Ölschock was tun? Die besten Strategien für Autofahrer und Ölheizung-Besitzer

Preisexplosion. Die besten Gegenstrategien für Autofahrer und Besitzer von Ölheizungen plus chancenreiche Investments, mit denen Anleger am hohen Ölpreis verdienen.

Wer vor zwei Jahren einen Ölpreis von hundert Dollar prognostizierte, galt als verrückt oder apokalyptisch veranlagt. Als am 2. Jänner 2008 die 100-Dollar-Grenze gesprengt wurde, reagierten Wirtschaft und Verbraucher noch re­lativ gelassen. Doch nun ist der Ölschock Realität: Denn erstmals seit über 25 Jahren hat der Preis des wichtigsten Rohstoffes auch inflationsbereinigt ein neues Rekordniveau erreicht, und er schmerzt – an der Tankstelle ebenso wie in den Vorstandsetagen. Wäre der Preis des Öls
seit 1983 mit der Teuerung gestiegen, läge er heute bei 118 Dollar, errechnete die Deutsche Bank. Doch letzte Woche erreichte der Ölpreis bereits eine Spitze von 135 Dollar. Glaubt man den Experten, die noch vor wenigen Monaten mit Ölpreisen von langfristig 70 oder 80 Dollar gerechnet hatten, ist die Rally nicht zu Ende: Goldman Sachs kalkuliert in einer viel beachteten Studie bereits mit einem Extrempreisszenario von 200 Dollar in den nächsten ein bis zwei Jahren. Der libysche Energieminister geht vom selben Preis aus, ebenso wie das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Müssen wir mit 200 Dollar pro Fass Öl rechnen? Oder ist der Ölpreis eine Blase, die wieder platzen wird?

Sündenbock Spekulation. Das meinen zumindest jene, die den hohen Ölpreis auf Spekulation zurückführen. George Soros gehört dazu oder auch Michael Masters von Masters Capital Management. Letzte Woche rechnete dieser dem US-Senat vor, dass Indexinvestoren an der Preisrally schuld seien. „Im März belief sich deren Engagement auf 260 Milliarden Dollar. Das bedeutet, dass sie 1,1 Milliarden Fass Öl kontrollieren – achtmal so viel wie die USA in den vergangenen fünf Jahren in die strategischen Reserven geleitet haben“, erklärte er und forderte Regulierung für Indexinvestments – ein Vorschlag, den Senator Joe Lieberman nun prüft. Vizekanzler Wilhelm Molterer und ÖVP-Klubchef Wolfgang Schüssel stie­ßen ins gleiche Horn, als sie diese Woche eine Transaktionssteuer für Spekulation auf Öl forderten.

Es spricht zwar einiges für die These, dass der Preis künstlich in die Höhe getrieben wird. „Die Lager sind gut gefüllt“, so Abdallah el-Badri, der als Generalsekretär der OPEC für 40 Prozent des Weltangebots sprechen kann. Der Iran, geschnitten von den USA, bleibt derzeit sogar auf großen Mengen Öl sitzen oder führt sie in Tankern spazieren. „Es gibt einfach nicht genügend Käufer“, sagte der scheidende iranische OPEC-Gouverneur letzte Woche. Und trotzdem, sind sich die meisten Analysten einig, ist der hohe Ölpreis zwar von Spekulation leicht angeheizt – im Grund aber real. „Vor fünf Jahren waren 50 Milliarden Dollar in den Rohstoffmärkten, heute ist es das Fünffache – es ist einfach mehr Geld im Markt. Aber hinter der Markt­psychologie stehen echte Ängste“, erklärt Ölexperte Johannes Benigni. Diese Ängste haben mit dem mo­mentan ausreichenden Angebot nichts zu tun: Schon mittelfristig, fürchtet man, wird die Ölförderung auf der Welt zurückgehen – die Nachfrage laut Internationaler Energieagentur bis 2030 aber um 32 Prozent steigen (zur Hälfte be­dingt durch Indien und China). Fazit: Es wird zu wenig Öl geben.

