Österreicher über ihre persönliche Wahlentscheidung

1,25 Millionen Wechselwähler: Die spannendste Nationalratswahl der Zweiten Republik: Jeder vierte wählt diesmal eine andere Partei als 1999. 700.000 Haider-Wähler Heimatlos: Der beispiellose Absturz der FPÖ auf zehn Prozent läßt Rot und Schwarz auf satte Zugewinne hoffen. 100 Österreicher über ihre Wahl. FORMAT befragte Wirtschaftsbosse, Wissenschaftler, Künstler, Intellektuelle und Sportler, wen sie diesmal wählen.

Fritz Plasser geht seit mehr als zwei Jahrzehnten der hierzulande seltenen Profession eines Wahlforschers nach. Er hat also schon viele Politiker siegen und verlieren sehen. Aber eine Nationalratswahl wie die kommende am 24. November glaubt Plasser noch nicht erlebt zu haben. Der Politologe prophezeit: „Diese Wahl wird einmalig in der Geschichte der Zweiten Republik. Jeder vierte Wähler wird 2002 eine andere Partei wählen als 1999. Und es wird erstmals seit 1986 ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden früheren Großparteien SPÖ und ÖVP geben.“

Im Oktober 1999, als die Volkspartei um 415 Stimmen auf den dritten Platz zurückgeworfen wurde, war ein Kalkül von Wolfgang Schüssel, mit Schwarz-Blau dem schier unaufhörlichen Aufstieg Jörg Haiders durch Einbinden in die Regierungsverantwortung ein Ende zu setzen – egal zu welchem Preis. Und es ging den Schwarzen darum, die dreißigjährige sozialdemokratische Hegemonie am Ballhausplatz zu beenden – ebenfalls egal zu welchem Preis.

Nun, das Land büßte anfangs für diesen parteipolitischen Schachzug – internationale Isolation, autoritäre Züge in Gesellschafts- und Justizpolitik waren die Folge, das Schuldenmachen ist bloß scheinbar beendet.

Wendekarawane ohne Kamele
Haider hat sich und seine Partei – wie von den Schwarzen erhofft – zerstört; nachhaltiger zwar, als den Bürgerlichen lieb sein kann, aber immerhin. Oder wie es der VP-interne Gegner von Schwarz-Blau, Bernhard Görg, blumig formulierte: „Der Wendekarawane wurden die Kamele gestohlen.“ Er spielt damit auf Klubchef Andreas Khol an, der die Wende als Marsch durch die Wüste Gobi bezeichnet.

Die vorgezogene Nationalratswahl wird nach all den Aufregungen jedenfalls Geschichte schreiben: Gelingt es der ÖVP erstmals seit 1966, die relative Mehrheit zu erzielen? Kommt Rot-Grün wie in Deutschland? Gibt es ein Revival von Rot-Schwarz? Wohin wenden sich die ehemaligen Haider-Fans?

Die Ausgangsposition in nackten Zahlen: 1,25 Millionen Wähler sind diesmal bereit, ins Lager einer anderen Partei überzulaufen; so viele wie noch nie. Den Hauptanteil bilden dabei jene Wähler, die 1999 Jörg Haider und seine FPÖ zur zweiten Kraft im Lande gemacht haben, diesmal aber ganz sicher nicht mehr für die FPÖ votieren werden. Rund 700.000 Österreicher könnten das sein.

In knapp fünf Wochen ist es Haider durch den von ihm ausgelösten blauen Bürgerkrieg gelungen, sein Lebenswerk zu zerstören: Von stolzen 1.244.087 Wählern 1999 ist er auf den Stand von 1986 abgestürzt: Das SPÖ-nahe Ifes-Institut gibt der FPÖ in diesem Zustand nur noch knapp zehn Prozent der Stimmen, nicht einmal 500.000 Wähler.

FPÖ bei zehn Prozent
Diese Ifes-Daten sind zwar nur eine Momentaufnahme am Höhepunkt der blauen Auseinandersetzungen vergangene Woche, aber alle renommierten Meinungsforschungsinstitute des Landes sehen die FPÖ derzeit bei nicht mehr als 14 Prozent (siehe Grafiken unten). OGM-Chef Wolfgang Bachmayer: „Ob die Talsohle schon erreicht ist, wird sich beim FPÖ-Parteitag diesen Samstag zeigen. Eine Rückkehr zur Zwanzig-Prozent-Marke wie vor Beginn der Auseinandersetzungen ist schon jetzt auszuschließen.“

Zur Erinnerung der blaue Triumphmarsch im Zeitraffer: Jörg Haider hat innerhalb von 14 Jahren den einst stolzen „Altparteien“ insgesamt eine Million Wähler abgejagt, 600.000 sind im Lauf der Jahre von der ÖVP ins blaue Lager übergelaufen, 400.000 von der SPÖ. Vor dem Innsbrucker Putsch im September 1986 lag die Steger-FPÖ als Koalitionsanhängsel der Sinowatz-SPÖ unter der statistischen Wahrnehmungsschwelle, bei der Nationalratswahl im November stimmten 470.000 Österreicher für den rechten und feschen Haudegen. Wichtigstes Motiv: „54 Prozent wählen die FPÖ wegen Person, Image, Auftreten, Ideen von Jörg Haider“, analysierten die Politologen Plasser und Peter Ulram 1986.

Franz Vranitzky und Alois Mock heben daraufhin die große Koalition aus der Taufe. 1990 erreicht der Bärentaler fast die 800.000er Marke. Bestimmendes Wahlmotiv: „Skandale, Mißstände, Privilegien und Bekämpfung durch die FP֓. Haider und der Denkzettel sind weitere bestimmende Wahlmotive. Die SPÖ, aber auch die ÖVP machen es Haider leicht: Millionengagen von Bonzen à la Rechberger, arbeitsfreie Doppelbezüge à la Höchtl oder Nationalbankprivilegien.

Haider transformiert die Yuppie- beziehungsweise Mittelstandspartei mit alten Nazis in eine Arbeiterbewegung: 1990 wählen bereits 27 Prozent der Arbeiter die FPÖ, 1995 gar 35 Prozent. Die Blauen verfügen über einen höheren Arbeiteranteil als die traditionelle Arbeiterpartei SPÖ. Auch die Jugend fand Haider attraktiv: Bei Erstwählern erzielte der Oberblaue 1999 die relative Mehrheit. Kampf für den „kleinen Mann“ und Ausländerhetze, das ist die weitere Themenmelange, aus dem das blaue Jahrzehnt gemacht war.
Daß die FPÖ-Regierungsbeteiligung, was die Wählerzustimmung betrifft, im Desaster enden wird, hätte mit einem Blick in die Forschungsdateien von Plasser/ Ulram vorhergesagt werden können.

Autor: Andreas Weber

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