cancola von der Kanzlei enwc, die nur mehr rund 50 Prozent ihres Umsatzes am Heimmarkt Österreich erzielt, erläutert: „Die Hot­spots sind jetzt die Ukraine, Kasachstan oder Russland, der Ursprungs-Ostmarkt, also unsere östlichen Nachbarländer, ist unter den Kanzleien schon aufgeteilt.“ Auch Willibald Plesser schweift in die Ferne: Neben Kasachstan und der Ukraine nennt er vor allem die Türkei, und „auch in kleineren südosteuropäischen Ländern wie Albanien, Mazedonien und Montenegro ist viel in Bewegung, und Bewegung ist für Berater immer gut“.
Wachstumschancen auch hierzulande ortet hingegen Michael Hecht, Partner bei Fellner Wratzfeld: „Der Fokus hat sich nur verlagert. Vor allem die Bereiche Infrastruktur, Verkehrs- und große Immobilienprojekte sind stark im Kommen.“ Der Experte für Projektgeschäfte kann sich über Langeweile jedenfalls nicht beklagen: „Ich habe immer genug Arbeit, und Wettbewerb von außen gibt es praktisch nicht, weil es zutiefst nationales Recht ist.“

Schweigegelübde. Dass die Größe ei­ner Kanzlei zumeist auch mit höheren Um­sätzen und Gewinnen einhergeht, ist kein Geheimnis. Das lässt sich allein schon aus den luxuriös ausgestatteten und mit wertvollen Kunstwerken ge­schmückten Kanzleiräumlichkeiten schlie­ßen. Dennoch werden konkrete Umsatz- und Gewinnzahlen von Großkanzleien verbissener geheim gehalten als so mancher Name eines Mandanten. „Das könnte bei den Mandanten vielleicht schlecht ankommen. Es würde dann heißen: Anwälte tun außer reich werden gar nichts“, befürchtet Hecht. Was in anderen Ländern, sogar in Deutschland, also schon gang und gäbe ist, nämlich den Profit pro Partner öffentlich zu machen, davon ist man in Österreich noch ziemlich weit entfernt. Im­merhin, eine Annäherung sei erlaubt: Bei einem Durchschnittsstundensatz von 250 bis 400 Euro und einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 50 Stunden pro Woche kommt man in ganz großen Kanzleien auf einen Umsatz von rund 80 Millionen Euro. Bei Freshfields ver-rät man den weltweiten Umsatz: Er liegt bei mehr als einer Mil­liarde Euro. Die Kanzlei Schönherr wiederum be­ziffert das Gesamt-Projektvolumen im Jahr 2007 mit fünf bis sechs Milliarden Euro.

Aufbauarbeit. Viel Bedeutung wird in den Sozietäten dem Nachwuchs beigemessen, und so listet FORMAT heuer wieder die hoffnungsvollsten Nachwuchsadvokaten auf. Auch hier stammen die vier besten – sie wurden jeweils viermal genannt – aus Großkanzleien. So rät auch Einzelkämpfer Novak: „Nach dem Jusstudium eine eigene Rechtsanwaltskanzlei zu gründen ist praktisch unmöglich. Man sollte schon zumindest in einer renommierten Kanzlei in die Schule gegangen sein.“ Beim Nachwuchs zeichnet sich übrigens eine Trendwende ab: Rauften sich noch vor wenigen Jahren zahlreiche Studienabgänger um einen (meist schlecht bezahlten) Konzipientenplatz in einer renommierten Kanzlei, so müssen die Anwälte nun ihrerseits auf die Suche nach fähigen Neulingen gehen. Gute und ambitionierte Juristen seien immer schwieriger zu finden, heißt es in der Branche. Deshalb weichen viele Kanzleien jetzt ins Ausland aus: „Wir rekrutieren ständig amerikanische und englische Juristen über internationale Headhunter, vor allem für die Sozietäten in Osteuropa“, berichtet Wolf-Theiss-Geschäftsführer Spranz.

Von Angelika Kramer, Lucy Traunmüller

Astrid Kleinhanns-Rollé, Managing Director der WU Executive Academy

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