Das Maximum der globalen Ölförderung – Peak Oil – könnte schon erreicht sein. Die Energy Watch Group setzte diesen Zeitpunkt kürzlich im Jahr 2006 fest und meint, dass die globale Ölverfügbarkeit bis 2030 auf etwa die Hälfte zurückgehen wird. Die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften schätzt, dass der Peak erst zwischen 2015 und 2020 erreicht werden wird. Tatsächlich hängt die Weltförderung von einer Handvoll alter, schwindender Ölfeder ab – ein Fünftel der Welt-Förderung kommen aus einem einzigen, 40 Jahre alten Feld. Was neu entdeckt wird, ist schwierig und teuer zu fördern: Die beiden neu entdeckten brasilianischen Ölfelder Carioca und Tupi etwa liegen Kilometer unter dem Meer unter einen dicken Sandschicht, die Förderung kann frühestens in fünf Jahren beginnen. Aus dem Ölsand und Ölschiefer in Kanada Rohöl zu gewinnen verschlingt gewaltige Mengen Energie und Trinkwasser, und die Ölfelder in der Arktis – wo Optimisten ein Viertel des globalen Öls vermuten – konnten wegen der schwierigen Bedingungen noch nicht einmal lokalisiert werden. Dass extrem hohe Investitionen notwendig sind, ist unbestritten. „Die Ölförderer müssen bis 2030 5.400 Milliarden Dollar investieren, sonst steigt der Preis weiter“, warnt die Weltenergieagentur, die einen Engpass für 2015 voraussagt.

Politische Öl-Bremse. Doch genau diese Investitionen werden von den Öl produzierenden Ländern eher behindert als gefördert: In Russland führten die saftigen Öl-Exportsteuern zu einem Investitionsstopp – und damit im ersten Quartal 2008 erstmals zu einem Rückgang der Fördermenge. In Mexiko gehen die Förderungen ebenfalls zurück, Indonesien wurde gar zum Öl-Importeur und tritt heuer aus der OPEC aus. Venezuela zwang die Ölfirmen auf einen Schlag, 60 Prozent der Firmenanteile an den Staat abzutreten, und schreckte damit Neuinvestoren ab. Und dort, wo das meiste Öl liegt, ist es noch schwieriger: In den ­arabischen Staaten ist die Ölförderung durchwegs verstaatlicht, die Saudis warten derzeit vor neuen Erschließungen ab, wie sich die Nachfrage entwickelt. Und im Irak will wegen der Sicherheitslage und des immer noch fehlenden Ölgesetzes derzeit niemand investieren.

Den Ölförderländern ist das derzeit nicht so wichtig – sie verdienen gut am hohen Preis: 1.800 Milliarden Dollar, schätzt Goldman Sachs, überweisen die Ölverbraucher Jahr für Jahr an die Ölproduzenten. Und auch der größte Ölkonzern der Welt, Exxon, lebt trotz wachsender Kritik der Aktionäre vorerst gut mit feh­len­den Investitionen: Der Konzern fuhr 2007 den höchsten Gewinn in der Ge­schichte der USA ein – 40 Milliarden Dollar – und erwirtschaftete eine Eigenkapitalrendite von üppigen 32 Prozent. Alles Anzeichen dafür, dass der Preis tatsächlich in nächster Zeit nicht sinken wird: Auf den Futures-Märkten geht man derzeit von 146 Dollar pro Fass im Jahr 2016 aus. Das spricht für weiterhin lukrative Anlagen in Energie­aktien.

Flüge gestrichen, Autos stehen. Für Verbraucher und Wirtschaft ist der Ölpreis dagegen ein Schock: In den USA werden bereits Flüge gestrichen, und die Auto­industrie stöhnt unter mangelnder Nachfrage nach großen Autos. Der Ölpreis schlägt aber auch auf die gesamte Wirtschaft durch: In Österreich, errechnete Kurt Kratena vom Wifo, kostete die Preisverdoppelung innerhalb eines Jahres 9.000 Arbeitsplätze. Am spürbarsten ist der Ölschock aber an der Tankstelle – und damit konzentriert sich die Wut der Verbraucher auf die heimi­sche Politik: Denn in jedem Liter Benzin stecken derzeit – Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer zusammengerechnet – 67 Cent Steuern, in jedem Liter Diesel 58 Cent. Die österreichische Bundesregierung will darauf nicht verzichten und peitschte stattdessen am Mittwoch die Erhöhung der Pendlerpauschale um 15 Prozent und des Kilometergeldes auf 42 Cent pro Kilometer ab Juli durch den Ministerrat. Trotzdem reicht das nicht – Clevere verrechnen deshalb dem Fiskus die Vollkosten. Wirtschaftsforscher Bernhard Felderer hält von solcher Ad-hoc-Gesetzgebung we­nig. Seiner Meinung nach ist der Benzinpreis derzeit ohnehin noch relativ niedrig: „Wenn klar ist, dass die US-Wirtschaft wieder wachsen wird, wird auch der Dollarkurs wieder ansteigen – und damit auch der Erdölpreis auf Eurobasis.“ Sein Vorschlag: Statt Anreizen fürs Autofahren solle der Benzinverbrauch reduziert werden.

Von C. Milborn, M. Kwauka, R. Winter

Telekom Austria COO Alejandro Plater (li.) und CEO Thomas Arnoldner

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